Uwe Tellkamp, 2005, Foto: Ekko von Schwichow

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"So eine Spirale willst du auch einmal schreiben"
Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger und Dichterarzt Uwe Tellkamp im Gespräch
Von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 7.7.2004:

"So eine Spirale willst du auch einmal schreiben"
Im FR-Gespräch äußert er sich über seine literarischen Metamorphosen, seine Meeres-Sehnsucht und seine Faszination für die Oper. Für eine anmaßende Umkreisung der Welt: Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger und Dichterarzt Uwe Tellkamp im Gespräch

Frankfurter Rundschau: Kaum ein Kritiker hat sich nach Ihrer Lesung in Klagenfurt den Hinweis auf den "ehemaligen NVA-Panzerkommandanten" entgehen lassen. Meist fehlt aber der zweite Teil der Geschichte: ihre Befehlsverweigerung während der Oktober-Tage 1989 in Dresden, die ihnen einige Wochen Gefängnishaft eintrug. Inwiefern hat dieser Akt von Verweigerung und staatlicher Repression ihr Leben und ihr Schreiben geprägt?

Uwe Tellkamp: Entscheidend. Meine Befehlsverweigerung vollzog sich am 9. Oktober 1989, als sich in Dresden an der Prager Straße die "Gruppe der 20" formierte, eine der frühesten oppositionellen Bewegungen der DDR. Zuvor hatte man von den Ausreisewilligen in der Prager Botschaft erfahren.

An diesem Abend war es so, dass einer dieser Ausreisezüge von Prag über den Dresdner Hauptbahnhof lief. Und da strömten in Dresden die Leute massenhaft zum Bahnhof, um sich an diese Ausreisezüge anzuklammern. Da war alles verstopft und der ganze Bahnhof war von der Polizei weiträumig abgeriegelt. Bei uns in der Kaserne wurde der Befehl zum Ausrücken gegeben, um gegen die Protestbewegung vorzugehen. Ich wusste, dass sich mein Bruder unter den Demonstranten befand. Ich sagte mir: Da kann es passieren, dass du gegen die eigenen Leute schlägst - und da habe ich gesagt, das mache ich nicht.

Dann ging alles sehr schnell. Da flogen dann die Schulterklappen ab. Dann hieß es: Der Studienplatz für Medizin wird Ihnen entzogen. Und es ging in den Bau. Es war allerdings ein Zivilgefängnis, in dem ich zwei Wochen verwahrt wurde. Um einen kreiselte die ganze Welt. Da lag in einer Nische eine alte vergammelte Schwarte, ein Roman von Lion Feuchtwanger. Den habe ich gelesen, weil ich sonst keine Nachrichten hatte. Als ich nach zwei Wochen wieder rauskam, war die Kaserne in völliger Auflösung begriffen.

Das alles hat mich insofern geprägt, als ich eine entscheidende Erfahrung gemacht habe: Menschliches Leben ist in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation prinzipiell verfügbar. Das ist ein Gefühl des Ausgesetztseins. Die ganze Existenz kann kippen. Und wenn die DDR dann nicht rasch in die ewigen Jagdgründe eingegangen wäre, dann säße ich nicht hier. Dieser biographische Knick war aber nicht direkt der Anlass, um zu Feder und Stift zu greifen. Geschrieben habe ich schon immer, das heißt genau seit dem 16. Oktober 1985, als ich, fasziniert von dem flutenden Sonnenlicht in unserem Garten und dem Lichteinfall auf eine Rose, mein erstes Gedicht schrieb. Die erste Veröffentlichung erfolgte dann 1987 in der Zeitschrift Eulenspiegel. Prosa und Lyrik entstanden immer parallel, wobei lange Jahre die Zeit für größere Textzusammenhänge fehlte.

Seit vielen Jahren arbeiten Sie an dem mytho-poetischen Weltgedicht "Der Nautilus". Die Lebensreise als unendliche Seefahrt: Das hat eine sehr lange Tradition, die nicht erst mit Homer beginnt und die auch nicht mit Ezra Pound und Derek Walcott endet. "Der Nautilus" ist ein Projekt der Geschichtsarchäologie. Was war eigentlich der Ausgangspunkt für dieses Langgedicht?

