
Post-Pop-Literatur
: Auf der Straße zur Hui-Welt
Vor
zwei Jahren erzählte Uschmann erstmals von einer Bochumer Männer-WG in „Hartmut
und ich” („Hui”). Es folgten 2006 „Voll beschäftigt” und in diesem Jahr
„Wandelgermanen”. Hartmut ist Philosophie-Student, Weltverbesserer, Aktivist.
Egal, welche Theorie er auf die Spitze treibt: Er muss seine Gedanken umsetzen.
Er trägt Damenbinden, um die Unterteilung in männlich und weiblich zu
durchbrechen. Er „dequalifiziert” Intellektuelle, um sie in Arbeit zu bringen.
Er streckt einen Radfahrer nieder, um Männlichkeit darzustellen. Stets begleitet
vom Ich-Erzähler, einem Paket-Packer, dem eine Badewanne und eine Playstation
genügen würden, stünde er seinem skurrilen Freund nicht loyal zur Seite.
Es steckt viel Uschmann in Hartmut. Auch wenn er nie Damenbinden trug. Während des Studiums und der Zeit in der linken Szene habe er sich „über jede absurde Konsequenz aus politischer Theorie Gedanken gemacht”. Fünf Jahre engagierte er sich, egal, ob bei den Öko-Anarchisten oder im Schwarzen Block. „Heute mache ich mich über vieles davon lustig”, sagt er. „Einiges finde ich noch richtig, aber vieles ist dogmatisch.” Er hasst Einseitigkeit. „Wer sich viel interessiert für die Dinge, kann keine eindeutige Position einnehmen”, sagt er.
Bis
er diese Einstellung literarisch umsetzen konnte, versuchte er sich an „düsteren
und harten” Geschichten, veröffentlicht in Zeitschriften. Bis er den Weg zum
Humoristischen fand. „Das ist mein Medium, durch das ich alles sagen kann”, sagt
Uschmann. Denn die Hartmut-Bücher sind bei allem Witz, der einen Seite um Seite
verschlingen lässt, grimmig und sarkastisch. Sie beleuchten die Realität der
Generation Praktikum mit Absurdität. Das Wort „hartmutesk” hat Uschmann
erfunden: Die Welt als Abenteuerspielplatz, in der alles erlaubt ist – und in
der gehandelt wird. Eins zu eins will sich der Autor jedoch nicht in Hartmut
wiederfinden. Uschmann steckt auch im Ich-Erzähler, er liebt Schaumbäder. Die
Figur des Jochen, von dessen Balkon in Dortmund „Hartmut und ich” Aufmärsche von
Neo-Nazis und Antifa zu Peter-Maffay-Liedern erleben, spiegelt Uschmann ebenso
in Teilen wider.
Dieser Balkon ist die Position, die sich der 30-Jährige wünscht. Er will Übersicht schaffen, Theorien und Lebensweisen erklären. Darin sieht Uschmann den entscheidenden Unterschied zu jenen, die die Gegenwartskultur zurück in die Bücher holten: den Popliteraten. Er meint Benjamin von Stuckrad-Barre und Nick Hornby: Sie zeigten wertende Arroganz, stellten einen Geschmackskanon auf. Hinzu komme die dauerhafte ironische Distanz. „Beides mag ich nicht.” Er spricht von Post-Pop-Literatur bei seinen Büchern. „Bei Hartmut darf man alles.” Auch Pur hören.
Der „Multiperspektivismus” des Autors führte zum Erfolg: Seine Bücher sind beliebt quer durch alle Schichten. An einem Tag liest er vor 220 Leuten auf der Erfurter Herbstlese, am nächsten vor zehn im Punkschuppen, danach diskutiert er mit Jungliberalen. Zuletzt war er bei Bochumer Schülern, die sich mit „Hartmut und ich” beschäftigten. 200 000 Exemplare der drei Hartmut-Bücher verkauften sich bisher, zwei Wochen lang stand „Wandelgermanen” in den Top 20 des „Spiegel”.
Das hat Uschmann gefreut, doch wichtiger ist ihm etwas Anderes: die Erschaffung des Hui-Universums. Das Vorbild ist Terry Pratchetts Scheibenwelt. Dafür stürzt sich Uschmann mit einer Intensität in die Arbeit, die auch Hartmut auszeichnet. Denn „Hui” sind nicht nur Bücher. Es ist auch die Internetseite, auf der ein virtueller WG-Rundgang möglich ist, Kurzgeschichten und Erklärungen zu finden sind.
Der Weg zur Hui-Welt führte ihn 2007 über die Autobahn. Stunden verbrachte er in Hamm-Bockum, mehr als 70 Tage tingelte er von Lesung zu Lesung. Autobahn-Kilometer, die derzeit Niederschlag finden im nächsten Roman, der im November erscheint. Quer durch Deutschland führt Teil vier „Hartmut und ich”. Buch Nummer fünf ist mit dem Fischer-Verlag vertraglich fixiert. „Es ist noch lange nicht zu Ende”, sagt Uschmann. Viel Arbeit wartet – alles andere wäre Illusion.
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