Das war ein heiterer Abschied von Berlin: sechs Wochen Panke
und ein Abend
Karl Valentin
- die Rechnung ging ohne Rest auf
Peter Panther
(Kurt
Tucholsky) über
Karl Valentin in
"Die Weltbühne" vom 9.10.1924:
Ich kam zu spät ins Theater, der Saal war bereits warm und voller Lachen. Es
mochte grade begonnen haben, aber die Leute waren animiert und vergnügt wie
sonst erst nach einem guten zweiten Akt. Am Podium der Bühne auf der Bühne,
mitten in der Vorstadtkapelle, saß ein Mann mit einer aufgeklebten Perücke, er
sah aus, wie man sich sonst wohl einen Provinzkomiker vorstellt: ich blickte
angestrengt auf die Szene und wußte beim besten Willen nicht, was es da wohl zu
lachen gäbe ... Aber die Leute lachten wieder, und der Mann hatte doch gar
nichts gesagt ... Und plötzlich schweifte mein Auge ab, vorn in der ersten
Reihe saß noch einer, den hatte ich bisher nicht bemerkt, und das war: ER.
Ein zaundürrer, langer Geselle, mit stakigen, spitzen Don-Quichote Beinen, mit
winkligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem,
abgeschabtem Anzug. Sein Löchlein in der Hose - er reibt eifrig daran herum.
"Das wird Ihnen nichts nützen!" sagt der gestrenge Orchesterchef. Er,
leise vor sich hin: "Mit Benzin wär's schau fort!" Leise sagt er das,
leise, wie es seine schauspielerischen Mittel sind. Er ist sanft und
zerbrechlich, schillert in allen Farben wie eine Seifenblase; wenn er plötzlich
zerplatzte, hätte sich niemand zu wundern.
"Fertig!" klopft der Kapellmeister. Eins, zwei, drei - da, einen
Sechzehnteltakt zuvor, setzte der dürre Bläser ab und bedeutete dem
Kapellmeister mit ernstem Zeigefinger: " 's Krawattl rutscht Eahna
heraus!" Ärgerlich stopft sich der das Ding hinein.
"Fertig!" Eins, zwei, drei . . . So viel, wie ein Auge Zeit braucht,
die Wimper zu heben und zu senken, trennte die Kapelle noch von dem
schmetternden Tusch - da setzte der Lange ab und sah um sich. Der Kapellmeister
klopfte ab. Was es nun wieder gäbe -? "Ich muß mal husten!" sagte
der Lange. Pause. Das Orchester wartet. Aber nun kann er nicht. Eins, zwei, drei
- tätärätä! Es geht los.
Und es beginnt die seltsamste Komik, die wir seit langem auf der Bühne gesehen
haben: ein Höllentanz der Vernunft um beide Pole des Irrsinns. Er ist eine
kleine Seele, dieser Bläser, mit Verbandsorgan, Tarif, Stammtisch und
Kollegenklatsch. Er ist ängstlich auf seinen vereinbarten Verdienst und ein bißchen
darüber hinaus auf seinen Vorteil bedacht. "Spielen Sie genau, was da
steht", sagt der Kapellmeister, "nicht zu viel und nicht zu
wenig!" - "Zu viel schon gar nicht!" sagt das Verbandsmitglied.
Oben auf der Bühne will der Vorhang nicht auseinander. "Geh mal sofort
einer zum Tapezierer", sagt der Kapellmeister, "aber sofort, und sag
ihm, er soll gelegentlich, wenn er Zeit hat, vorbeikommen." Geschieht. Der
Tapezierer scheint sofort Zeit zu haben, denn er kommt gelegentlich in die Sängerin
hineingeplatzt. Steigt mit der Leiter auf die Bühne - "Zu jener Zeit, wie
liebt ich dich, mein Leben", heult die Sängerin - und packt seine
Instrumente aus, klopft, hämmert, macht... Seht doch Valentin! Er ist nicht zu
halten. Was gibt es da? Was mag da sein? Er hat die Neugier der kleinen Leute.
Immer geigend, denn das ist seine bezahlte Pflicht, richtet er sich hoch, steigt
auf den Stuhl, reckt zwei Hälse, den seinen und den der Geige, klettert wieder
herunter, schreitet durch das Orchester, nach oben auf die Bühne, steigt dort
dem Tapezierer auf seiner Leiter nach, geigt und sieht, arbeitet und guckt, was
es da Interessantes gibt... Ich muß lange zurückdenken, um mich zu erinnern,
wann in einem Theater so gelacht worden ist.
Er denkt links. Vor Jahren hat er einmal in München in einem Bierkeller
gepredigt: "Vorgestern bin ich mit meiner Großmutter in der Oper
"Lohengrin" gewesen. Gestern nacht hat sie die ganze Oper nochmal geträumt;
das wann i gwußt hätt, hätten wir gar nicht erst hingehen brauchen!"
