So
etwas wie Wahrheit.
Ein Gespräch mit Rainer
Thielmann von Andreas Sumoni auf
Lyrisches Australien:
Es scheint, dass die Idee zu "Lyrisches
Australien" gut ankommt ...
Ja, wir sind wirklich sehr zufrieden mit den ersten Reaktionen. Wir sind vom
Kempinski Airport Hotel München zu ihrem alljährlichen "Australian
Barbecue" eingeladen worden, um das Buch dort vorzustellen. Darüber freuen
wir uns sehr. Außerdem gibt es einige vielversprechende Kontakte, die für das
Marketing des Buches und der CD interessant sein können. Das hat uns
veranlasst, eine größere Auflage drucken zu lassen als ursprünglich geplant.
Wird das Buch im Handel erhältlich sein?
Der Vertrieb läuft in erster Linie über diese Internet-Seite. Außerdem
werden wir es nach Lesungen und Auftritten anbieten. Es ist aber möglich, dass
wir mit einem Handelspartner kooperieren, das steht noch nicht fest. Über die
ISBN-Nummer ist das Buch ohnehin über jeden Buchhändler zu bestellen. Für
alle, die kein Internet haben.
Du hast eine CD erwähnt ...
Buch und CD sind als Einheit zu sehen. Wem das Buch gefällt, der wird diese
Stimmung musikalisch auch auf der CD wiederfinden. D.h. es gibt viele Balladen,
viele schwebende und "stille Songs". Lyrisch, auch mal melancholisch
und durchgängig erzählerisch. So eine Art Liedermacher-Pop/Rock, modern
produziert. Wir werden die Songs wahrscheinlich durch gesprochene Kurzprosa
miteinander verbinden und so ineinander fließen lassen. Die Inhalte der Lieder
sind, bis auf einen einzigen, mit denen im Buch nicht identisch.
Warum nicht?
Es war mir überaus wichtig, eine kreative Zweiteilung zu machen - hier
Buch, dort CD - und nicht bloß die Gedichte als Songs umzufunktionieren. Wir
sind gerade mitten in der Endphase der Album-Produktion. Ich denke, dass wir
Ende Oktober das musikalische Ergebnis präsentieren können.
Wer sind Deine Mitstreiter?
Ich bin froh, dass ich wirklich mit tollen Künstlern arbeiten darf, die ihr
ganzes Talent für die Umsetzung dieser lyrischen Reise in die Waagschale
werfen. Bei der CD sind das Andreas Horn (www.andyhorn.de),
ein langjähriger Weggefährte und guter Freund, und Danny Humphreys (www.glow.de),
den ich noch von meiner Zeit bei BMG Ariola kenne und schätze. Beim Buch habe
ich mit Roland Heckmann (www.roland-heckmann.de),
einem versierten Layouter aus Heilbronn, gearbeitet.
Wirst Du auch live zu sehen sein?
Auf jeden Fall. Wahrscheinlich ab Oktober. Die Termine geben wir rechtzeitig
über diese Seite bekannt.
Was bedeutet Schreiben für Dich ganz persönlich ?
(Pause) Gar nicht so leicht, das so auf den Punkt zu beantworten (...) Es
ist ein Eintauchen in mein Selbst, Konzentration und Rückzug. Ich entdecke
durchs Schreiben meine Individualität. Es hat in den letzten Jahren, gerade
auch durch die Erfahrungen in Australien, eine spirituelle Komponente dazu
gewonnen.
Kannst Du das genauer beschreiben ...
Nun, in diesen archaischen Naturlandschaften schreiben zu dürfen, ist ein
ganz besonderes und beglückendes Erlebnis. Dort gab es viele Momente, in denen
ich einen Einklang gespürt habe. Mit den Elementen, dem Kosmos, mit allem um
mich herum. Das Land ist so beeindruckend, wuchtig und sanft zugleich, dass die
unmittelbaren Eindrücke natürlich zusätzlich verstärkt werden, wenn du dort
schreibst. In dieser meditativen Stille entstanden dann fast 120 Gedichte.
Wie kann man sich das vorstellen? Setzt Du Dich hin und sagst "So, dann
will ich mal ..."?
