Lyrisches Australien von Rainer Thielmann, 2003, Reiselyrik Verlag München R. Thielmann & B. Emmelot GbRSo etwas wie Wahrheit.
Ein Gespräch mit Rainer Thielmann von Andreas Sumoni
auf Lyrisches Australien:

Es scheint, dass die Idee zu "Lyrisches Australien" gut ankommt ...
Ja, wir sind wirklich sehr zufrieden mit den ersten Reaktionen. Wir sind vom Kempinski Airport Hotel München zu ihrem alljährlichen "Australian Barbecue" eingeladen worden, um das Buch dort vorzustellen. Darüber freuen wir uns sehr. Außerdem gibt es einige vielversprechende Kontakte, die für das Marketing des Buches und der CD interessant sein können. Das hat uns veranlasst, eine größere Auflage drucken zu lassen als ursprünglich geplant.

Wird das Buch im Handel erhältlich sein?
Der Vertrieb läuft in erster Linie über diese Internet-Seite. Außerdem werden wir es nach Lesungen und Auftritten anbieten. Es ist aber möglich, dass wir mit einem Handelspartner kooperieren, das steht noch nicht fest. Über die ISBN-Nummer ist das Buch ohnehin über jeden Buchhändler zu bestellen. Für alle, die kein Internet haben.

Du hast eine CD erwähnt ...
Buch und CD sind als Einheit zu sehen. Wem das Buch gefällt, der wird diese Stimmung musikalisch auch auf der CD wiederfinden. D.h. es gibt viele Balladen, viele schwebende und "stille Songs". Lyrisch, auch mal melancholisch und durchgängig erzählerisch. So eine Art Liedermacher-Pop/Rock, modern produziert. Wir werden die Songs wahrscheinlich durch gesprochene Kurzprosa miteinander verbinden und so ineinander fließen lassen. Die Inhalte der Lieder sind, bis auf einen einzigen, mit denen im Buch nicht identisch.

Warum nicht?
Es war mir überaus wichtig, eine kreative Zweiteilung zu machen - hier Buch, dort CD - und nicht bloß die Gedichte als Songs umzufunktionieren. Wir sind gerade mitten in der Endphase der Album-Produktion. Ich denke, dass wir Ende Oktober das musikalische Ergebnis präsentieren können.

Wer sind Deine Mitstreiter?
Ich bin froh, dass ich wirklich mit tollen Künstlern arbeiten darf, die ihr ganzes Talent für die Umsetzung dieser lyrischen Reise in die Waagschale werfen. Bei der CD sind das Andreas Horn (www.andyhorn.de), ein langjähriger Weggefährte und guter Freund, und Danny Humphreys (www.glow.de), den ich noch von meiner Zeit bei BMG Ariola kenne und schätze. Beim Buch habe ich mit Roland Heckmann (www.roland-heckmann.de), einem versierten Layouter aus Heilbronn, gearbeitet.

Wirst Du auch live zu sehen sein?
Auf jeden Fall. Wahrscheinlich ab Oktober. Die Termine geben wir rechtzeitig über diese Seite bekannt.

Was bedeutet Schreiben für Dich ganz persönlich ?
(Pause) Gar nicht so leicht, das so auf den Punkt zu beantworten (...) Es ist ein Eintauchen in mein Selbst, Konzentration und Rückzug. Ich entdecke durchs Schreiben meine Individualität. Es hat in den letzten Jahren, gerade auch durch die Erfahrungen in Australien, eine spirituelle Komponente dazu gewonnen.

Kannst Du das genauer beschreiben ...
Nun, in diesen archaischen Naturlandschaften schreiben zu dürfen, ist ein ganz besonderes und beglückendes Erlebnis. Dort gab es viele Momente, in denen ich einen Einklang gespürt habe. Mit den Elementen, dem Kosmos, mit allem um mich herum. Das Land ist so beeindruckend, wuchtig und sanft zugleich, dass die unmittelbaren Eindrücke natürlich zusätzlich verstärkt werden, wenn du dort schreibst. In dieser meditativen Stille entstanden dann fast 120 Gedichte.

