NS-Literatur:
Höllenkreis der Familie
Der Nazidichter Will Vesper
war ein wichtiger Kulturfunktionär im Nationalsozialismus. Sein Sohn Bernward
beschrieb ihn in dem Buch »Die Reise«. Führers Bettlektüre Teil V...
Von Axel Klingenberg,
www.jungle-world.com,
Jungle World (Nummer 27 vom 25.06.2003)
(haGalil onLine - 26.06.2003):
In der Schule war ein schönes blondes Mädchen, das Karin
Weiß hieß und schöne Hefte mit weißem Papier und grünen Umschlägen besaß. (…)
Sie wohnte in einem Behelfsheim mit ihrem Vater, der ihr die Hefte aus Wien
mitgebracht hatte. Ich war mit ihr ›in einer Klasse‹, und sie schenkte mir und
meiner Schwester je ein Heft. Mein Vater fragte sofort, woher die Hefte kämen,
und ich verstand nicht, warum er wütend wurde und uns befahl, die Hefte sofort
zurückzugeben. Auch sollten wir auf keinen Fall mit Karin Weiß sprechen. Und zu
meiner Mutter sagte er, es wäre nur gut, dass Weiß, der Emigrant, bald wieder
verschwände, der Jude.« Bernward Vesper,
dessen autobiographischem Roman »Die Reise« dieser Auszug entnommen ist, war der
Sohn Will Vespers, der als Schriftsteller und Herausgeber wichtige Funktionen im
Kulturapparat der Nationalsozialisten innehatte.
Bekannt wurde der Bauernsohn Will Vesper durch die von ihm 1906 herausgegebene
Gedichtsammlung »Die Ernte. Aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik«. Er
arbeitete in dieser Zeit für die Verlage C.H. Beck und Langewiesche. Im Ersten
Weltkrieg diente er als Infanterist, später war er wissenschaftlicher
Mitarbeiter im Generalstab. Anschließend zeichnete er für den Kulturteil der
Deutschen Allgemeinen Zeitung verantwortlich.
Von 1923 bis 1943 gab er die Zeitschrift Die Schöne Literatur heraus, die ab
1931 Die Neue Literatur hieß. Hier hetzte er vor allem gegen jüdische Autoren
und emigrierte Schriftsteller. Die nationalsozialistische Zensur ging Vesper,
der seit 1931 Mitglied der NSDAP war, nie weit genug.
Die Machthaber dankten ihm diese Bemühungen, indem sie ihn in die Deutsche
Akademie der Dichtung beriefen. Außerdem gehörte er dem Vorstand des
Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller an und trat bei der Bücherverbrennung
1933 als Redner auf. Sein eigenes Werk, darunter Naturlyrik und Hymnen auf
Hitler sowie Erzählungen und Romane, in denen er reale oder mythische Gestalten
aus der germanischen und deutschen Geschichte glorifizierte, fand allerdings
selbst in Deutschland nicht allzu viel Beachtung, was ihn wohl dazu bewog, sich
ab Mitte der dreißiger Jahre auf sein durch Heirat erworbenes Gut Triangel bei
Gifhorn in der Lüneburger Heide zurückzuziehen.
Die so genannte Stunde Null überstand er unbeschadet. Nach dem Krieg arbeitete
er als Herausgeber für den Bertelsmann-Verlag. Gute Kontakte pflegte er zu
Hans Grimm, der den Begriff »Volk ohne
Raum« geprägt hatte, er las auch auf dessen Lippoldsberger Dichtertagen.
Schließlich trat er dem Deutschen Kulturwerk europäischen Geistes bei, das der
NPD nahe stand und mit seinen 2 300 Mitgliedern bis Anfang der siebziger Jahre
zu den stärksten rechtsextremen Organisationen in Deutschland gehörte.
