Porträt des Ludwig Thoma von Karl Liemsch, 1909, Foto: wikipedia.org (hf1211)Zu Lebzeiten galt Ludwig Thoma in Dachau wenig
Vor 140 Jahren wurde der Dichter geboren - Zunächst wenig Begeisterung für sein Schaffen
Von Paul Brand aus dem Münchner Merkur, 20.01.2007:

Vor 140 Jahren, an 21. Januar 1867, wurde Ludwig Thoma in Oberammergau geboren. 1894 ließ er sich in Dachau als Rechtsanwalt nieder und begann hier seine schriftstellerische Tätigkeit. Keineswegs begeistert waren die Dachauer über sein literarisches Schaffen, und so schrieb der "Amperbote" 1902:

Der früher als Rechtsanwalt hier thätige Dr. Thoma ist bekanntlich unter die Schriftsteller gegangen, weil ihm die Jurisprudenz anscheinend wenig Freude und noch weniger Erfolg bot. Das Erstlingskind seiner Musen war die "Agricola", welche im Dachauer Bezirk spielte, aus dem seine Phantasie auch die "Helden" bzw. Karrikaturen entnahm, die in seiner "Muse" eine Rolle spielten. Wir haben schon damals unserer Verwunderung Ausdruck gegeben, dass der sonst unzweifelhaft begabte Verfasser dort so alte Witze "verzapft" und seine Schöpfung mit Zerrbildern belebt, welche in jeder Gegend, aber auch da nur in Einzel-Exemplaren zu finden sind. Trottel- und Kretinenphysiognomien wird er beispielsweise in viel reichlicher Auswahl im Gebirg finden, wie im Flachlands.

Man findet darum kein rechtes Motiv für seine Vorliebe gerade für die Dachauer Gegend, welche auch in seinem Opus "Die Hochzeit" wiederum die Hauptrolle spielt und die Art und Weise geißelt, wie in ländlichen Kreisen in der Regel Heiraten "gemacht" und "vermittelt" werden, welche mit den Ehen, die im "Himmel" geschlossen werden sollen, in geradezu schreindem Kontraste stehen.

Unmotivierte Lokalisierung

Also auch hier wie dort diese ganz unmotivierte Lokalisierung, welche seiner Arbeit, eher schädlich wie förderlich sein kann. Ist der Verfasser wirklich so naiv, zu glauben, nur im Bezirke Dachau könne man sich durch "Ehestiften" einen "Kuppelpelz" verdienen? Oder glaubt er wirklich an die Mythe von der angeblichen "Biederkeit" der Gebirgsbewohner? Findet er in der Haupt- und Residenzstadt München, wo doch bekanntlich auch eine große Zahl Heiraten nicht allein nicht im Himmel und auch nicht durch "Vermittlung", sondern practibus et multiplex vermittelst der Zeitungs-Inserate geschlossen werden, keine Gestalter an denen er seine satyrische Feder probieren könnte?

Nun hat sich Hr. Dr. Thoma auch auf das Gebiet der Bühnendichtung mit seiner Komödie "Die Medaille" gewagt. Auch diese Arbeit krankt an den von uns gerügten Übeln. Es mag dies an einer Rezension nachgewiesen werden, welche wir der "Köln Ztg." entnehmen. Dieselbe schreibt:

"Im Stadttheater zu Köln wurde zum ersten Male die Komödie ,Die Medaille' von Thoma aufgeführt. Thoma ist Chefredakteur des ,Simplicissimus' und macht sich in diesem Blatte unter dem Decknamen ,Peter Schlehmil' als satyrischer Dichter besonders geltend. Seine Komödie ist dem bayerischen Kleinstadtleben entnommen... Das Benehmen dieser ländlichen Gestalten bei Tisch bildet nun den Humor des Stückchens, der letzt in einer allgemeinen Rauferei endet. Wer weiß, dass der Münchner seinen Hauptspaß daran hat, sich über Bauern des Flachlandes lustig zu machen, findet es begreiflich, dass an irgend einem Münchner Theater dieser Scherz große Heiterkeit erweckt. Aber er ist so lokaler Natur, hat wenig allgemein gültigen Witz, dass wir hierzulande damit herzlich wenig damit anzufangen wissen. Man fand manches recht drollig und lachte, aber es kam zu keiner sonderlichen Wärme der Stimmung, sondern nur zu einem sehr lauen Erfolg."

Erstaunlicher Sinneswandel vollzogen

Der "Amperbote" weiter:

Es würde uns freuen, wenn der Verfasser reine satyrische Muse etwas verallgemeinern oder sein Glück einmal in anderen "Gegenden" versuchen wolle.

Nach dem Tod Ludwig Thomas 1921 vollzog sich dann ein erstaunlicher Gesinnungswandel. 1927 schrieb der "Amperbote" anlässlich des 60. Geburtstages des Dichters:

Dieser Januartag des Jahres 1867 ist für die Geschichte Dachaus von großer Bedeutung. Warum, das weiß jeder Dachauer, und es ist wirklich angezeigt, an diesem Tage sich vor den Heimatdichter zu stellen. Ludwig Thoma ist der größte bayrische Volksdichter, in ganz besonderer Art für die Dachauer. Alle, die sich Dachauer nennen, haben ihn gekannt. Hat er doch in überaus treffender, natürlicher Weise unseren heimatlichen Volksstamm zu seinen Werken auserwählt.

Man kann sagen, keiner hat Dachauer Land, Leute und Sitte so gekannt wie er. Das Jahr 1894 war für uns Dachauer das glückliche, dass der Anwalt Ludwig Thoma sich hier ansässig machte, denn er kam nicht bloß als Anwalt der Rechte, sondern auch ganz besonders als Anwalt unsere heimischen Volkscharakters. Er ergründete wie kein anderer unsere Bauern, Bürger und Beamten und hat sie für ewige Zeiten festgehalten an seinen Werken: "Agricola", "Andreas Vöst", in der "Hochzeit", "Medaille" usw.

Bei diesen Erinnerungen an seinen Geburtstag sind wir Dachauer von dem Gefühl durchdrungen, dass der leider allzu früh von der Erde Geschiedene für uns nicht tot ist, sondern für immer lebendig bleibt und wir ihm dauernd dankbar sind, weil er unsere Heimat so sehr geliebt und für immer in der Geschichte durch seine Werke verewigt hat.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0707 LYRIKwelt © Münchner Merkur