Wie kann man sich das vorstellen? Setzt Du Dich hin und sagst "So, dann will ich mal ..."?
Klar (lacht), schon irgendwie. Inspirationsquellen gibt es in Australien genug, die musste ich also nicht suchen. Ich fühlte mich sehr in die Natur eingebettet und konnte mich in die unterschiedlichen Stimmungen, die sie hervorbringt, reinfallen lassen. Das geht oft intuitiv ab: Ich spüre an einem bestimmten Ort eine bestimmte Schwingung. Der Kopf hat dann zwar weiter die Kontrolle über die Gedanken, aber die Führung hat er abgegeben. Die Emotionen bekommen also mehr Raum. Die Seele kann sich in diesem Land viel leichter öffnen als im vergleichsweise engen Europa. Australien hat für mich deshalb eine enorme Anziehungskraft.

Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben ?
Puhh, das ist schwer. Das können andere besser beurteilen. Für mich ist wichtig, dass ich in den Texten nah bei mir bin und immer authentisch bleibe. Es sind sicher keine intellektuell abgehobenen, schweren Gedichte, das bin ich auch nicht. Dennoch möchte ich einen eigenen Anspruch wahren, nicht plump oder beliebig sein. Dabei ziehe ich eine Form vor, die mit Reimen spielt, weil ich glaube, dass so die Harmonie zwischen Mensch und Natur am besten eingefangen werden kann. Und darum geht es bei "Lyrisches Australien".

Aber Prosa schreibst Du doch auch ...
Ja, im Buch sind einige kleine Kurzprosa-Texte, die ich bewusst eingesetzt habe, um die Gedichte zwischendurch etwas aufzulockern. Dabei halten sie die Stimmung und bilden so einen schönen Übergang zum nächsten Gedicht.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen ?
Ach ... irgendwie ganz natürlich und selbstverständlich. Ich dichte fast schon so lange ich schreiben kann. Das Talent ist mir in die Wiege gelegt worden - meine Mutter dichtet sehr gut, und einige ihrer sechs Geschwister sind ebenfalls ziemlich fit. Ich habe aber erst mit Ende zwanzig gemerkt, dass es in meinem Leben vielleicht einen größeren Platz einnehmen kann als ein reines Hobby. Das ist der Kreativität aber letztendlich ziemlich egal, ob Du sie zu Deinem Beruf machst oder nicht. Hauptsache sie wird gefordert und Du lässt ihr genügend Platz. Ich glaube auch, dass viele Menschen vielleicht kreativer sind, wenn sie nicht den Druck des "Schreiben-Müssens" spüren. Bei mir spielt das glücklicherweise keine Rolle. Es fließt, unabhängig von den Gegebenheiten und darüber bin ich auch sehr dankbar..

Wie viel Talent braucht man, und welchen Prozentsatz macht der Fleiß aus?
Du bist nur wirklich fleißig, wenn dir etwas großen Spaß macht. Und Spaß macht eine Sache vor allem dann, wenn du spürst, dass du ein Faible dafür hast, dass dir etwas gelingt. Kurzum: Wenn du dein Talent dafür entdeckst. Und ich glaube, dass jeder Mensch talentiert ist. In irgend etwas, vielleicht ohne es zu wissen und auch unabhängig vom Künstlerischen. Darin liegt ja oft die Schwierigkeit: das vorhandene Talent aufzuspüren, daran zu arbeiten und eine gewisse Verantwortung diesem Geschenk gegenüber zu empfinden. Wenn du so weit bist, ist das die beste Grundvoraussetzung. Aber alles braucht Zeit. Viele stoßen erst sehr spät auf ihr Talent, weil sie sich zum ersten mal intensiv mit sich selbst beschäftigen. Sie kratzen an der eigenen Oberfläche und auf einmal spüren sie die darunter liegende Magma. Das braucht dann Mut, sich dem Brodeln zu stellen, weil der eigene innere Vulkan vielen Menschen fremd ist und deshalb Angst macht. Er könnte ja auch etwas verändern, vielleicht sogar Dinge ins Wanken bringen, an die man jahrelang geglaubt hat. Wer sich diesem inneren Brodeln allerdings stellt und hingibt, hat die Möglichkeit, sich neu zu erfahren und vielleicht so etwas wie Wahrheit zu spüren.