Klar (lacht), schon irgendwie. Inspirationsquellen gibt es in Australien
genug, die musste ich also nicht suchen. Ich fühlte mich sehr in die Natur
eingebettet und konnte mich in die unterschiedlichen Stimmungen, die sie
hervorbringt, reinfallen lassen. Das geht oft intuitiv ab: Ich spüre an einem
bestimmten Ort eine bestimmte Schwingung. Der Kopf hat dann zwar weiter die
Kontrolle über die Gedanken, aber die Führung hat er abgegeben. Die Emotionen
bekommen also mehr Raum. Die Seele kann sich in diesem Land viel leichter öffnen
als im vergleichsweise engen Europa. Australien hat für mich deshalb eine
enorme Anziehungskraft.
Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben ?
Puhh, das ist schwer. Das können andere besser beurteilen. Für mich ist
wichtig, dass ich in den Texten nah bei mir bin und immer authentisch bleibe. Es
sind sicher keine intellektuell abgehobenen, schweren Gedichte, das bin ich auch
nicht. Dennoch möchte ich einen eigenen Anspruch wahren, nicht plump oder
beliebig sein. Dabei ziehe ich eine Form vor, die mit Reimen spielt, weil ich
glaube, dass so die Harmonie zwischen Mensch und Natur am besten eingefangen
werden kann. Und darum geht es bei "Lyrisches Australien".
Aber Prosa schreibst Du doch auch ...
Ja, im Buch sind einige kleine Kurzprosa-Texte, die ich bewusst eingesetzt
habe, um die Gedichte zwischendurch etwas aufzulockern. Dabei halten sie die
Stimmung und bilden so einen schönen Übergang zum nächsten Gedicht.
Wie bist Du zum Schreiben gekommen ?
Ach ... irgendwie ganz natürlich und selbstverständlich. Ich dichte fast
schon so lange ich schreiben kann. Das Talent ist mir in die Wiege gelegt worden
- meine Mutter dichtet sehr gut, und einige ihrer sechs Geschwister sind
ebenfalls ziemlich fit. Ich habe aber erst mit Ende zwanzig gemerkt, dass es in
meinem Leben vielleicht einen größeren Platz einnehmen kann als ein reines
Hobby. Das ist der Kreativität aber letztendlich ziemlich egal, ob Du sie zu
Deinem Beruf machst oder nicht. Hauptsache sie wird gefordert und Du lässt ihr
genügend Platz. Ich glaube auch, dass viele Menschen vielleicht kreativer sind,
wenn sie nicht den Druck des "Schreiben-Müssens" spüren. Bei mir
spielt das glücklicherweise keine Rolle. Es fließt, unabhängig von den
Gegebenheiten und darüber bin ich auch sehr dankbar..
Wie viel Talent braucht man, und welchen Prozentsatz macht der Fleiß aus?
Du bist nur wirklich fleißig, wenn dir etwas großen Spaß macht. Und Spaß
macht eine Sache vor allem dann, wenn du spürst, dass du ein Faible dafür
hast, dass dir etwas gelingt. Kurzum: Wenn du dein Talent dafür entdeckst. Und
ich glaube, dass jeder Mensch talentiert ist. In irgend etwas, vielleicht ohne
es zu wissen und auch unabhängig vom Künstlerischen. Darin liegt ja oft die
Schwierigkeit: das vorhandene Talent aufzuspüren, daran zu arbeiten und eine
gewisse Verantwortung diesem Geschenk gegenüber zu empfinden. Wenn du so weit
bist, ist das die beste Grundvoraussetzung. Aber alles braucht Zeit. Viele stoßen
erst sehr spät auf ihr Talent, weil sie sich zum ersten mal intensiv mit sich
selbst beschäftigen. Sie kratzen an der eigenen Oberfläche und auf einmal spüren
sie die darunter liegende Magma. Das braucht dann Mut, sich dem Brodeln zu
stellen, weil der eigene innere Vulkan vielen Menschen fremd ist und deshalb
Angst macht. Er könnte ja auch etwas verändern, vielleicht sogar Dinge ins
Wanken bringen, an die man jahrelang geglaubt hat. Wer sich diesem inneren
Brodeln allerdings stellt und hingibt, hat die Möglichkeit, sich neu zu
erfahren und vielleicht so etwas wie Wahrheit zu spüren.
