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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
"So eine Spirale willst du auch einmal
schreiben"
Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger und
Dichterarzt Uwe Tellkamp im Gespräch
Von Michael Braun in der Frankfurter
Rundschau, 7.7.2004:
"So eine Spirale willst du auch einmal
schreiben"
Im
FR-Gespräch äußert er sich über seine literarischen Metamorphosen, seine
Meeres-Sehnsucht und seine Faszination für die Oper. Für eine anmaßende Umkreisung der Welt: Der
Ingeborg-Bachmann-Preisträger und
Dichterarzt Uwe Tellkamp im Gespräch
Frankfurter Rundschau: Kaum ein Kritiker hat
sich nach Ihrer Lesung in Klagenfurt den Hinweis auf den "ehemaligen
NVA-Panzerkommandanten" entgehen lassen. Meist fehlt aber der zweite Teil
der Geschichte: ihre Befehlsverweigerung während der Oktober-Tage 1989 in
Dresden, die ihnen einige Wochen Gefängnishaft eintrug. Inwiefern hat dieser
Akt von Verweigerung und staatlicher Repression ihr Leben und ihr Schreiben geprägt?
Uwe Tellkamp: Entscheidend. Meine Befehlsverweigerung vollzog sich am 9. Oktober
1989, als sich in Dresden an der Prager Straße die "Gruppe der 20"
formierte, eine der frühesten oppositionellen Bewegungen der DDR. Zuvor hatte
man von den Ausreisewilligen in der Prager Botschaft erfahren.
An diesem Abend war es so, dass einer dieser Ausreisezüge von Prag über den
Dresdner Hauptbahnhof lief. Und da strömten in Dresden die Leute massenhaft zum
Bahnhof, um sich an diese Ausreisezüge anzuklammern. Da war alles verstopft und
der ganze Bahnhof war von der Polizei weiträumig abgeriegelt. Bei uns in der
Kaserne wurde der Befehl zum Ausrücken gegeben, um gegen die Protestbewegung
vorzugehen. Ich wusste, dass sich mein Bruder unter den Demonstranten befand.
Ich sagte mir: Da kann es passieren, dass du gegen die eigenen Leute schlägst -
und da habe ich gesagt, das mache ich nicht.
Dann ging alles sehr schnell. Da flogen dann die Schulterklappen ab. Dann hieß
es: Der Studienplatz für Medizin wird Ihnen entzogen. Und es ging in den Bau.
Es war allerdings ein Zivilgefängnis, in dem ich zwei Wochen verwahrt wurde. Um
einen kreiselte die ganze Welt. Da lag in einer Nische eine alte vergammelte
Schwarte, ein Roman von Lion
Feuchtwanger. Den habe ich gelesen, weil ich sonst
keine Nachrichten hatte. Als ich nach zwei Wochen wieder rauskam, war die
Kaserne in völliger Auflösung begriffen.
Das alles hat mich insofern geprägt, als ich eine entscheidende Erfahrung
gemacht habe: Menschliches Leben ist in einer bestimmten gesellschaftlichen
Situation prinzipiell verfügbar. Das ist ein Gefühl des Ausgesetztseins. Die
ganze Existenz kann kippen. Und wenn die DDR dann nicht rasch in die ewigen
Jagdgründe eingegangen wäre, dann säße ich nicht hier. Dieser biographische
Knick war aber nicht direkt der Anlass, um zu Feder und Stift zu greifen.
Geschrieben habe ich schon immer, das heißt genau seit dem 16. Oktober 1985,
als ich, fasziniert von dem flutenden Sonnenlicht in unserem Garten und dem
Lichteinfall auf eine Rose, mein erstes Gedicht schrieb. Die erste Veröffentlichung
erfolgte dann 1987 in der Zeitschrift Eulenspiegel. Prosa und Lyrik entstanden
immer parallel, wobei lange Jahre die Zeit für größere Textzusammenhänge
fehlte.
Seit vielen Jahren arbeiten Sie an dem mytho-poetischen Weltgedicht "Der
Nautilus". Die Lebensreise als unendliche Seefahrt: Das hat eine sehr lange
Tradition, die nicht erst mit Homer beginnt und die auch nicht mit Ezra Pound
und Derek Walcott endet. "Der Nautilus" ist ein Projekt der
Geschichtsarchäologie. Was war eigentlich der Ausgangspunkt für dieses
Langgedicht?
