40. Todestag B. Traven
Asche im Heck
Von Wilfried F. Schoeller in der Frankfurter Rundschau, 25.3.2009:

Jahrzehntelang haben sich Heerscharen von Reportern an seine Spuren geheftet, um seine Herkunft und seine Identität aufzuhellen. Vergeblich: B. Traven hat sich mit Finten und Tricks, strategisch angelegten Lügen und phantastischen Coups jeder Eindeutigkeit entzogen. Erst kurz vor seinem Tod 1969 hat er zugegeben, dass er jener Anarchist war, der unter dem Namen Ret Marut in München die Kriegszensur mit seiner radikalen Zeitschrift "Der Ziegelbrenner "überlistete. Er war der geborene Pässewechsler, das selbst statuierte Rätsel, der Alias mit vielen Namen. Das Suchspiel ist noch lange nicht zu Ende.

Seine Romane, die als Manuskripte seit 1925 bei der Büchergilde Gutenberg eintrafen, drohen im Schatten der Legenden zu verschwinden. Sein Werk ist bevölkert mit Indios, Criollos und Yankees, Negern, Mestizen und Chinks. Er selbst ist "El Blanco", der Weiße, aber er teilt mit allen Ausgebeuteten und Entrechteten das Schicksal. Das ist die sozialkritische Geste. Travens Gestalten sind Verlorene, die entweder der Dschungel verschluckt oder die Verzweiflung oder das Gesetz des Kapitals und der Herren aus Nordamerika.

Möglicherweise schipperte Traven im Sommer 1924 wie der Seemann Gales auf einem Das Totenschiff von B. Traven, 1999, Büchergilde"Totenschiff" übers Meer, vielleicht strandete er wie Odysseus als Schiffbrüchiger, oder er lief mit einem Frachter in Veracruz ein. Er bezog eine Holzhütte in der Nähe von Tampico, verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter, woraus er seine Kenntnisse über Farmer und Spekulanten, Seeleute und Ölarbeiter, Banditen, Nepper, Polizisten, Señoritas der freigiebigen Art gewann. Er studierte einige Zeit an der Universität in Mexico City, beteiligte sich an verschiedenen ethnologischen Expeditionen, wovon sein späteres anthropologisches Behauptungswerk "Land des Frühlings" sich nährte.

Der Ruhm stellte sich bereits mit seinem ersten Roman "Die Baumwollpflücker" ein. Einige Gestrandete ziehen durch die Lande, auf der Suche nach Arbeit. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen, sie kennen nur einen Punkt, wo sie hinziehen wollen: Ixtilxochitchatepec. Ein Sextett an Figuren, ein verlorener Haufen auf einer langen Reise in eine gott- und menschenverlassene Natur und in die Wüste der Stadt. Mit diesem Roman eröffnete Traven die lange Reihe von Werken, die zusammen ein Schachbrettmuster von Gut und Böse - die versteinerte Alternative: "Friss oder werde gefressen!" - ergeben, aber auch vom Mythos der Revolte raunen. Eine Gewalt seit altersher entscheidet über Leben und Tod. Es wird keine Gesellschaftstheorie illustriert. Einige Maximen nur weisen auf den unabhängigen Radikalen, auf den Individualanarchisten im Banne Stirners hin, der Ret Marut gewesen war.

Der Roman "Der Schatz der Sierra Madre" erschien 1927 als Buch und wurde zwanzig Jahre später in der Verfilmung mit Humphrey Bogart ein Welterfolg. Drei Desperados ziehen aus, um Gold zu suchen. Einer von ihnen wird am Schluss ermordet, der andere lebensgefährlich verletzt, der dritte geht zu den Indianern als Medizinmann. Die Gier nach Gold hat sie zusammengetrieben, die Arbeit hat sie zu Kameraden gemacht, der erworbene Reichtum entzweit sie wieder, und das Gold verfliegt als Sand im gleichmütigen Wind. Es ist ein Buch, das mit biblischer Weisheit umgeht, das die Legendenkraft des Märchens hat und die Inbrunst des Erschreckens vor der menschlichen Habsucht.

In "Die Brücke im Dschungel", zu Unrecht im Schatten der vorausgegangenen Romane, werden die Geschehnisse einer langen Nacht, eines Morgens und eines Nachmittags erzählt. Ein magisches Rund ist die Bühne: Eine Fläche inmitten des Dschungels, auf der Indios und Gringos, Arbeiter einer nordamerikanischen Öl-Company, zu einem Fest zusammenkommen, das sich dann doch nicht ereignet, weil ein Junge stirbt, so dass alles in einem Schattengelände der irrlichternden Suche, der Trauer, der Klage, der Unwiderruflichkeit des Todes, in den Riten des Schmerzes versinkt. Nichts ereignet sich und alles: Das Leichenbegängnis in diesem Buch ist das Funeral der indianischen Kultur, ein geradezu zeremonieller Abschied von ihr.

Wer ist der Mann, der als deutscher Anarchist nach Mexiko ging und dort seinen europäischen Blick verlor? Vielleicht hat er selbst nicht genau gewusst, woher er stammte und welch dunkler Antrieb ihn zu immer neuen Masken und Spiegelfechtereien verlockte. Noch seine allerletzte Geste war Widerstand: Als seine Asche über dem Rio Jataté ausgestreut werden sollte, flog sie wieder ins Flugzeug hinein und verstreute sich im Heck.

In der Calle Mississippi von Mexico City ist sein Wohnhaus wegen des rasenden Verkehrslärms unbewohnbar geworden. Die Tiefen des Traven-Nachlasses in Guernavaca hat noch niemand ausloten können, weil sie nicht aufbereitet sind. Wenn sich doch jemand fände, der all diese Schätze kaufte und nach Deutschland in ein funktionierendes Literaturarchiv überführte. Dann könnte man nach der biographischen Wahrheit Travens graben. Wir erführen vermutlich, wer er war - hinter dem Schriftsteller, dessen epischer Atem uns schon anwehte, als wir noch in der Lesekindheit waren.

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