Wie sehen denn die Möglichkeiten aus, mit dem eigenen künstlerischen Talent
Geld zu verdienen ?
Schlecht (lacht). Ach ...darum geht es erst mal gar nicht. Sondern um die
schöpferische Tätigkeit an sich. Relevante Inhalte sind heute mehr denn je
gefragt. Wer nur auf den Markt und die Verwertung seiner Arbeiten schielt, ohne
der eigentlichen Durchführung die nötige Aufmerksamkeit und Wertschätzung
zukommen zu lassen, wird es schwer haben. Für mich stehen Authentizität und
Nachhaltigkeit meiner Arbeit an erster Stelle, erst danach kommt der
kommerzielle Gedanke. Das heißt: Wie kann ich das, was ich geschaffen habe,
anbieten. Wenn das zusätzlich gelingt und eine Akzeptanz beim Publikum da ist,
ist die Befriedigung doppelt groß. Im übrigen kann jeder Künstler in dieser
Frage viel von den australischen Aborigines lernen.
Warum das?
Sie halten den Moment des Entstehens, also die eigentliche Schaffensperiode,
für das, wofür Kunst letztendlich stehen sollte: Nämlich Wahrheitsfindung und
spirituelle Erfahrung. Interessanterweise gibt es in den vielen Sprachen der
Ureinwohner überhaupt keinen Begriff für Kunst oder Künstler. Es geht ihnen
dabei ausschließlich um eine Verbindung mit ihrer Schöpfungsmythologie und den
Vorahnen. Deshalb verliert das Werk, sobald es fertig gestellt ist, seine
Bedeutung, weil es seinen Zweck erfüllt hat. Aborigines sind ganz allgemein
sehr praktische und zweckorientierte Menschen.
Gibt es einen speziellen Platz in Australien, an den Du Dich zurücksehnst?
Ohh (seufzt), da gibt es einige, auf einen einzigen kann ich das unmöglich
beschränken. Der Karijini und Purnululu Nationalpark in Westaustralien waren
von besonderer Schönheit und Ausstrahlung. Sie waren sowohl spektakulär als
auch einladend, wir haben uns dort sehr geborgen und zu Hause gefühlt. Schwer
zu beschreiben. Die Gedichte im Buch können immer nur ein kleiner, unbeholfener
und ganz subjektiver Versuch sein, diese Schwingungen in Worte zu fassen.
Verspürtest Du dort Euphorie?
Mhh ..., ja, vielleicht, es hat etwas davon, aber das trifft es noch nicht
ganz. Stille Euphorie würde mir persönlich besser gefallen. Eine tiefe
Zufriedenheit, in einigen Momenten sicher auch echtes Glück. Das mag übertrieben
klingen, und in der Rückschau ist man ja immer geneigt, die Vergangenheit zu
etwas zu stilisieren, was sie so nicht war. Aber diese Zeit war wie eine Rückbesinnung
auf den inneren Kern, eine Reduktion auf das Wesentliche. Dadurch entsteht eine
Leichtigkeit, die zusammen mit dem intensiven Freiheitsgefühl dieses Glück ...
ja, diese stille Euphorie auslöst.
Welche Rolle spielt der Faktor Zeit dabei?
Ich kann sicherlich auch vier Wochen als Pauschalreisender eine tolle Zeit
in Australien haben. Aber mein Ding ist das nicht. Der Respekt, den dieser
Kontinent verdient, lässt sich ihm besser durch ein längeres, individuelles
Eintauchen entgegen bringen. Die Frage, die sich uns nach einigen Wochen
stellte, war: Wollen wir möglichst viele Highlights abgrasen oder eher weniger
sehen, dafür aber vielleicht umso mehr erleben. Das sollte man unterscheiden.
Wir haben mal ein Schweizer Paar getroffen, die, genau wie wir, ein gutes halbes
Jahr Zeit hatten und trotzdem in einem Tempo unterwegs waren, das uns etwas
irritierte. Das waren wirklich Schweizer ... (lacht). Die haben mit Sicherheit
wesentlich mehr gesehen als wir.
Es ist halt nicht jedermanns Sache, sich in Zeitlupe fortzubewegen ...
Es ist uns anfangs auch schwer gefallen, unser gewohntes deutsches
Alltags-Tempo abzulegen. Zu entschleunigen. Das kann man auch nicht erzwingen.
