Leo N. Tolstoi, Foto: wikipedia.org (hf1110)Vom Lebemann zum russischen Messias
Zerrissen zwischen Ideal und Wirklichkeit: Zum 100. Todestag des großen Schriftstellers Lew Tolstoi
Von Bernhard Windisch aus den Nürnberger Nachrichten vom 19.11.2010:

Lew Tolstoi ist ohne Frage ein Gigant der Weltliteratur. Sein Todestag jährt sich am 20. November zum 100. Mal. In einer kurz vor dem Millenium durch amerikanische Autoren erstellten Liste von Schriftstellern, die das letzte Jahrtausend am stärksten geprägt haben sollen, nimmt er den vierten Platz ein. Nur Shakespeare, Dante und Rousseau rangieren vor ihm.

Wer nun glaubt, der Schöpfer des Romanepos „Krieg und Frieden“ und der Schicksalstragödie „Anna Karenina“, der Gestalter herrlich gesunder Menschen und eines kraftvoll russischen Lebens sei ein ebensolcher gesunder russischer Edel-Mann gewesen, muss sich getäuscht sehen.

Im Gegensatz zu Dostojewski, dem anderen russischen Literaturmonument, der in seinen Romanen ein düsteres, krankes Russland schilderte, aber ein vergleichsweise gutherziger Mensch und anhänglicher Ehemann war, tritt uns Tolstoi als ein hochkomplizierter, fragwürdiger und sogar wüster Mann entgegen, der als Figur besser in einen Roman seines Gegenpols gepasst hätte als in einen seiner eigenen.

Am 9. September 1828 geboren und früh verwaist, erbte Tolstoi als Neunzehnjähriger den Riesenbesitz von Jasnaja Poljana unweit Moskaus und stürzte sich, wie es so schön heißt, ins Leben. Er soff und hurte, badete mit Prostituierten in Champagner, spielte und verspielte ganze Wälder und ein Haus seines Anwesens, war in Duelle verwickelt, verführte verderbte städtische Ehefrauen, während er in der unverdorbenen, gleichwohl verheirateten Bäuerin Valeria die größte erotische Offenbarung seines Lebens erkannt haben will. Und er zeugte viele uneheliche Kinder.

Jedesmal wenn ihn der Überdruss an seinen Ausschweifungen ankam, warf er sich zerknirscht und von sich selbst angeekelt in die Arme Gottes. Gott befiel ihn, wie andere vom Heuschnupfen befallen werden. Tolstoi war ein extrem egozentrischer Mensch, suchte sich aber in manischen Selbstverbesserungsvorschriften und –programmen in das zu verwandeln, was er eigentlich sein wollte: ein guter Mensch.


Sein ganzes Leben hindurch bis zuletzt gab es diese Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit. Er bekannte einmal verschmitzt, dass für ihn nur eine Sache wichtig gewesen sei, eine einzige, zum Glück würden ihn seine Biographen niemals so genau kennenlernen, um sie herauszufinden. Da hatte er allerdings den neugierig-indiskreten Geist des freudianischen Zeitalters und den geschwätzigen Sexualwahn des unseren unterschätzt.

Von dieser einen Sache gepeinigt, floh der Hyperpotente in den Krieg, zuerst in den Kaukasus, dann auf die Krim, ohne die Plage freilich loszuwerden. Mit 34 sah er es an der Zeit, seinem Lotterleben ein Ende zu setzen und warb um die 16 Jahre jüngere, deutschstämmige, überaus schöne und intelligente Arzttochter Sofia Behrs.

Es folgte eine Ehe, in der es zuging wie auf einem Schlachtfeld. Man könnte sie auch eine moderne Ehe nennen. Einfältigerweise gab Tolstoi seiner jungen Frau die Tagebücher seiner wüsten Zeit zu lesen. Damit bekam die Ehe von Anfang an einen Knacks, der niemals repariert werden konnte. Immerhin, die ersten fünfzehn Jahre wurden die Konflikte zurückgedrängt: Tolstoi schuf sein opus magnum „Krieg und Frieden“. Seine Frau schrieb die verschiedenen Fassungen des über eintausend Seiten umfassenden Manuskriptes siebenmal nacheinander ins Reine, siebentausend Seiten mit der Hand.

