1.) - 3.)
Nobelpreis:
Der alte Schwede dichtete wenig
Der
Literaturnobelpreis 2011 geht an den schwedischen Lyriker
Tomas Tranströmer, 80. Er hat ein Werk
von knapp 100 kurzen Texten vorzuweisen
Von Peter Pisa im Kurier, Wien, 6.10.2011:
Was einmal gedacht wurde,
kann nicht mehr zurückgenommen werden. Der Satz stammt von
Friedrich Dürrenmatt. Insofern macht es
keinen Sinn, den ersten Gedanken am Donnerstag um 13 Uhr, als aus Stockholm die
Nachricht kam, zu verschweigen - nämlich: Die Buchhändler werden sich halten
können vor Freud'.
Irgendjemand hat einmal ausgerechnet: Tomas Tranströmer hat, seit er mit 24 als
Dichter debütierte, durchschnittlich vier Texte pro Jahr geschrieben. Gedichte.
Kurze Gedichte wie zum Beispiel, in der japanischen Haiku-Technik:
"Vom Dunkel getragen.
Ich begegnete einem großen Schatten /
in einem Paar Augen."
Das
stammt aus dem Band "Das große Rätsel", 2005 im Münchner Hanser Verlag
erschienen. 80 Seiten. Hanser hat auch "Für Lebende und Tote" über die
Versöhnung zwischen äußerem und innerem Leben. 56 Seiten.
Der 68er-Bewegung war das nicht aufgefallen: Sie wandte
sich von ihm ab, weil seine Poesie keinen Beitrag zu den Diskussionen geleistet
habe. Tranströmer hielt dagegen, nicht Ideologien kennzeichne sein Werk, sondern
Visionen.
Verdächtig ist das wieder einmal: Der Londoner Wettanbieter Ladbrokes hatte
Donnerstag noch Bob Dylan als Favorit Nummer
1 geführt. Drei Stunden vor Bekanntgabe aber war der Schwede auf Platz 1.
Für den behinderten Nobelpreisträger, der vom Anruf der
Akademie beim Musikhören "gestört" wurde, gab seine Ehefrau die ersten
Interviews: "Tomas ist unglaublich froh, aber auch überwältigt. Und überrascht.
Er glaubte nicht, dass er das erleben würde."
Marcel Reich-Ranicki war auch
überrascht: "Ich habe keine Ahnung, wer dieser Lyriker ist." Ob er Verständnis
für die Wahl habe? "Ich glaube nicht." Reich-Ranickis langjähriger
Wunschkandidat ist US-Autor Philip Roth.
Für Akademiesprecher Englund ist Tomas Tranströmer "einer der größten Poeten
unserer Zeit". Im schwedischen Verlag Bonnier ist man "zu durcheinander, um das
überhaupt zu begreifen". Beim Hanser Verlag beginnt man sofort mit dem
Nachdrucken.
PS: In Serbien reagierte man - falsch: Man ging der "Ente" auf den Leim, wonach
der Preis an den serbischen Schriftsteller und einstigen jugoslawischen
Präsidenten Dobrica Cosic gehe.
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2.)
Nun ist Tomas Tranströmer an den Leinen seines Fallschirms, der aus Worten besteht, in Stockholm, wo er geboren wurde und heute noch lebt, gelandet - und somit endgültig in der Weltliteratur angekommen. Tranströmers Werk ist mit gut elf Lyrikbänden schmal, aber intensiv. "Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges", konstatierte etwa die FAZ.
Tranströmers Kollege Lars Gustafsson schrieb: "Der Dichter steht sehr deutlich vor mir, wenn ich seine Gedichte lese, anspruchslos, liebenswürdig, intelligent. (...) Tranströmer ist bemerkenswert. Wenn man seine Gedichte sorgfältig liest, entdeckt man, dass sie eigentümlich gleich geblieben sind, von den 50er-Jahren bis heute".
