Friedrich Torberg.Biografie, 2008, Langen-Müller, hrsg. von David AxmannEin lustiger Kalter Krieger
Heute, Dienstag, wäre Friedrich Torberg 100 Jahre alt geworden. Er war ein brillanter Stilist, der mit den Mitteln der Polemik politisch wirksam wurde.

Von Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten, 16.9.2008:

Friedrich Torberg war ein Mann der schnellen Reaktion. Er konnte schreiben, ausgezeichnet sogar, und früh bekam er die Bestätigung dafür. Er war 21 Jahre alt, als sein erster Gedichtband erschien, „Der ewige Refrain“. Ein Jahr später brachte der renommierte Paul Zsolnay Verlag auf Vermittlung Max Brods den Roman „Der Schüler Gerber hat absolviert“ heraus. Sieht man diese Bücher heute im Abstand von Jahrzehnten an, wirken sie abgestanden, welker Duft hängt ihnen an.

Wäre Friedrich Torberg dabei geblieben, die Welt mit Lyrik und Prosa zu überhäufen, niemand würde mehr von ihm reden. In seinen eigenen Worten hatte er „schon mit 20 eine große Zukunft hinter sich.“ Sein Talent schlug auf anderem Gebiet durch: Er war polemisch und böse, witzig und sarkastisch, seine Intelligenz versteckte er nicht. Damit kam er bei einem Publikum an, das sich über geschliffene Formulierungen freute. Friedrich Torberg war der Typus eines Kritikers als Scharfrichter. Er vermochte ungerecht zu sein, starrsinnig und uneinsichtig, selbstverliebt in seine Formulierungen, aber stets führte er Argumente für seine Ansichten ins Treffen. So vermochte man seine Haltung nachvollziehen. Seine Waffe war der Witz. Was er verabscheute, zog er ins Lächerliche, Sensibilität war nicht seine Stärke.

Er agierte gnadenlos, weil er meinte, etwas verteidigen zu müssen. So weitet sich der Fall Friedrich Torberg vom Kritiker, Kolumnisten, Pamphletisten und scharfzüngigen Glossenschreiber zum Intellektuellen, der sich zum Verteidiger des Abendlands berufen sieht. Das hängt mit seiner Biografie zusammen. Als Jude war er gezwungen, nachdem im März 1938 Österreich dem Dritten Reich einverleibt worden war, in die Schweiz, später über Portugal in die USA zu emigrieren. Als er 1951 nach Wien zurückkam, war er zum Kalten Krieger und konservativen Hardliner gestählt. So wurde er zu einer von der politischen Elite geachteten und von der jungen Generation der Kunstschaffenden gehassten Figur im österreichischen Kulturbetrieb.

Mit Hans Weigel Brecht-Boykott erwirkt

Torberg hatte eine Mission zu erfüllen. Es genügte ihm nicht, zu schreiben und die Diskussion anzuheizen, er wollte selbst Politik machen. So peitschte er mit Hans Weigel den Brecht-Boykott auf Österreichs Bühnen durch. Dank ausgezeichneter Kontakte schuf er sich sein eigenes schlagkräftiges Medium, die Zeitschrift „Forum“. Hier führte er einen Kampf gegen die Moderne. Er suchte die Demokratie vor totalitären Angriffen zu schützen. Er lebte in der Angst, dass linke Intellektuelle eine Demokratie aufweichen könnten. Das machte ihn in einer Zeit, als die 68er die Gesellschaft neu ordnen wollten, zu einer skurrilen Gestalt.

Heinrich Böll und Günter Grass, die Größen der bundesrepublikanischen Literatur, waren ihm ideologisch suspekt, er machte sie mit ästhetischen Argumenten nieder. Zugegeben, das unternahm er mit so viel Witz, dass man seinen Auslassungen gerne folgte. Als er für den „Spiegel“ Bölls „Katharina Blum“-Roman rezensieren sollte, rettete er sich in eine Parodie desselben.

Lange stand Friedrich Torberg im Schatten Ephraim Kishons, dessen Satiren er ins Deutsche übertrug. Er gab das Werk Herzmanovsky-Orlandos heraus und wurde dafür gescholten, weil er mit seinen Bearbeitungen allzu stark ins Werk eingriff. Heute sind vor allem seine Anekdoten um Tante Jolesch im Umlauf. Diese seltsame Mischung aus Sentimentalität und Humor ist geeignet, mit Wehmut einer Vergangenheit ins Auge zu sehen, die alles andere als freundlich war.

Friedrich Torberg erleidet das Schicksal von Staatskünstlern. Solange sie Einfluss haben und offiziell das Verständnis von Literatur prägen, leben sie im geschützten Raum. Heute, da die Jungen von damals, wie Peter Handke und Elfriede Jelinek, sich durchgesetzt haben und Schullektüre geworden sind, wirken die Bücher Friedrich Torbergs wie Schnee von gestern

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