Uwe Tellkamp, 2005, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
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Aus der germanischen Wundertüte.
Uwe Tellkamp gewinnt bei den 28. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt
Von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 28.6.2004:

Am Freitag, kurz nach 15 Uhr, betrat ein ehemaliger NVA-Panzerkommandant die Klagenfurter Bühne und walzte alles bis dahin Gewesene (soll heißen: Vorgelesene) nieder. Der Auftritt Uwe Tellkamps auf den 28. Tagen der deutschsprachigen Literatur war mit Sicherheit einer, der im Gedächtnis bleiben wird. Weil Tellkamp seinen Text brillant vortrug, weil er eine erstklassige Performance lieferte. Weil er es verstand, die gute halbe Stunde Lesezeit tatsächlich zu füllen. Und nicht zuletzt deshalb, weil es Tellkamp gelang, mit einem stockkonservativen Text aus der germanistischen Wundertüte die neunköpfige Jury in einen beinahe einstimmigen Begeisterungstaumel zu stürzen: "Schiere Kunstfertigkeit" (Heinrich Detering), "sprachlicher Furor" (Iris Radisch) und so weiter.

So wunderte es dann auch nicht, dass der mit 22 500 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis am gestrigen Sonntag gleich in der ersten Abstimmungsrunde an den 1968 in Dresden geborenen und heute in München lebenden Uwe Tellkamp ging, der von der Jurorin Ilma Rakusa eingeladen worden war. Vielleicht waren es die eher ruhigen, minimalistischen, in sich kreisenden Beiträge, mit denen der Wettbewerb gestartet war, gegen die Tellkamps überinstrumentierte "Blumen schmeißende Spätromantik" (so Juror Klaus Nüchtern) wie ein Befreiungsschlag wirken konnte.

Körperflüssigkeiten flossen da zuhauf, intertextuelle Verweise raunten, ein breiter Bildungshorizont, sinnliche Erfahrungen und Erzählstimmen flossen ineinander; dazu kommt ein Autor mit einer undurchdringlichen Aura und einer schrägen Biografie.

Atemlose Straßenbahnfahrt durch Dresden und die Epochen

Tellkamp unternahm eine atemlose Straßenbahnfahrt durch Dresden und die Epochen, in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in eine volkseigene Schokoladenproduktion der DDR, in die Gegenwart, unterlegt von Zitaten aus dem Rosenkavalier und Meditationen über die Zeit.

Schon das einführende Porträt zeigte Tellkamp beim Maskenspiel; auch sein Wettbewerbsbeitrag, ein Auszug aus dem Roman Der Schlaf in den Uhren, funktionierte nach diesem Prinzip - perfekt gearbeitet, in sich geschlossen, aber ohne jede Gegenwartsnähe, gespeist aus dem technischen Vorrat der Moderne, von Hofmannsthal über Proust und Joyce bis hin zu Claude Simon und Wolfgang Hilbig. "Nimm mich", schrie der Text, "ich bin groß", und er wurde erhört. Tschingdarassabumm. Uwe Tellkamp verfügt über Rhythmus, eigenwillige Sprache und hohe suggestive Kraft. Doch ob er den Bachmann-Preis auch ohne Tuning bekommen hätte?

Gute Autoren gab es viele in diesem Jahr, zum ersten Mal seit langer Zeit mehr starke Texte als zu vergebende Preise. Das spricht gegen die von der ab und an noch immer polemisch vorpreschenden Juryvorsitzenden Iris Radisch (die aber in Klagenfurt die Größe besaß, Irrtümer einzugestehen) diagnostizierte Krise der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Vor zwei Jahren war der Klagenfurter Wettbewerb auf seinem Nullpunkt angekommen - eine Ansammlung hilfloser Schreibversuche, kommentiert von einer in den Untiefen des literaturwissenschaftlichen Codes versunkenen Jury (Restbestände dieser Floskelsprache blitzten 2004 allenfalls noch gelegentlich bei Ilma Rakusa auf). Im vergangenen Jahr war die runderneuerte Jury unterhaltsamer als ihr Gegenstand, nun befinden sich Autoren und ihre Preisrichter wieder auf Augenhöhe, und zwar auf hohem Niveau, allen voran Burkhard Spinnen, der zwar wie immer das letzte Wort haben musste, das aber saß zumeist auch, und die Neuzugänge Klaus Nüchtern, der nicht selten drastisch, aber stets zur Sache argumentierte, und der rhetorisch gewandte Heinrich Detering.

Dass Arne Roß' Text Pauls Fall, ästhetisch das exakte Gegenteil zu Tellkamp, den Preis der Jury erhielt, spricht für die große Bandbreite des Wettbewerbs. Roß hatte eine langsame, quälende Partitur des Alterns vorgetragen, stimmig bis ins letzte Detail, sparsam bebildert, voller Dezenz, Wärme und Humanität, "anrührend, ohne sentimental zu sein" (Detering), die den langsamen geistigen Verfall (und mit ihm den Verfall der Lebensumgebung, der Kommunikation in der Ehe) nicht nur zeigte, sondern in ihrer Struktur nachvollzog: Ein Schritt vor, zwei zurück, und das in einem fort, den Hut mitnehmen oder nicht, aufsetzen und wieder absetzen, an seinen Platz legen und zum zweiten Mal Bescheid sagen, dass man nun das Haus verlasse. Wenn Paul Zeitung liest, unterstreicht er die wichtigen Passagen mit einem roten Kugelschreiber. Weil irgendwann der ganze Artikel unterstrichen ist, nimmt Paul dann einen blauen Kugelschreiber und beginnt erneut zu unterstreichen.

So geht das Leben dahin: "Der alte Mann setzte sich wieder hin, legte das Lineal aus der Hand und drehte sich zur Uhr, es ging auf eins zu. