|
|
| Foto: Marko Lipus www.literaturfoto.net |
Peter Turrini verspricht neue Stücke
Der Dramatiker wird
mit dem Nestroy für sein Lebenswerk
ausgezeichnet. Turrini im Interview über Lampenfieber, Whiskymengen und
Tragödien.
Von
Michaela Mottinger im Kurier, Wien, 30.10.2011:
Über Ihre dramatische
Arbeit sagten Sie, sie stünde für eine Literatur, "die kein Eingangstor
braucht". Ich hatte stets das Gefühl, das Thema Ihres Werks ist die alltägliche
Katastrophe, von Ihnen gemalt in krassesten Farben.
Sie haben schon recht, in meinen Stücken geht es oft sehr schlimm zu. Aber meine
Tragödien sind auch Komödien. Je krasser die Szenen sind, desto lustiger sind
sie. In der Kunst und im Leben. Nehmen Sie zum Beispiel das Alter, dem ich
langsam anheimfalle. Man wird kontinuierlich älter und blöder und unfähiger, bis
man schließlich tot ist. Wie soll man diese Unausweichlichkeit ertragen? Man
macht Witze.
Denkt man beim Schreiben an die Ewigkeit?
Dass sich ein Dramatiker an den Schreibtisch setzt und reißbrettartig alles
entwirft - den Skandal bei der Uraufführung, die Übersetzung ins Chinesische,
den Platz in der Ewigkeit -, das wäre schön bescheuert. Ich schreibe, weil ich
glaube, der Welt etwas mitteilen zu müssen und weil ich nicht anders kann. Ich
glaube, dass der Mensch eine grandiose Erfindung ist, die nur ständig hinter
ihrem eigenen Entwurf zurückbleibt.
Ich glaube, dass die meisten Menschen zerstört, entwertet werden. Das empört
mich und
darüber muss ich schreiben. Ich will die Menschen zum Weinen und zum Lachen und
zum Nachdenken bringen. Ob etwas davon gelingt, vielleicht nur für einen
Theatermoment, oder ob die Leute schon in der Vorstellung an das Lokal denken,
in welches sie nachher gehen werden, das weiß ich nicht. Man kann sich etwas
wünschen, kalkulieren kann man gar nichts.
Das heißt?
Für mich ist Theater ein Ort der Menschenerkundung. Ich will die Wirkung des
Augenblicks. Ein Theater hat auch etwas mit einem Fußballplatz zu tun. Ein
Fußballspieler kann seinem Publikum auch nicht zurufen, dass er in der nächsten
Saison besser spielen wird. Am Theater entscheidet sich alles an diesem einem
Abend. Deshalb ist es ja auch so gefährlich und so beglückend, wenn es
funktioniert.
Wie ist es bei Ihnen eigentlich mit
Lampenfieber? Sitzen Sie bei Premieren immer noch immer im Intendantenbüro und
trinken Whisky?
Es wird immer schlimmer und die Whiskymenge immer größer.
Das glaube ich Ihnen nicht, da sind Sie ja am
Schluss zu blau zum Verbeugen.
Soll ich das nächste Mal beim Verbeugen in den Orchestergraben fallen, damit Sie
mir glauben? In der Regel arbeite ich ein Jahr an einem Stück. Dann bin ich oft
mehrere Wochen bei den Proben, dann erfahre ich in drei Minuten, ob das Stück
funktioniert oder nicht. Daumen rauf oder Daumen runter. Und da soll ich
nüchtern und gelassen bleiben?
Früher sagten Sie einmal, ohne fünf Gedichte
und einen Dramenentwurf in der Tasche, trauen Sie sich keine Frau anzusprechen.
Dann kam vor zwanzig Jahren Silke Hassler in Ihr Leben.
Ich habe am Anfang auch bei der Silke mit der Kunst geprotzt. Wenn ich ein
Selbstbewusstsein habe, dann liegt es im Literarischen, nicht im Körperlichen.
Ich bin der Silke ja sehr dankbar, dass sie es nicht nur auf das Literarische
abgesehen hat. Wir treffen uns ungefähr ein bis zwei Mal in der Woche, nach
vorheriger telefonischer Vereinbarung. Ich bin unfähig zum gemeinsamen Alltag.
Ich will diskutieren und schöne Sachen machen. Kochen, bügeln und putzen kann
ich sowieso besser.
Sie sind gebürtiger Kärntner. Nun bekommt ein
anderer Kärntner, Peter Handke,
für ein Kärntenstück, "Immer noch Sturm", den Nestroy-Autorenpreis. Hätten Sie
lieber getauscht?
Man weiß so wenig über die Kärntner Slowenen, vor allem nach 1945. Die
Geschichte der Kärntner Slowenen ist eine vergessene, eine verdrängte.
Peter Handke, aber auch
Maja Haderlap mit ihrem Roman "Engel des
Vergessens", haben die Geschichten dieser Menschen literarisch bewahrt. Wenn der
Peter Handke, den ich schon von Jugend an
kenne, zur Preisverleihung kommt, dann freue ich mich, ihn zu sehen und wir
werden miteinander einen heben, egal, wer welchen Preis bekommen hat.
Leseprobe I Buchbestellung I home 1111 LYRIKwelt © Kurier