Auch Will Vespers Sohn Bernward betrieb als Jugendlicher Wahlkampf für eine
Nachfolgeorganisation der NSDAP. Über das schlechte Abschneiden der Deutschen
Reichspartei zeigte er sich tief betrübt. Nachzulesen ist das in dem oben
genannten Buch »Die Reise«. Es wurde 1977 aus dem Nachlass Bernward Vespers
veröffentlicht und zählt, obwohl unvollendet, zu den wichtigsten literarischen
Dokumenten der 68er Revolte.
Denn Bernward Vesper schloss sich
später der Apo an. Er lernte sie im Laufe seines kurzen Lebens alle kennen: die
alten Nazis samt ihrem konservativen Umfeld, wie etwa Adolf von Thadden und
Winifred Wagner, genauso wie die neuen Linken Fritz Teufel, Klaus-Rainer Röhl,
Ulrike Meinhof und Horst Mahler, von denen einige später selbst nach rechts
abwanderten. Und nicht zuletzt hatte Bernward Vesper ein Kind mit Gudrun
Ensslin, nämlich Felix Ensslin.
Am beeindruckendsten sind die Passagen, in denen sich
Bernward Vesper an seinen Vater
erinnert: »Er bog mit dem Fahrrad um die Hausecke, sprang ab, lief noch zwei
Schritte neben dem ausrollenden Fahrrad her und schnaubte durch die
geschlossenen Lippen. (…) Er nahm den Kindern den Ball weg, wenn man auf dem Hof
spielt, können Scheiben kaputtgehen. Im Gras rollt der Ball genauso gut, jawohl.
(…) Beim Abendessen wartet jeder, hinter dem Stuhl stehend, bis er sich gesetzt
hat. (…) Er schickt den Schwiegersohn fort, der mit kurzen Hosen aus dem Garten
zu Tisch kommt. Die Adern an seiner Stirn schwellen an. Er stampft mit den Füßen
unter dem Tisch. Dreißig Esser schauen auf ihre Teller. Jemand bricht in Tränen
aus und läuft aus der Halle. Er läuft hinterher und verlangt, dass die Tür noch
einmal leise geschlossen werde.«
Vesper schildert die lustfeindliche Atmosphäre seiner Kindheit und zeigt auf,
warum die Apo nicht nur Karl Marx und G.W.F. Hegel, sondern eben auch Sigmund
Freud und Wilhelm Reich intensiv
rezipierte. Durch die Einnahme von LSD, so lautete Bernward Vespers Vorschlag,
sollten die Menschen sich ihrer Eingezwängtheit in die gesellschaftlichen Normen
bewusst werden, um sie schließlich zu überwinden. »Die Droge reißt den Schleier
von der Wirklichkeit, weckt uns auf, macht uns lebendig, und macht uns zum
ersten Mal unserer Lage bewusst.«
So schonungslos selbstkritisch die »Reise« auch wirkt,
Bernward Vesper beschönigte auch
seine Vergangenheit. Wie sein Verleger Jörg Schröder recherchierte, warb er
nicht nur für den Nachlass seines Vaters, sondern schrieb unter dem Namen
Bernhard Michaelsen zusammen mit Gudrun Ensslin Briefe mit rechtem Gedankengut
an die Deutsche National-Zeitung, und zwar zu einer Zeit, als er schon die
Anti-Atom-Anthologie »Gegen den Tod« herausgegeben hatte. 1971 wurde
Bernward Vesper in eine
Nervenheilanstalt eingeliefert, wenige Monate später beging er Selbstmord.
Will Vespers Bücher werden inzwischen nicht mehr verlegt, seine Texte finden
sich nur noch in wenigen Sammelbänden. »Die Reise« dagegen ist immer noch zu
erwerben, und das Buch ist es wert, gelesen zu werden.
Felix Ensslin arbeitet übrigens als Referent im Büro des grünen
Bundestagsabgeordneten Rezzo Schlauch. Sein Name ging vor gar nicht allzu langer
Zeit durch die Presse, als er gegen die Untersuchung des Gehirns seiner Mutter,
also gegen ihre Pathologisierung, protestierte.
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