In
der Tat ist Tranströmer seinen Weg unbeirrt gegangen - im Ausland lange wenig
beachtet. Er folgte ihm auch, als 1990 ein schwerer Schlaganfall zu einer
halbseitigen Lähmung und Sprachbehinderung führte, die das Schreiben nahezu
verunmöglichte. Er verfasste weiterhin Gedichte, unterstützt von seiner Frau
Monica und in Kurz- also Haiku-Form. In deutscher Übersetzung liegen sie im Band
Das große Rätsel (Hanser) vor.
Einer subjektiven Weltsicht, die immer wieder den Kampf des Individuums um Freiheit in einer materialistischen Welt thematisiert, ist Tranströmer in seinen bildreichen und raffinierten Versen treu geblieben. Zwar wurde er früh mit Zuschreibungen wie "Präzisionslyriker", der "Weitwinkelgedichte" schreibe, versehen, doch seit seinen Anfängen - und obwohl er sich in den 1970er-Jahren kritisch mit dem Sozialismus, nicht nur in seinem Heimatland, auseinandersetzte, - lag er immer quer zum Zeitgeist.
Nur die Vision zählt
In einem Interview sagte er: "Der Intellekt wird erst hinzugeschaltet, wenn ich damit beginne, aus den Inspirationsfragmenten eine Einheit zu formen. Meine eigentliche intellektuelle Leistung besteht darin, dass ich versuche, die Dinge deutlich zu machen. Ich versuche also, mich in die Lage des Lesers zu versetzen und mir die bis dahin oft noch unbegreiflichen Impulse so zu konkretisieren, dass sie begreiflich werden - auf der Erfahrungsebene auch für den Leser begreiflich werden."
Wahrnehmung, Gefühl, Erfahrung von Realität spielen in den kargen, immer wieder mit überraschenden Metaphern durchwobenen Gedichten eine tragende Rolle. Tranströmer, der sich zuweilen von der sapphischen Ode inspirieren ließ oder Hölderlin zitierte und zahlreiche Naturgedichte schrieb, ist allerdings schwer auf einen Stilnenner zu bringen.
Das Einzige, was zähle, sei die Vision, sagte Tranströmer 1986 im Svenska Dagbladet über diese Eigenständigkeit. In den 1960er-Jahren, Tranströmer hatte Afrika und Nordamerika bereist und einen Zyklus über seine Mittelmeerreisen begonnen, wurden Stimmen laut, Tranströmers Lyrik habe (zu) wenig mit der "Wirklichkeit" zu tun, er betreibe "Kunst um der Kunst willen". Partei ergriff der Dichter auch weiterhin nicht, für keine politische Seite. Seine Positionen bezog er dadurch, dass er immer wieder ihren Missbrauch thematisierte, in der Sprache.
Im Gedicht Mit dem Fluss (1970) schreibt er: "Bei Gesprächen mit Zeitgenossen sah und hörte ich hinter ihren Gesichtern / die Strömung, / die lief und lief und Willige wie Unwillige mit sich zog. / Und das Geschöpf mit verlebten Augen, / das mit dem Strom mitten im Fluss gehen will, / wirft sich geradewegs nach vorn, ohne zu beben, / in einem wütenden Hunger nach Einfachheit."
Gedichte als Gegenwehr
Der 80. Geburtstag des Lyrikers wurde in seiner Heimat, die Tranströmer einmal als aufgedocktes Schiff bezeichnete, dessen Segel gerafft seien , opulent gefeiert. Zeitungen druckten Spezialbeilagen, Liebeserklärungen wurden abgegeben und Aftonbladet nannte Tranströmer den "Poeten, den alle lieben".
Gedichte können eine Gegenwehr sein. Auch weil sie, wie es in der Begründung der Nobelpreisjury heißt, "in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen" weisen.
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3.)
In Stockholm glaubten viele, dass die Nobelpreis-Jury dem schwerbehinderten und inzwischen 80 Jahre alten Tomas Tranströmer die Aufregung um den wichtigsten Literaturpreis der Welt ersparen wollte. Abgesehen davon war lange klar, dass Schwedens berühmtester Lyriker den Preis wie wenige verdient hat. Jetzt ist die Auszeichnung da – und bei der gestrigen Bekanntgabe brandete Jubel auf. Mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro ist diese Auszeichnung dotiert, die am 10. Dezember in Stockholm überreicht wird.
