Geedichte von Tomas Tranströmer, 1999, Hanser1.) - 4.)

Nobelpreis: Der alte Schwede dichtete wenig
Der Literaturnobelpreis 2011 geht an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer, 80. Er hat ein Werk von knapp 100 kurzen Texten vorzuweisen
Von Peter Pisa im Kurier, Wien, 6.10.2011:

Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden. Der Satz stammt von Friedrich Dürrenmatt. Insofern macht es keinen Sinn, den ersten Gedanken am Donnerstag um 13 Uhr, als aus Stockholm die Nachricht kam, zu verschweigen - nämlich: Die Buchhändler werden sich halten können vor Freud'.

Irgendjemand hat einmal ausgerechnet: Tomas Tranströmer hat, seit er mit 24 als Dichter debütierte, durchschnittlich vier Texte pro Jahr geschrieben. Gedichte. Kurze Gedichte wie zum Beispiel, in der japanischen Haiku-Technik:

"Vom Dunkel getragen.
Ich begegnete einem großen Schatten /
in einem Paar Augen."

Das grosse Rätsel von Tomas Tranströmer, 2005, HaneerDas stammt aus dem Band "Das große Rätsel", 2005 im Münchner Hanser Verlag erschienen. 80 Seiten. Hanser hat auch "Für Lebende und Tote" über die Versöhnung zwischen äußerem und innerem Leben. 56 Seiten.

Schlaganfall

Der Literatur-Nobelpreis 2011 - mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert - geht sozusagen an die Lyrik; zum ersten Mal seit 1996 (Wislawa Szymborska, Polen).
Er geht an einen bedeutenden Lyriker, das muss man schon dazu sagen. Mit ganz wenigen Worten schafft er Sprache.

Das Geld bleibt in Schweden. Zum achten Mal in der 100-jährigen Geschichte.
Tomas Tranströmer ist 80. Seit einem Schlaganfall vor 20 Jahren hat er das Sprechvermögen nahezu verloren. Mit seiner Frau lebt er zurückgezogen in Stockholm. Mit ihrer Hilfe hat er seine Memoiren "Die Erinnerungen sehen mich" (Hanser, 1999) sowie Gedichte geschrieben.

Tranströmer stammt aus einer Journalistenfamilie. In den 1950er-Jahren studierte er Psychologie, Literatur- und Religionsgeschichte. Als leitender Anstaltspsychologe arbeitete er mit jugendlichen Straftätern, und dichtete nebenbei:

"Der Junge trinkt / Milch / und schläft geborgen in seiner Zelle, / eine Mutter aus Stein."

Später verdiente er sein Geld als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern. Dass damals seine Lyrik längst weltweit gerühmt wurde, änderte nichts daran. Leben kann man schwer davon.
Es sind weniger als 100 sparsame Texte, die von ihm sind. Laut Nobelpreis-Jury "hat er uns mit seinen verdichteten, transparenten Bildern einen frischen Zugang zur Realität gegeben."

Von Buchmachern vorhergesehen

Der 68er-Bewegung war das nicht aufgefallen: Sie wandte sich von ihm ab, weil seine Poesie keinen Beitrag zu den Diskussionen geleistet habe. Tranströmer hielt dagegen, nicht Ideologien kennzeichne sein Werk, sondern Visionen.

Verdächtig ist das wieder einmal: Der Londoner Wettanbieter Ladbrokes hatte Donnerstag noch Bob Dylan als Favorit Nummer 1 geführt. Drei Stunden vor Bekanntgabe aber war der Schwede auf Platz 1.

Reaktionen: "Keine Ahnung, wer das ist"

Für den behinderten Nobelpreisträger, der vom Anruf der Akademie beim Musikhören "gestört" wurde, gab seine Ehefrau die ersten Interviews: "Tomas ist unglaublich froh, aber auch überwältigt. Und überrascht. Er glaubte nicht, dass er das erleben würde."
Marcel Reich-Ranicki war auch überrascht: "Ich habe keine Ahnung, wer dieser Lyriker ist." Ob er Verständnis für die Wahl habe? "Ich glaube nicht." Reich-Ranickis langjähriger Wunschkandidat ist US-Autor Philip Roth.

Für Akademiesprecher Englund ist Tomas Tranströmer "einer der größten Poeten unserer Zeit". Im schwedischen Verlag Bonnier ist man "zu durcheinander, um das überhaupt zu begreifen". Beim Hanser Verlag beginnt man sofort mit dem Nachdrucken.

PS: In Serbien reagierte man - falsch: Man ging der "Ente" auf den Leim, wonach der Preis an den serbischen Schriftsteller und einstigen jugoslawischen Präsidenten Dobrica Cosic gehe.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.kurier.at]

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Die Erinnerungen sehen mich von Tomas Tranströmer, 1999, Hanser2.)

Der modernen Seele gelauscht
Psychologe und Poet, romantischer Surrealist und Sprachskeptiker: der neue Literatur-Nobelpreisträger
Tomas Tranströmer
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 7.10.2011:

Als Tomas Tranströmer in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag im Stockholmer Stadttheater feierte, da stellt sein deutscher Verleger Michael Krüger mit leisem Bedauern fest, dass der Poet nicht zu jenen Autoren gehört, die alle zwei Jahre einen großen Roman abliefern. Dann aber lobte er Tranströmer, dem die Schwedische Akademie gestern den mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotierten Literaturnobelpreis zusprach: "Du gehörst zu den Meistern der Stille und der schmalen Zone zwischen innen und außen."

Der gelernte Psychologe Transtömer, der jahrzehntelang junge Straftäter und Junkies betreute und heute mit seiner Frau Monica in Stockholm lebt, legt seine oft surreal anmutenden Gedichte als Spiegel der modernen Seele an. Sie rühren auch in ihren Gedankenflügen aus der letzlich romantischen Sehnsucht, das in Worte zu fassen, was zwischen den Dingen, zwischen den Menschen steht, ohne dass es sicht- oder fassbar wäre. "Durch seine dichten, durchlässigen Bilder verschafft er uns einen frischen Zugang zur Realität", schreibt die Nobel-Jury in ihrer Begründung.

Transtömers erster Lyrik-Band "17 dikter" erschien 1954, da war er 23 und studierte noch. Dass er in seinen Gedichten stets vor allem den Regungen des Innern lauscht, hat Tranströmer in Laufe der 60er-Jahre zunehmend die Kritik der Linken in seinem Lande eingetragen, die auch von ihm eine engagierte, politische Lyrik forderte und spottete, er statte das "Volksheim" der schwedischen Gesellschaft nur mit bunten Worttapeten aus. In der Tat strotzen gerade Tranströmers frühe Gedichte vor Lebenszuversicht und süffigen Bildern. Doch bald wandelte sich Tranströmer zum Wort-Skeptiker: "Die Sprache marschiert im Gleichschritt mit den Büttel", beginnt einer seiner programmatischen Verse, "deshalb müssen wir uns eine neue Sprache suchen."

Zeitweise wurde gar das Verstummen zum Leitmotiv seiner Verse. Seinen Gegnern warf er einen "wütenden Hunger nach Einfachheit" vor.
Tranströmer hingegen ist stets darauf aus, das Individuelle, das Gefühl, das zutiefst Persönliche zu schützen vor der Gängelung durch den Staat und "die Kräfte der Wirtschaft, diesen kommerziellen und materialistischen Moloch dieser Zeit".

Das grosse Rätsel von Tomas Tranströmer, 2005, HaneerUnd er setzte sich durch damit. Obwohl Lyrik nicht eben leicht zu übersetzen ist, wurden Tranströmers Werke in 50 Sprachen übertragen. Und als Tranströmer sechs Jahre nach seinem schweren Schlaganfall von 1990, der ihn halbseitig gelähmt und sprachunfähig zurückließ, mit dem Gedichtband "Der Trauergondel" auf die literarische Bühne zurückkehrte, wurde es ein Triumph: Der Band verkauft sich in Schweden bestsellerreife 30 000 Mal.

1966 erhielt Tranströmer den Bellman--Preis, gefolgt von einer Flut weiterer Auszeichnungen, darunter der deutsche Petrarca-Preis 1981. Seit 1997 lobt die Arbeiterstadt Västeras, in der Tranströmer drei Jahrzehnte senes Lebens verbrachte, ihm zu Ehren den Tranströmer-Literaturpreis aus.

Zu den bekanntesten Werken des neuen Nobelpreisträgers zählen "Klanger och spaar" (Klänge und Spuren) aus dem Jahr 1966 und "Östersjöar" (Ostseen) aus dem Jahr 1974. Hierzulande sind die deutschen Übersetzungen seiner Gedichte sämtlich beim Carl Hanser Verlag erschienen, wo derzeit drei Bände lieferbar sind: "Sämtliche Gedichte" (1997), "Die Erinnerungen sehen mich" (1999) und "Das große Rätsel" (2005).

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Die Erinnerungen sehen mich von Tomas Tranströmer, 1999, Hanser3.)

Der Fallschirm der Worte
Triumph für die Lyrik: Der schwedische Dichter
Tomas Tranströmer erhält den Literaturnobelpreis 2011 - Sein Werk ist schmal, aber intensiv und beruht auf Erfahrungen und präzisen Wahrnehmungen der Wirklichkeit
Von Stefan Gmünder aus Der Standard, Wien vom 7.10.2011:

Es ist also doch nicht Bob Dylan geworden oder Philip Roth oder der syrische Dichter Adonis. Die literarischen Buchmacher lagen aber heuer insofern nicht ganz falsch, als der 1931 geborene schwedische Lyriker Tomas Tranströmer ganz oben auf ihren Wettzetteln stand. Und obwohl nun wieder einmal ein weißer Mann und Europäer mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird, dürfte die Entscheidung der Akademie nicht nur Schweden und Lyrikspezialisten freuen.

"Aufwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum / Frei von dem angstvollen Wirbel sinkt / der Reisende in die grüne Zone des Morgens" schrieb der damals 23-jährige Tranströmer 1954 im "Präludium" seiner ersten Gedichtsammlung 17 dikter (17 Gedichte). Das Gedicht endet mit einer Frage: "Der Reisende steht unter dem Baum. Wird / nach dem Sturz durch den Wirbel des Todes / ein großes Licht sich entfalten über seinem Haus?"

Nun ist Tomas Tranströmer an den Leinen seines Fallschirms, der aus Worten besteht, in Stockholm, wo er geboren wurde und heute noch lebt, gelandet - und somit endgültig in der Weltliteratur angekommen. Tranströmers Werk ist mit gut elf Lyrikbänden schmal, aber intensiv. "Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges", konstatierte etwa die FAZ.

Tranströmers Kollege Lars Gustafsson schrieb: "Der Dichter steht sehr deutlich vor mir, wenn ich seine Gedichte lese, anspruchslos, liebenswürdig, intelligent. (...) Tranströmer ist bemerkenswert. Wenn man seine Gedichte sorgfältig liest, entdeckt man, dass sie eigentümlich gleich geblieben sind, von den 50er-Jahren bis heute".

Das grosse Rätsel von Tomas Tranströmer, 2005, HaneerIn der Tat ist Tranströmer seinen Weg unbeirrt gegangen - im Ausland lange wenig beachtet. Er folgte ihm auch, als 1990 ein schwerer Schlaganfall zu einer halbseitigen Lähmung und Sprachbehinderung führte, die das Schreiben nahezu verunmöglichte. Er verfasste weiterhin Gedichte, unterstützt von seiner Frau Monica und in Kurz- also Haiku-Form. In deutscher Übersetzung liegen sie im Band Das große Rätsel (Hanser) vor.

Einer subjektiven Weltsicht, die immer wieder den Kampf des Individuums um Freiheit in einer materialistischen Welt thematisiert, ist Tranströmer in seinen bildreichen und raffinierten Versen treu geblieben. Zwar wurde er früh mit Zuschreibungen wie "Präzisionslyriker", der "Weitwinkelgedichte" schreibe, versehen, doch seit seinen Anfängen - und obwohl er sich in den 1970er-Jahren kritisch mit dem Sozialismus, nicht nur in seinem Heimatland, auseinandersetzte, - lag er immer quer zum Zeitgeist.

Nur die Vision zählt

In einem Interview sagte er: "Der Intellekt wird erst hinzugeschaltet, wenn ich damit beginne, aus den Inspirationsfragmenten eine Einheit zu formen. Meine eigentliche intellektuelle Leistung besteht darin, dass ich versuche, die Dinge deutlich zu machen. Ich versuche also, mich in die Lage des Lesers zu versetzen und mir die bis dahin oft noch unbegreiflichen Impulse so zu konkretisieren, dass sie begreiflich werden - auf der Erfahrungsebene auch für den Leser begreiflich werden."

Wahrnehmung, Gefühl, Erfahrung von Realität spielen in den kargen, immer wieder mit überraschenden Metaphern durchwobenen Gedichten eine tragende Rolle. Tranströmer, der sich zuweilen von der sapphischen Ode inspirieren ließ oder Hölderlin zitierte und zahlreiche Naturgedichte schrieb, ist allerdings schwer auf einen Stilnenner zu bringen.

Das Einzige, was zähle, sei die Vision, sagte Tranströmer 1986 im Svenska Dagbladet über diese Eigenständigkeit. In den 1960er-Jahren, Tranströmer hatte Afrika und Nordamerika bereist und einen Zyklus über seine Mittelmeerreisen begonnen, wurden Stimmen laut, Tranströmers Lyrik habe (zu) wenig mit der "Wirklichkeit" zu tun, er betreibe "Kunst um der Kunst willen". Partei ergriff der Dichter auch weiterhin nicht, für keine politische Seite. Seine Positionen bezog er dadurch, dass er immer wieder ihren Missbrauch thematisierte, in der Sprache.

Im Gedicht Mit dem Fluss (1970) schreibt er: "Bei Gesprächen mit Zeitgenossen sah und hörte ich hinter ihren Gesichtern / die Strömung, / die lief und lief und Willige wie Unwillige mit sich zog. / Und das Geschöpf mit verlebten Augen, / das mit dem Strom mitten im Fluss gehen will, / wirft sich geradewegs nach vorn, ohne zu beben, / in einem wütenden Hunger nach Einfachheit."

Gedichte als Gegenwehr

Der 80. Geburtstag des Lyrikers wurde in seiner Heimat, die Tranströmer einmal als aufgedocktes Schiff bezeichnete, dessen Segel gerafft seien , opulent gefeiert. Zeitungen druckten Spezialbeilagen, Liebeserklärungen wurden abgegeben und Aftonbladet nannte Tranströmer den "Poeten, den alle lieben".

Gedichte können eine Gegenwehr sein. Auch weil sie, wie es in der Begründung der Nobelpreisjury heißt, "in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen" weisen.

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Geedichte von Tomas Tranströmer, 1999, Hanser4.)

Nobelpreis für den Poeten, den alle lieben
Es ist eine echte Überraschung: Der Literatur-Nobelpreis geht an Schwedens berühmtesten Lyriker Tomas Tranströmer.
Von Thomas Borchert im
Münchner Merkur, 6.10.2011:

In Stockholm glaubten viele, dass die Nobelpreis-Jury dem schwerbehinderten und inzwischen 80 Jahre alten Tomas Tranströmer die Aufregung um den wichtigsten Literaturpreis der Welt ersparen wollte. Abgesehen davon war lange klar, dass Schwedens berühmtester Lyriker den Preis wie wenige verdient hat. Jetzt ist die Auszeichnung da – und bei der gestrigen Bekanntgabe brandete Jubel auf. Mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro ist diese Auszeichnung dotiert, die am 10. Dezember in Stockholm überreicht wird.

Zum 80. Geburtstag am 15. April hatte Schwedens Regierung Tranströmer einen Professorentitel geschenkt. Sein Schriftstellerkollege Lars Gustafsson schrieb damals in der Zeitung „Dagens Nyheter“: „Er ist ein Mystiker, ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist.“ Schwedens größte Zeitung „Aftonbladet“ nannte Tranströmer den „Poet, den alle lieben“.

Das grosse Rätsel von Tomas Tranströmer, 2005, Haneer„Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges“, meinte ein anderer Kritiker, als Tranströmers sehr schmaler Gedichtband „Das große Rätsel“ in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschien.

Der Sprecher der Schwedischen Akademie, Peter Englund, sagte bei der gestrigen Bekanntgabe des Nobelpreises: „Tranströmer ist einer der größten Poeten unserer Zeit.“ Der Lyriker habe den Preis bekommen, weil er „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist“.

Abgerungen hat sich der Schwede die Gedichte, die nach der Erkrankung entstanden sind, in einem mühsamen und komplizierten Prozess mit seiner Frau Monica Bladh-Tranströmer. Der leise Poet kann nach mehreren Schlaganfällen kaum mehr als „Ja“ oder „Nein“ sagen. Trotzdem sind seitdem mehrere Gedichtbände erschienen, meist in der strengen minimalistischen japanischen Haiku-Form, sowie auch seine Autobiografie „Die Erinnerungen sehen mich“.Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten trägt Tranströmer stets den Gesichtsausdruck eines Menschen, der mit sich im Reinen ist. Zum 80. Geburtstag ließ sich der scheue Dichter interviewen und auch fotografieren. Beim einhändigen Spiel am Flügel, bei Ausflügen im Rollstuhl und beim Training mit der Physiotherapeutin. Im Interview begann Tranströmer, so gut er konnte, mit den Antworten, Ehefrau Monica vollendete. Der Reporterin von „Svenska Dagbladet“ gefiel, wie sich das Paar verständigte: „Wenn er etwas zu sagen versucht, fängt sie das elegant auf und bringt den Gedanken zu Ende.“ Während sie spreche, suche die Ehefrau mit Blicken zu Tomas Vergewisserung, ob sie das Richtige sagt.

Nach seinem Debüt als Lyriker 1954 dauerte es fast drei Jahrzehnte, ehe die Kritik auch international auf Tranströmer aufmerksam wurde. Die ersten Berufserfahrungen sammelte er Mitte der Fünfzigerjahre als Mitherausgeber einer Zeitschrift in Uppsala. Anfang der Sechziger arbeitete der studierte Psychologe und Literatur- sowie Religionswissenschaftler zunächst als Anstaltspsychologe für jugendliche Strafgefangene. Von 1966 bis zu seinem ersten Schlaganfall schrieb er Gedichte, halbtags war er als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern tätig. Später wurde es im Gefolge der 68er-Bewegung deutlich ruhiger um Tranströmer, der politisch niemals in Erscheinung getreten ist.

Erst Jahre später entdeckten ihn Kritik und Publikum neu. 1981 erhielt der Schwede den deutschen Petrarca-Preis, 1990 den Literaturpreis des Nordischen Rates und 1992 wiederum in Deutschland den Horst-Bienek-Preis. In seinen vom Umfang her ebenfalls sehr knappen Erinnerungen heißt es: „Mein Leben. Wenn ich dieses Wort denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif.“ Der Kopf sei die Zeit des Heranwachsens, der Kern, sein dichtester Teil, die sehr frühe, entscheidend prägende Kindheit. „Weiter hinten verdünnt sich der Komet – das ist der längere Teil, die Zeit unseres Erwachsenenlebens.“

Marcel Reich-Ranicki kann sich übrigens nicht erinnern, den Namen des Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer schon mal gehört zu haben: „Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist.“

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