Gleichzeitig gebar sie ohne Unterlass. Dreizehn Kindern schenkte sie das Leben (bei 16 Schwangerschaften). Und kümmerte sich um die Wirtschaft. Und selbstredend um die Familie. Tolstoi nahm sich kaum Zeit für seine Nachkommenschaft. Er schrieb und zeugte.

Nachdem auch sein zweites Hauptwerk „Anna Karenina“ mithilfe seiner Frau das Licht der Welt erblickte, der Autor in eine Sinnkrise stürzte und in einer spektakulären Selbstrettungswendung als Antischriftsteller, Antialkoholiker, Antisexist und religiöser Schwärmer, als Gewissen Russlands, Weltweiser und moralisierender Traktate-Verfasser daraus hervorging, der Geld und Besitz an die Armen verschenken wollte, flogen die Fetzen im fürstlichen Anwesen: vor den Augen der zahlreichen Anhänger und Besucher, die Kunde davon in die ganze Welt trugen.

Nicht zu zählen sind die Fluchten des Ehepaars voreinander, die angedrohten und halbausgeführten Selbstmordversuche. Sogar noch um den Grund, sich wegen des anderen das Leben zu nehmen, stritten sie sich bis aufs Blut. Tolstoi, der die gemeine Schriftstellerei inzwischen verachtete, wurde rückfällig und versetzte seiner Frau mit der „Kreutzersonate“ (deren x-verschiedene Fassungen, über eintausend Seiten, sie wieder „brav“ ins Reine schrieb) einen bösartigen Schlag und bereicherte die Weltliteratur um eine Ehekloake, die man auch heute noch Frischvermählten nicht unbedingt unter das gemeinsame Kopfkissen legen sollte. Sofja Tolstaja reagierte mit „Eine Frage der Schuld“ darauf, einer erstaunlichen Probe ihres eigenen schriftstellerischen Talentes.

Tolstoi wandte sich immer mehr von ihr ab und seiner zahlreichen Gefolgschaft, den Tolstowzy/Tolstojanern, zu. Seine Religion war typisch für ihn: Gott ist keine Person (und Jesus kein Gott), sondern ein Ideal, das höchstmöglich zu denkende Gute, das überall da ist, also auch in jedem von uns und dem man sich „nur“ in ausführender Liebe (Agape) anzunähern und anzugleichen bemühen muss. Wiederum klafften Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Als er den Tod, literarisch und philosophisch sein Hauptthema, herannahen fühlte, machte er sich, angewidert von der Nachspioniererei seiner Ehehälfte und den endlosen Szenen im Anwesen Tolstoi, mit 22 Rubeln in der Tasche klammheimlich auf und davon.

Die Öffentlichkeit bekam allzubald Wind davon und so wurde seine letzte Reise zu einem Spektakel, an dem die ganze interessierte Welt – und die Nachwelt zuletzt in dem Kinofilm „Ein russischer Sommer“ – teilnahm.

Als der von seiner Frau entmündigte, von der Kirche exkommunizierte, vom Zaren beargwöhnte, von der Polizei bespitzelte Greis, der den Nobelpreis abgelehnt hatte, den er gar nicht bekommen sollte, auf der Bahnstation Astapowo mit Lungenentzündung zusammenbrach, reisten die Familie, Tolstojaner, Neugierige, Reporter und ein Filmteam an. Die Kinder verweigerten der Ehefrau und Mutter den Zutritt zum Scheidenden. Sie versuchte nun, mit Gewalt in den Sterberaum einzudringen, ihre Tochter Alexandra stieß sie brutal zurück, ein Kameramann filmte die Szene.

Die gnädige orthodoxe Kirche, die keinem Mörder ihr Geleit verweigerte, sorgte im Falle Tolstois, des berühmtesten Russen seiner Zeit, für die erste nichtkirchliche Beerdigung Russlands.

Die Tolstowzy mit ihren religiösen Landkommunen wurden wenig später von den Bolschewisten ausgerottet. Der Geist des großen Schriftstellers aber lebt ungebrochen in dem (größeren) Teil der Leserschaft fort, die nicht Dostojewski den Vorzug geben; beide schließen sich gegenseitig wohl aus.

 

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