Aber dieser Schreiber, der sich abends sein Brot durch einen kleinen
Nebenverdienst aufbessert, wird plötzlich transparent, durchsichtig, über- und
unterirdisch und beginnt zu leuchten. Berühren diese langen Beine noch die
Erde?
Es erhebt sich das schwere Problem, eine Pauke von einem Ende der Bühne nach
dem andern zu schaffen. Der Auftrag fällt auf Valentin. "I bin eigentlich
a Bläser! " sagt er. Bläser schaffen keine Pauken fort. Aber, na...
latscht hin. Allein geht es nicht. Sein Kollege soll helfen. Und hier wird die
Sache durchaus mondsüchtig. "Schafft die Pauke her!" ruft der
Kapellmeister ungeduldig. Der Kollege kneetscht in seinen Bart: "Muß das
gleich sein?" Der Kapellmeister: "Bringt die Pauke her!"
Valentin: "Der Anderl laßt fragen, wann." - "Gleich!" Sie
drehen sich eine Weile um die Pauke, schließlich sagt der Anderl, er müsse
dort stehen, denn er sei Linkshänder. Linkshänder? Vergessen sind Pauke,
Kapellmeister und Theateraufführung... Linkshänder! und nun, ganz
skakespearisch: "Linkshänder bist? Alles links? Beim Schreiben auch? Beim
Essen auch? Beim Schlucken auch? Beim Denken auch?" Und dann triumphierend:
"Der Anderl sagt, er ist links!" Wie diesseits ist man selbst, wie
jenseits der andre, wie verschieden, wie getrennt, wie weitab! Mitmensch?
Nebenmensch. Sicherlich legen wir hier das Philosophische hinein. Sicherlich hat
Valentin theoretisch diese Gedankengänge nicht gehabt. Aber man zeige uns doch
erst einmal einen Komiker als Gefäß, in das man so etwas hineinlegen kann. Bei
Herrn Westermeier käme man nicht auf solche Gedanken. Hier aber erhebt sich zum
Schluß eine Unterhaltung über den Zufall, ein Hin und Her, kleine magische
Funken, die aus einem merkwürdig konstruierten Gehirn sprühen. Er sei unter
den Linden spaziert, mit dem Nebenmann, da hätten sie von einem Radfahrer
gesprochen - und da sei gerade einer des Wegs gekommen. Dies zum Kapitel:
Zufall. Der Kapellmeister tobt. Das sei kein Zufall - das sei Unsinn. Da kämen
tausend Radfahrer täglich vorbei. "Na ja", sagt Valentin, "aber
es ist grad einer kumma !" Unvorstellbar, wie so etwas ausgedacht,
geschrieben, probiert wird. Die Komik der irrealen Potentialsätze, die monströse
Zerlegung des Satzes: "Ich sehe, daß er nicht da ist!" (was sich da
erhebt, ist überhaupt nicht zu sagen!) - die stille Dummheit dieses Witzes, der
irrational ist und die leise Komponente des korrigierenden Menschenverstandes
nicht aufweist, zwischendurch trinkt er aus einem Seidel Bier, kaut etwas, das
er in der Tasche aufbewahrt hatte, denkt mit dem Zeigefinger und hat seine
kleine Privatfreude, wenn sich der Kapellmeister geirrt hat. Eine kleine Seele.
Als Hans Reimann einmal eine Rundfrage stellte, was sich wohl jedermann wünschte,
wenn ihm eine Fee drei Wünsche freistellte, hat Karl Valentin geantwortet:
"1. Ewige Gesundheit. 2. Einen Leibarzt." Eine kleine Seele.
Und ein großer Künstler. Wenn ihn nur nicht einmal die berliner Unternehmer
einfangen! Das Geheimnis dieses primitiven Ensembles ist seine kräftige Naivität.
Das ist nun eben so, und wem's nicht paßt, der soll nicht zuschauen. Gott behüte,
wenn man den zu Duetten und komischen Couplets abrichtete! Mit diesen
verdrossenen, verquälten, nervösen Regisseuren und Direktoren auf der Probe,
die nicht zuhören und zunächst einmal zu allem nein sagen. Mit diesem Drum und
Dran von unangenehmen berliner Typen, die vorgeben zu wissen, was das Publikum
will, mit dem sie ihren nicht sehr heitern Kreis identifizieren, mit diesen überarbeiteten
und unfrohen Gesellen, die nicht mehr fähig sind, von Herzen über das Einfache
zu lachen, "weil es schon dagewesen ist". Sie jedenfalls sind immer
schon dagewesen. Karl Valentin aber nur einmal, weil er ein seltener, trauriger,
unirdischer, maßlos lustiger Komiker ist, der links denkt.
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