Im Jahr 1996 bin ich in Dresden einmal den Fürstenzug entlang gegangen - ein
Weg, an dem in Porzellanmosaiken die ganzen sächsischen Fürstengeschlechter
eintarsiert sind - und bin dort in einem Andenkenladen, wo Mineralien verkauft
werden, auf einen Goniatiten gestoßen. Goniatiten sind Steine, runde Scheiben,
die man in der Regel vor der Küste Marokkos findet. Runde Scheiben mit einer
Schneckenfigur, einer Art Urschnecke im Ammonid. Da stand ich träumend sinnend
davor und dachte, so eine Spirale willst du auch einmal schreiben. Aus diesem
Keim, aus dieser Anschauung des Goniatiten, hat das Schreiben des Nautilus
begonnen. Erste Proben davon hat 1996 der kleine Dresdner Verlag Buchlabor veröffentlicht
in einer wahnsinnigen Auflage von 6 Exemplaren. Seither ist viel hinzu gekommen,
haben sich an das Spiralen-Motiv viele weitere Motive angelagert: das
Vineta-Motiv, die "Reise in die blaue Stadt", das Segeln auf vielen
Argonauten- und Aschen-Schiffen und so fort.
Ihre Vorfahren waren Seeleute, Elbe-Lotsen und
Goldsucher. Sind Sie von dieser Familiengeschichte her auf das Nautilus-Motiv
gekommen?
Einige werden sagen: Wie kommt ein Sachse dazu, sich für das Meer zu
interessieren? Dabei waren viele Besatzungsmiglieder auf den alten deutschen
Segelschiffen Sachsen. Meine Familie kommt ursprünglich aus Hamburg. Der Bruder
meines Urgroßvaters fuhr auf der "Posen", auf der so genannten
Salpeter-Linie. Die meisten meiner Vorfahren waren tatsächlich Elbe-Lotsen,
inwieweit das aber biographisch auf mich zurückstrahlt, weiß ich nicht. Es war
mit dem Nautilus-Motiv eher umgekehrt: Im Verlauf meiner Beschäftigung mit
Meeres-Topologie und Meeres-Stoffen erwachte allmählich das Interesse an der
Familiengeschichte.
Ihr Klagenfurt-Text "Der Schlaf in den Uhren" leistet sich den
pathetischen Rückgriff auf die Oper. Wie halten Sie es mit der Oper? Sie haben
sich ja einmal halb scherzhaft als "Librettisten Wagners" bezeichnet.
So ganz scherzhaft ist das nicht. Natürlich ist die Verortung als Librettist
Wagners eine Anmaßung. Es geht mir um den Gestus der Wagner-Oper: Es ist ein
weltumkreisender, anmaßender, weltschöpferischer, mythologischer Gestus. Die
Welt, dargestellt als Märchen-Mechanik. Wagner will immer die Welt aus dem
Mythos neu erschaffen. Dieser Ansatz ist mir nah. Der Satz vom Librettisten war
ursprünglich auf den Nautilus bezogen. Aber er gilt wohl auch für die Prosa.
Das Interesse an der Oper hat aber auch biographische Hintergründe. Die
Dresdner Linie meiner Familie ist eine Arzt- und Musiker-Familie. Ein enger
Verwandter, früher Bratschist in der Staatskapelle, hat mich nach der Schule
hochgeholt, und wir haben dann stundenlang Opern angehört und auch verschiedene
Interpretationen zum Beispiel des Rosenkavalier miteinander verglichen.
Dieser pädagogische Eros, die Akademie im alten platonischen Sinn, dass ein Schüler
von verschiedenen Pädagogen humanistisch erzogen wird, ist mir sehr vertraut.
Dieses Wilhelm Meister-Konzept von der pädagogischen Provinz Kastalien. Als
solche ist mir die DDR am Ende immer mehr erschienen. Soviel zur Opernwelt.
Wobei mich bei der Oper immer mehr das Märchen interessiert hat als der Mythos.
Burkhard Spinnen hielt mir in Klagenfurt vor, ich wolle eine Oper in der
Literatur schreiben. Es geht mir eher um das Märchen.
Wie können Sie den Arztberuf mit der schriftstellerischen Existenz
vereinbaren? Zumal Sie, wie man hört, in intensiven Arbeitsperioden bis zu
vierzehn Stunden ohne Unterbrechung schreiben, ohne sich je eine Pause zu gönnen?
Ich arbeite zur Zeit im Rahmen meiner medizinischen Ausbildung in einer Praxis,
aber ich weiß nicht, ob ich das nicht irgendwann ad acta legen muss. Man
schreibt wie in einem Rausch und dann klingelt unvermittelt der Wecker. Da wird
das Schreiben guillotiniert. Bei mir hat Dichtung ja etwas Vegetativisches. In
relativ kurzer Zeit, in zwei Wochen im August, schreibe ich in der Regel 500 bis
600 Verse. Das ist wie eine Ausgießung, aber dann kommt erstmal nichts mehr,
monatelang bin ich dann wie abgeschnitten. Die Prosa entsteht dann irgendwo
zwischen den Zeit-Verpflichtungen, auf Treppen, im Keller, an Urlaubstagen. So
ist man zur Schreibintensität gezwungen. Doch diese Doppelexistenz als Arzt und
Autor wird immer schwieriger. So muss ich mich irgendwann entscheiden.
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