Wie sehen denn die Möglichkeiten aus, mit dem eigenen künstlerischen Talent Geld zu verdienen ?
Schlecht (lacht). Ach ...darum geht es erst mal gar nicht. Sondern um die schöpferische Tätigkeit an sich. Relevante Inhalte sind heute mehr denn je gefragt. Wer nur auf den Markt und die Verwertung seiner Arbeiten schielt, ohne der eigentlichen Durchführung die nötige Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukommen zu lassen, wird es schwer haben. Für mich stehen Authentizität und Nachhaltigkeit meiner Arbeit an erster Stelle, erst danach kommt der kommerzielle Gedanke. Das heißt: Wie kann ich das, was ich geschaffen habe, anbieten. Wenn das zusätzlich gelingt und eine Akzeptanz beim Publikum da ist, ist die Befriedigung doppelt groß. Im übrigen kann jeder Künstler in dieser Frage viel von den australischen Aborigines lernen.

Warum das?
Sie halten den Moment des Entstehens, also die eigentliche Schaffensperiode, für das, wofür Kunst letztendlich stehen sollte: Nämlich Wahrheitsfindung und spirituelle Erfahrung. Interessanterweise gibt es in den vielen Sprachen der Ureinwohner überhaupt keinen Begriff für Kunst oder Künstler. Es geht ihnen dabei ausschließlich um eine Verbindung mit ihrer Schöpfungsmythologie und den Vorahnen. Deshalb verliert das Werk, sobald es fertig gestellt ist, seine Bedeutung, weil es seinen Zweck erfüllt hat. Aborigines sind ganz allgemein sehr praktische und zweckorientierte Menschen.

Gibt es einen speziellen Platz in Australien, an den Du Dich zurücksehnst?
Ohh (seufzt), da gibt es einige, auf einen einzigen kann ich das unmöglich beschränken. Der Karijini und Purnululu Nationalpark in Westaustralien waren von besonderer Schönheit und Ausstrahlung. Sie waren sowohl spektakulär als auch einladend, wir haben uns dort sehr geborgen und zu Hause gefühlt. Schwer zu beschreiben. Die Gedichte im Buch können immer nur ein kleiner, unbeholfener und ganz subjektiver Versuch sein, diese Schwingungen in Worte zu fassen.

Verspürtest Du dort Euphorie?
Mhh ..., ja, vielleicht, es hat etwas davon, aber das trifft es noch nicht ganz. Stille Euphorie würde mir persönlich besser gefallen. Eine tiefe Zufriedenheit, in einigen Momenten sicher auch echtes Glück. Das mag übertrieben klingen, und in der Rückschau ist man ja immer geneigt, die Vergangenheit zu etwas zu stilisieren, was sie so nicht war. Aber diese Zeit war wie eine Rückbesinnung auf den inneren Kern, eine Reduktion auf das Wesentliche. Dadurch entsteht eine Leichtigkeit, die zusammen mit dem intensiven Freiheitsgefühl dieses Glück ... ja, diese stille Euphorie auslöst.

Welche Rolle spielt der Faktor Zeit dabei?
Ich kann sicherlich auch vier Wochen als Pauschalreisender eine tolle Zeit in Australien haben. Aber mein Ding ist das nicht. Der Respekt, den dieser Kontinent verdient, lässt sich ihm besser durch ein längeres, individuelles Eintauchen entgegen bringen. Die Frage, die sich uns nach einigen Wochen stellte, war: Wollen wir möglichst viele Highlights abgrasen oder eher weniger sehen, dafür aber vielleicht umso mehr erleben. Das sollte man unterscheiden. Wir haben mal ein Schweizer Paar getroffen, die, genau wie wir, ein gutes halbes Jahr Zeit hatten und trotzdem in einem Tempo unterwegs waren, das uns etwas irritierte. Das waren wirklich Schweizer ... (lacht). Die haben mit Sicherheit wesentlich mehr gesehen als wir.