Es kommt, wenn, dann ganz automatisch. Wir haben gut sechs Wochen gebraucht, um
diese Umstellung zuzulassen. Wenn du dich öffnest für das Land und bereit
bist, Neues anzunehmen, kommst du sehr schön in so eine natürliche
Reise-Lethargie rein.
Hm... - wie sah das denn praktisch aus? Seid ihr zum Beispiel auch langsamer
gefahren?
Nein, nicht unbedingt. Es geht mehr um eine Langsamkeit nach innen, um ein längeres
Verweilen an Orten, denen ein spezieller Zauber inne wohnt. Wir haben das dort,
wo wir spürten, dass es dieser Platz verdient hätte, noch ein paar Nächte länger
zu bleiben, aus dem Bauch heraus entschieden. Außerdem haben wir in den
Nationalparks nicht all das unternommen, was angeboten wurde. Wir haben lieber
auf die ein oder andere Wanderung verzichtet und die, die wir gemacht haben,
umso länger genossen.
Du brauchtest ja auch Zeit zu Schreiben ...
... und zum Nichtstun, genau. In Deutschland kommt es mir oft so vor, als müsse
man sich fast dafür entschuldigen, mal faul und träge zu sein. Die
Atemlosigkeit in unserer Gesellschaft schreibt uns ständig vor, etwas tun zu müssen.
Sogar in unserer Freizeit und im Urlaub steckt das unbewußt in uns. Selbst wenn
wir im Glauben sind, nichts zu tun, lesen wir Zeitung, denken am Strand über Börsenkurse
nach oder telefonieren. Das ist ein echtes Übel.
Und in Australien ist alles anders?
Ja und nein. Das hängt viel von dir selber ab und was du mit der Reise
bezweckst. Aufgrund der klimatischen Bedingungen und der vielen abgeschiedenen Wüstenregionen,
bietet der Kontinent die idealen Voraussetzungen, um sich selbst besser kennen
zu lernen. Und das geht nur in einer langsamen Stille. In meinem Fall
entwickelten sich die meisten Gedichte aus dem Nichts, der Meditation, des
Im-Moment-Seins. Der Übergang in die kreative Phase des Schreibens war oft fließend.
Wie war, nach sieben Monaten Langsamkeit, die Rückkehr ins hektische, enge
Deutschland?
... Oh, das war eine echte Aufgabe. Aber das gehört genauso dazu. Mir ist
bei den Schwierigkeiten der Umstellung nur noch bewußter geworden, wie wichtig
es war, nach Australien zu gehen und diese Erfahrungen zu machen. Trotz einiger
Probleme, war es eine Bestätigung der Entscheidung.
Letzte Frage: Inwieweit hat sich Dein Denken und Fühlen nach diesen
Erfahrungen in Australien verändert und was konntest Du davon in Deinen
deutschen Alltag mitnehmen?
Gute Frage ...(längere Pause). Das Land hat mich verändert. Es ist schwer,
das zu beschreiben ... Ich habe dort meinen eigenen Pfad entdeckt. Und der führt
mich weg von kaufmännischen Zahlen hin zu meiner großen Liebe, der Reiselyrik.
Das ist mein Platz, meine Bestimmung, wenn man so will. In Verbindung mit Musik
und Bildern, Fotografie. Ich kann auch sagen, dass ich durch die unmittelbaren
Naturerlebnisse sensibler in der Wahrnehmung geworden bin. Ich habe dort etwas
empfunden, wonach ich mich in unseren Kirchen immer gesehnt habe.
Heißt das, Du bist in Australien religiöser geworden?
... vielleicht kann man das so sagen, ja. Und demütiger.
Und für Deinen beruflichen Alltag in Deutschland ...
Ich bin freier und unabhängiger. Nicht mehr bei einer Firma fest
angestellt, sondern als Autor selbständig. Die Entscheidung dafür fiel in
Australien. Jetzt gibt es das Buch, bald kommt die CD, auf der ich auch als Sänger
überzeugen möchte, dann folgen Auftritte. Ich vertraue einfach. Es klingt
vielleicht etwas pathetisch, aber ich möchte nicht mehr, als meinem Tun einen
Sinn geben. Ich bin auf einem ganz guten Weg...
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