Uwe Timm, 2007, Foto: Doris Poklekowski

Uwe Timm Foto: Doris Poklekowski www.foto-poklekowski.de

„Die soziale Kälte wird weiter zunehmen“
Poetik-Professur in Bamberg:
Interview mit Schriftsteller mit Uwe Timm über Literatur und Politik

Von Inge Rauh aus den Nürnberger Nachrichten vom 22.06.2005:

In diesem Sommersemester hat der Schriftsteller Uwe Timm (65) eine Poetik-Professur an der Universität Bamberg übernommen. Seine erfolgreichen Bücher beschäftigen sich mit dem Kolonialismus („Morenga“), der Dritten Welt und der deutschen Studentenbewegung der 68er (zuletzt im Roman „Rot“). Weithin beachtet waren seine preisgekrönten Kinder- und Jugendbücher („Rennschwein Rudi Rüssel“). Bekannt wurde Uwe Timm auch durch seine humoristische Familienlegende „Der Mann auf dem Hochrad“. Wir trafen den Autor in Bamberg.

Sie sprechen hier in Bamberg über „Kulturen der Erinnerung“. Was verbirgt sich hinter diesem Plural?

Uwe Timm: Das ist erst mal primär meine Kultur der Erinnerung. Es ist klar, wenn man so einen Poetik-Lehrstuhl hat, dass man als Schriftsteller über sich spricht. Das andere können ja die Germanisten machen, die Literaturhistoriker. Was mich an Erinnerung interessiert, ist die Basis meines Schreibens. Das reicht weit in die Kindheit zurück: was hat mich damals umgetrieben? Meine Ängste und Wünsche, all das geht in mein Schreiben ein. Das ist mein persönlicher Erinnerungsraum.

In Ihrem jüngsten Roman „Rot“ ist der Held Thomas Linde, ein Alt-68er, ständig mit dieser Erinnerung konfrontiert. Aber kann man jüngeren Lesern, Ihrem studentischen Publikum, überhaupt noch etwas vom damaligen Zeitgeist vermitteln?

Timm: Prosa schreibt ja immer im Imperfekt, der Gegenstand von Literatur ist Vergangenes. Wenn Sie Grass nehmen, um mal einen großen Kollegen zu zitieren, der erzählt von Danzig, das weiß keiner von den Jüngeren. Es ist ja das Erstaunliche, dass man Erfahrungen auf eine sehr subjektive Weise vermitteln kann, und zwar so, dass es einsichtig und nachvollziehbar wird, also emotional und nicht nur abstrakt. Das ist das Schöne an Literatur.

Sie haben sich als Autor politisch immer eingemischt und die Entwicklung der alten und neuen Bundesrepublik erzählend dokumentiert. Sind wir an einem neuen Scheideweg?

Timm: (lacht) Das kann schon sein, ja. Ich meine, das Interessante ist wirklich, dass man überlegen muss, ob da jetzt ein Abschnitt vorbei ist. Möglicherweise tritt die Generation Schröder ab, so im ganzen Lebensstil. Wenn Sie den Unterschied sehen zwischen Kohl und Schröder, da war ein Einschnitt. Kohl war im guten Sinn Provinz, bei den Nachfolgern kam dann schon das Wort von der Toskana-Fraktion auf, das ist ja nicht zufällig, dass man die so genannt hat. Es ist auch immer interessant, wie Mentalitäten abwechseln. Das ist spannend jetzt.

Meinen Sie, diese Wechsel kommen künftig häufiger?

Timm: Eine interessante Frage. Man ist natürlich auf Vermutungen angewiesen. Kann schon sein, dass sich der Wind dreht. Sie haben recht, diese Bundesrepublik hat sich langsam entwickelt, dann die sechzehn Jahre Kohl, dann eine größere Weltläufigkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel, Kohl konnte kaum Englisch, der musste immer Dolmetscher haben, heute ist das alles selbstverständlich. Mal warten, wie die Wahl ausgeht. Ich glaube in jedem Fall, dass die soziale Kälte zunehmen wird.

Man sagt, das rot-grüne Projekt sei gescheitert. Finden Sie das auch?

Timm: Na ja, das hängt davon, was man ursprünglich mal geplant hat. Ich denke, in bestimmten Bereichen haben die wirklich etwas erreicht. Gerade in der Umwelt sind doch einige Dinge zum Besseren gewendet worden. In anderen Bereichen haben sie völlig versagt, wie beispielsweise bei der Vermögenssteuer, das wäre so nahe liegend gewesen. Für mich ist es auch kein Zustand, dass große Konzerne ihre Werke auslagern und teilweise noch Steuergelder dafür bekommen - ein untragbarer Zustand für eine sozialdemokratisch geführte Regierung. Insofern haben sie auch die Quittung dafür bekommen. Man hat aus dem Blick verloren, was die Leute wirklich bedrängt.

Wie weit sind für Sie private Familiengeschichten, denen Sie literarisch nachgehen, identisch mit gesellschaftlichen Bewegungen?

Timm: Private Geschichten reflektieren die gesellschaftliche Geschichte, ganz klar. Man kann daraus lernen, wie die Menschen damit umgehen. Waren sie in der Nazizeit Täter, Mitläufer, haben sie Widerstand geleistet, waren sie Opfer, Juden, politisch Verfolgte? Mich interessiert genau das. Man kann am Einzelfall im sehr begrenzten Rahmen etwas spiegeln, was dann Geschichte gemacht hat. Ich hatte zum Beispiel einen Onkel, der war Präparator in Coburg und hat das Hochradfahren eingeführt. Ich habe den noch kennen gelernt. Es ist interessant, jemand zu zeigen, der an einem Schnittpunkt der Geschichte steht. Im Fall meines Onkels war es so: Es wurden Fahrräder gebaut, er aber ist auf dem Hochrad sitzen geblieben, weil ihm das besser gefallen hat.

Und was interessiert Sie als Nächstes, literarisch gesehen?

Timm: Mein Buch „Am Beispiel meines Brudes“ war sehr biografisch. Er war sehr viel älter, ging freiwillig zur SS und ist im Krieg gefallen. Jetzt kommt wieder etwas Biografisches, es geht um Benno Ohnesorg. Mit ihm war ich befreundet, wir haben zusammen Abitur gemacht. Uns verbindet vor allem, dass er ein sehr belesener, sehr engagierter Mensch und außerdem ein wunderbarer Lyriker war. Das weiß keiner, er ist ja in jungen Jahren erschossen worden. Mein Buch ist eine nachgetragene Würdigung, ich bin derjenige, der sehr viel von ihm gelernt hat. Durch ihn ist ja die ganze Studentenbewegung erst in Gang gekommen. Man kann die Stimmung wiedergeben: Wir waren alle vom französischen Existenzialismus sehr beeinflusst. Ich gehe dem auch mentalitätsgeschichtlich nach. Es war ein langsames Herantasten. Für mich gleicht diese Arbeit einem Requiem. Es hängt wohl auch mit dem eigenen Älterwerden zusammen, dass man darüber nachdenkt, wo die Weichenstellungen waren.

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