Zum 80. Geburtstag am 15. April hatte Schwedens Regierung Tranströmer einen Professorentitel geschenkt. Sein Schriftstellerkollege Lars Gustafsson schrieb damals in der Zeitung „Dagens Nyheter“: „Er ist ein Mystiker, ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist.“ Schwedens größte Zeitung „Aftonbladet“ nannte Tranströmer den „Poet, den alle lieben“.
„Wo
andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer
ein einziges“, meinte ein anderer Kritiker, als Tranströmers sehr schmaler
Gedichtband „Das große Rätsel“ in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag
erschien.
Der Sprecher der Schwedischen Akademie, Peter Englund, sagte bei der gestrigen Bekanntgabe des Nobelpreises: „Tranströmer ist einer der größten Poeten unserer Zeit.“ Der Lyriker habe den Preis bekommen, weil er „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist“.
Abgerungen hat sich der Schwede die Gedichte, die nach der Erkrankung entstanden sind, in einem mühsamen und komplizierten Prozess mit seiner Frau Monica Bladh-Tranströmer. Der leise Poet kann nach mehreren Schlaganfällen kaum mehr als „Ja“ oder „Nein“ sagen. Trotzdem sind seitdem mehrere Gedichtbände erschienen, meist in der strengen minimalistischen japanischen Haiku-Form, sowie auch seine Autobiografie „Die Erinnerungen sehen mich“.Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten trägt Tranströmer stets den Gesichtsausdruck eines Menschen, der mit sich im Reinen ist. Zum 80. Geburtstag ließ sich der scheue Dichter interviewen und auch fotografieren. Beim einhändigen Spiel am Flügel, bei Ausflügen im Rollstuhl und beim Training mit der Physiotherapeutin. Im Interview begann Tranströmer, so gut er konnte, mit den Antworten, Ehefrau Monica vollendete. Der Reporterin von „Svenska Dagbladet“ gefiel, wie sich das Paar verständigte: „Wenn er etwas zu sagen versucht, fängt sie das elegant auf und bringt den Gedanken zu Ende.“ Während sie spreche, suche die Ehefrau mit Blicken zu Tomas Vergewisserung, ob sie das Richtige sagt.
Nach seinem Debüt als Lyriker 1954 dauerte es fast drei Jahrzehnte, ehe die Kritik auch international auf Tranströmer aufmerksam wurde. Die ersten Berufserfahrungen sammelte er Mitte der Fünfzigerjahre als Mitherausgeber einer Zeitschrift in Uppsala. Anfang der Sechziger arbeitete der studierte Psychologe und Literatur- sowie Religionswissenschaftler zunächst als Anstaltspsychologe für jugendliche Strafgefangene. Von 1966 bis zu seinem ersten Schlaganfall schrieb er Gedichte, halbtags war er als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern tätig. Später wurde es im Gefolge der 68er-Bewegung deutlich ruhiger um Tranströmer, der politisch niemals in Erscheinung getreten ist.
Erst Jahre später entdeckten ihn Kritik und Publikum neu. 1981 erhielt der Schwede den deutschen Petrarca-Preis, 1990 den Literaturpreis des Nordischen Rates und 1992 wiederum in Deutschland den Horst-Bienek-Preis. In seinen vom Umfang her ebenfalls sehr knappen Erinnerungen heißt es: „Mein Leben. Wenn ich dieses Wort denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif.“ Der Kopf sei die Zeit des Heranwachsens, der Kern, sein dichtester Teil, die sehr frühe, entscheidend prägende Kindheit. „Weiter hinten verdünnt sich der Komet – das ist der längere Teil, die Zeit unseres Erwachsenenlebens.“
Marcel Reich-Ranicki kann sich übrigens nicht erinnern, den Namen des Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer schon mal gehört zu haben: „Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist.“
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