Im Jahr 1996 bin ich in Dresden einmal den Fürstenzug entlang gegangen - ein Weg, an dem in Porzellanmosaiken die ganzen sächsischen Fürstengeschlechter eintarsiert sind - und bin dort in einem Andenkenladen, wo Mineralien verkauft werden, auf einen Goniatiten gestoßen. Goniatiten sind Steine, runde Scheiben, die man in der Regel vor der Küste Marokkos findet. Runde Scheiben mit einer Schneckenfigur, einer Art Urschnecke im Ammonid. Da stand ich träumend sinnend davor und dachte, so eine Spirale willst du auch einmal schreiben. Aus diesem Keim, aus dieser Anschauung des Goniatiten, hat das Schreiben des Nautilus begonnen. Erste Proben davon hat 1996 der kleine Dresdner Verlag Buchlabor veröffentlicht in einer wahnsinnigen Auflage von 6 Exemplaren. Seither ist viel hinzu gekommen, haben sich an das Spiralen-Motiv viele weitere Motive angelagert: das Vineta-Motiv, die "Reise in die blaue Stadt", das Segeln auf vielen Argonauten- und Aschen-Schiffen und so fort.

Ihre Vorfahren waren Seeleute, Elbe-Lotsen und Goldsucher. Sind Sie von dieser Familiengeschichte her auf das Nautilus-Motiv gekommen?

Einige werden sagen: Wie kommt ein Sachse dazu, sich für das Meer zu interessieren? Dabei waren viele Besatzungsmiglieder auf den alten deutschen Segelschiffen Sachsen. Meine Familie kommt ursprünglich aus Hamburg. Der Bruder meines Urgroßvaters fuhr auf der "Posen", auf der so genannten Salpeter-Linie. Die meisten meiner Vorfahren waren tatsächlich Elbe-Lotsen, inwieweit das aber biographisch auf mich zurückstrahlt, weiß ich nicht. Es war mit dem Nautilus-Motiv eher umgekehrt: Im Verlauf meiner Beschäftigung mit Meeres-Topologie und Meeres-Stoffen erwachte allmählich das Interesse an der Familiengeschichte.

Ihr Klagenfurt-Text "Der Schlaf in den Uhren" leistet sich den pathetischen Rückgriff auf die Oper. Wie halten Sie es mit der Oper? Sie haben sich ja einmal halb scherzhaft als "Librettisten Wagners" bezeichnet.

So ganz scherzhaft ist das nicht. Natürlich ist die Verortung als Librettist Wagners eine Anmaßung. Es geht mir um den Gestus der Wagner-Oper: Es ist ein weltumkreisender, anmaßender, weltschöpferischer, mythologischer Gestus. Die Welt, dargestellt als Märchen-Mechanik. Wagner will immer die Welt aus dem Mythos neu erschaffen. Dieser Ansatz ist mir nah. Der Satz vom Librettisten war ursprünglich auf den Nautilus bezogen. Aber er gilt wohl auch für die Prosa. Das Interesse an der Oper hat aber auch biographische Hintergründe. Die Dresdner Linie meiner Familie ist eine Arzt- und Musiker-Familie. Ein enger Verwandter, früher Bratschist in der Staatskapelle, hat mich nach der Schule hochgeholt, und wir haben dann stundenlang Opern angehört und auch verschiedene Interpretationen zum Beispiel des Rosenkavalier miteinander verglichen. Dieser pädagogische Eros, die Akademie im alten platonischen Sinn, dass ein Schüler von verschiedenen Pädagogen humanistisch erzogen wird, ist mir sehr vertraut. Dieses Wilhelm Meister-Konzept von der pädagogischen Provinz Kastalien. Als solche ist mir die DDR am Ende immer mehr erschienen. Soviel zur Opernwelt. Wobei mich bei der Oper immer mehr das Märchen interessiert hat als der Mythos. Burkhard Spinnen hielt mir in Klagenfurt vor, ich wolle eine Oper in der Literatur schreiben. Es geht mir eher um das Märchen.

Wie können Sie den Arztberuf mit der schriftstellerischen Existenz vereinbaren? Zumal Sie, wie man hört, in intensiven Arbeitsperioden bis zu vierzehn Stunden ohne Unterbrechung schreiben, ohne sich je eine Pause zu gönnen?

Ich arbeite zur Zeit im Rahmen meiner medizinischen Ausbildung in einer Praxis, aber ich weiß nicht, ob ich das nicht irgendwann ad acta legen muss. Man schreibt wie in einem Rausch und dann klingelt unvermittelt der Wecker. Da wird das Schreiben guillotiniert. Bei mir hat Dichtung ja etwas Vegetativisches. In relativ kurzer Zeit, in zwei Wochen im August, schreibe ich in der Regel 500 bis 600 Verse. Das ist wie eine Ausgießung, aber dann kommt erstmal nichts mehr, monatelang bin ich dann wie abgeschnitten. Die Prosa entsteht dann irgendwo zwischen den Zeit-Verpflichtungen, auf Treppen, im Keller, an Urlaubstagen. So ist man zur Schreibintensität gezwungen. Doch diese Doppelexistenz als Arzt und Autor wird immer schwieriger. So muss ich mich irgendwann entscheiden.

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