Im Inneren von Überraschungseiern.
Vor hundert Jahren starb
Jules Verne Doch
trotz aller Menschenmöglichkeiten gelang bis auf den heutigen Tag keine weitere
"Reise zum Mittelpunkt der Erde". Von
Franzobel
in der Frankfurter
Rundschau, 24.3.2005:
Michael Jackson trägt bei seinem Kinderschänderprozess
das ihm nicht verliehene Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien, der nervenkranke
Maler Immendorff lässt sich in China fötale Zellen ins Gehirn spritzen, und
ein Freund, der den bekannten Proustschen Fragebogen ausfüllt, beantwortet die
Frage nach dem größten Unglück dieser Welt mit der Unausweichlichkeit des
Todes.
Nun kann man das auch alles umdrehen und Jacko ans Goldene Ehrenzeichen der
Stadt Wien geheftet sehen, den Maler Immendorff der Kinderschändung klagen und
die Unausweichlichkeit des Todes nicht als das größte Unglück, sondern als
das größte Glück bezeichnen. Ein gläubiger Mensch wird ohnehin zu Letzterem
tendieren. Alles verkehrt, alles durcheinander. Jackson lässt sich
Immendorff-Bilder implantieren und der Tod bekommt das Goldene Ehrenzeichen der
Stadt Wien verliehen. Wir leben in einer genuss- und ereignissüchtigen Welt,
die im Tod nur ein Entsorgen, ein nicht mehr am Luxus teilhaben können sieht,
in einer Zeit der Vereinsamung, wo Brustvergrößerungen, Fettabsaugungen,
operierte Schamlippen oder ein Bleichen der Analbehaarung verzweifelter Ausdruck
einer ungestillten Liebessehnsucht sind. In Fitnessstudios werden Körper
solange verbeult, bis sie aussehen wie elektrische Milchschäumer von Alessi. In
Restaurants delektiert man sich an Embryos der Nil-Wasserschlange - pochiert in
verdampftem Gold - und nippt Pandabärenmilch-Drinks, deren gestampftes Eis
abertausende Jahre alt, aus einem Pol geschnitten worden ist. In Reisebüros
kann man die tollsten Abenteuer buchen, Bungee Jumping aus (oder in?)
Passagierflugzeugen, Tauchgänge zum Urankern Tschernobyls, und bald wohl auch
Weltraumausflüge.
Um sich seiner selbst zu vergewissern, braucht der aus seinem Mittelpunkt
gerissene Mensch etwas immer noch Verrückteres, etwas immer noch Extremeres.
Eines aber kann er nicht buchen, eine Reise zum Mittelpunkt der Erde. Schon gar
nicht so eine, wie sie Jules Verne vor fast eineinhalb Jahrhunderten geschrieben
hat. Es ist aber weniger die Abenteuerreise des Hamburger Geologie-Professors
Otto Lidenbrock, der, einem Bericht des fiktiven Weltreisenden Arne Saknussemm
aus dem 16. Jahrhundert folgt und mitsamt seinem Neffen Axel und dem bärenstarken
Hans Bjelke in einen isländischen Vulkan namens Snaefellsjökull einsteigt, um
nach Überwindung zahlreicher Hindernisse in der hohlen Welt prähistorische
Tiere, unterirdische Meere, kämpfende Saurier oder gigantische Pilzwälder zu
sehen, die den Leser seit 1864, dem Erscheinungszeitpunkt, faszinieren, sondern
eher, dass Jules Verne, dessen 100. Todestag es heute zu gedenken gilt, mit
seiner Reise zum Mittelpunkt der Erde einen Archetypus trifft, der sich
zumindest psychoanalytisch als Sehnsucht nach embryonaler Obhut formulieren lässt
- was vielleicht sogar den in den Immendorff-Schädel gespritzten und dort
herumgeisternden Zellen abgetriebener chinesischer Föten zu einer Art Erfüllung
hilft.
Vermutlich lebt davon auch die alle Altersgrenzen
durchwachsende Attraktion der Überraschungseier? An der Idee der hohlen Welt
spintisierten jedenfalls bereits die alten Griechen, die mit den Hyperboreern
eine in der hohlen Erde lebende Urrasse von Riesenmenschen zu kennen glaubten.
Noch heute spukt die Vorstellung von der innerlich belebten Welt durch rechte
esoterische Kreise, beruft man sich auf Piloten, die an den Polen in die hohle
Welt hinein geflogen und dort die abenteuerlichsten Dinge (etwa eine Sonne im
Erdinneren) geschaut haben wollen. Die Liste der Beweise ist lang, keineswegs
glaubhaft und reibt doch an unserem Weltbild. Denn wissen wir wirklich, dass der
Erdkern aus fester, rundherum aber aus flüssiger, 4300 Grad heißer
Eisen-Nickel-Verbindung besteht? Tiefer als 12 000 Meter ist eine Bohrung
bislang nicht gekommen - das ist gerade mal bis zur Milchschokolade beim Überraschungsei.