Es ist halt nicht jedermanns Sache, sich in Zeitlupe fortzubewegen ...
Es ist uns anfangs auch schwer gefallen, unser gewohntes deutsches Alltags-Tempo abzulegen. Zu entschleunigen. Das kann man auch nicht erzwingen. Es kommt, wenn, dann ganz automatisch. Wir haben gut sechs Wochen gebraucht, um diese Umstellung zuzulassen. Wenn du dich öffnest für das Land und bereit bist, Neues anzunehmen, kommst du sehr schön in so eine natürliche Reise-Lethargie rein.

Hm... - wie sah das denn praktisch aus? Seid ihr zum Beispiel auch langsamer gefahren?
Nein, nicht unbedingt. Es geht mehr um eine Langsamkeit nach innen, um ein längeres Verweilen an Orten, denen ein spezieller Zauber inne wohnt. Wir haben das dort, wo wir spürten, dass es dieser Platz verdient hätte, noch ein paar Nächte länger zu bleiben, aus dem Bauch heraus entschieden. Außerdem haben wir in den Nationalparks nicht all das unternommen, was angeboten wurde. Wir haben lieber auf die ein oder andere Wanderung verzichtet und die, die wir gemacht haben, umso länger genossen.

Du brauchtest ja auch Zeit zu Schreiben ...
... und zum Nichtstun, genau. In Deutschland kommt es mir oft so vor, als müsse man sich fast dafür entschuldigen, mal faul und träge zu sein. Die Atemlosigkeit in unserer Gesellschaft schreibt uns ständig vor, etwas tun zu müssen. Sogar in unserer Freizeit und im Urlaub steckt das unbewußt in uns. Selbst wenn wir im Glauben sind, nichts zu tun, lesen wir Zeitung, denken am Strand über Börsenkurse nach oder telefonieren. Das ist ein echtes Übel.

Und in Australien ist alles anders?
Ja und nein. Das hängt viel von dir selber ab und was du mit der Reise bezweckst. Aufgrund der klimatischen Bedingungen und der vielen abgeschiedenen Wüstenregionen, bietet der Kontinent die idealen Voraussetzungen, um sich selbst besser kennen zu lernen. Und das geht nur in einer langsamen Stille. In meinem Fall entwickelten sich die meisten Gedichte aus dem Nichts, der Meditation, des Im-Moment-Seins. Der Übergang in die kreative Phase des Schreibens war oft fließend.

Wie war, nach sieben Monaten Langsamkeit, die Rückkehr ins hektische, enge Deutschland?
... Oh, das war eine echte Aufgabe. Aber das gehört genauso dazu. Mir ist bei den Schwierigkeiten der Umstellung nur noch bewußter geworden, wie wichtig es war, nach Australien zu gehen und diese Erfahrungen zu machen. Trotz einiger Probleme, war es eine Bestätigung der Entscheidung.

Letzte Frage: Inwieweit hat sich Dein Denken und Fühlen nach diesen Erfahrungen in Australien verändert und was konntest Du davon in Deinen deutschen Alltag mitnehmen?
Gute Frage ...(längere Pause). Das Land hat mich verändert. Es ist schwer, das zu beschreiben ... Ich habe dort meinen eigenen Pfad entdeckt. Und der führt mich weg von kaufmännischen Zahlen hin zu meiner großen Liebe, der Reiselyrik. Das ist mein Platz, meine Bestimmung, wenn man so will. In Verbindung mit Musik und Bildern, Fotografie. Ich kann auch sagen, dass ich durch die unmittelbaren Naturerlebnisse sensibler in der Wahrnehmung geworden bin. Ich habe dort etwas empfunden, wonach ich mich in unseren Kirchen immer gesehnt habe.

Heißt das, Du bist in Australien religiöser geworden?
... vielleicht kann man das so sagen, ja. Und demütiger.

Und für Deinen beruflichen Alltag in Deutschland ...
Ich bin freier und unabhängiger. Nicht mehr bei einer Firma fest angestellt, sondern als Autor selbständig. Die Entscheidung dafür fiel in Australien. Jetzt gibt es das Buch, bald kommt die CD, auf der ich auch als Sänger überzeugen möchte, dann folgen Auftritte. Ich vertraue einfach. Es klingt vielleicht etwas pathetisch, aber ich möchte nicht mehr, als meinem Tun einen Sinn geben. Ich bin auf einem ganz guten Weg...

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