Kein Wunder also, dass hier noch nicht alles bewiesen, das letzte Wort der
Erdmitte noch nicht gesprochen, die gelbe Plastikpatrone nicht geöffnet worden
ist.
Außerdem spielt bei der Hohlweltphantasie eine Sehnsucht nach einem heilen
Urzustand, einer Urgeborgenheit, mit, die manche sich zurück in die Plazenta
oder noch weiter, in die Hoden, sich sehnen lässt, in ein pränatales Glücksgefühl.
Zurück ins Überraschungsei, in den zerlegten Zustand! Nur so sind die traurig
"berühmten" Internetpornobilder zu erklären, wo Männer mit dem Kopf
voran in weibliche Geschlechter kriechen. Nein, mögen nun welche schreien, das
geht als Deutung für Jules Vernes Reise, diesen im positiven Sinne altmodischen
Klassiker, eindeutig zu tief. Doch gerade diese Zweideutigkeit macht Vernes
Erfolg, verweist doch schon der Name des Vorreisers, des symbolischen großen
Bruders, des Doppelgängers, darauf. Oder was heißt Saknussemm? Sack, Nuss, ähem.
Und wie anders als zweideutig lassen Stellen sich verstehen, in denen es heißt:
" ,Champignons', sagte mein Onkel. ,Ein ganzer Wald voll.' Es handelte sich
tatsächlich um weiße Champignons, die hier in diesem Klima zu einer Höhe von
9 bis 12 m aufgeschossen waren und einen Hut von gleich großem Durchmesser
trugen, Tausende und Abertausende… Dennoch wollte ich weiter vordringen. Aber
eine tödliche Kälte schlug uns aus der feuchten Finsternis unter den Fleischwölbungen
der Pilzhüte entgegen…" So kann man als einzelne Spermienzelle die
Eierstöcke sehen. Und wenn man dann noch weiß, dass Jules Verne aus Nantes
stammt, der Stadt, wo man die besten Austern essen kann…? Nun ja. Zurück zum
Reise-Text, wo nur wenig später von Skeletten und Knochenresten die Rede ist,
so dass offensichtlich wird, es handelt sich bei dieser Unternehmung auch um
eine Reise in den Hades, in das Reich der Toten, Abrahams Wurstschüsserl also.
Ausfahrt in den Tod
Nun ist jede Reise immer eine potentielle
Ausfahrt in den Tod. Was für eine Reise, die zum Mittelpunkt der Erde gehen
will, natürlich ganz besonders gilt. Die Professor Lidenbrocksche Expedition
endet übrigens glücklich am Stromboli. Eine hübsche Idee, die Vulkane als Körperöffnungen
der Erde zu begreifen. Auch die Gestalter des Goldenen Ehrenzeichens der Stadt
Wien waren davon sichtlich inspiriert, gleicht dieser Orden doch einem Strahlen
spritzenden Planeten, in dessen Innerem unerbittlich das Wappenkreuz der
Wienstadt pocht. Das wird auch Jackson beeindruckt haben, diesen verkünstlichten
Menschen, den man nun wegen Verstoßes gegen das Wiener Ehrenzeichengesetz zu
bis zu 700,- Euro Strafe verklagen kann, was ihm egal sein wird. Aber warum
gerade Wien? Weil sie die Hauptstadt des Verdrängten, ein Stadt gewordenes Überraschungsei
ist?
In der Medizin sind vergleichbare Reisen längst alltäglich, werden Sonden
durch Körper-Galaxien geschickt, pumpt man uns Bilder von Mageninnenwänden,
Darmverschlingungen und ähnlichem, was nicht selten den Bildern der
Raumfahrtssonden im Universum gleicht, ins Hirn wie Immendorff die fötalen
Zellen. Aber bringen uns diese Reisen zu uns selbst? Helfen sie uns, mit dem Tod
und den Rätseln unserer Existenz fertig zu werden, oder entfernen sie uns davon
nur? Je mehr Kommunikationsmittel wir haben, desto mehr vereinsamen wir, und je
mehr Bilder wir von uns sehen, desto mehr entfernen wir uns von uns selbst, können
wir uns wahrlich nicht mehr sehen. Mehr und mehr gleichen unsere Mittelpunkte
den Füllungen von Überraschungseiern, sind unsere Kerne nichts weiter als
Gimmicks, empfinden wir in unserer Angstgesellschaft tatsächlich den Tod als
das größte Unglück. Insofern ist trotz aller eindeutig zweideutiger Symbolik
die unbeschwerte Reise von Jules Verne (auch als Reise zu uns selbst) noch immer
zu empfehlen.
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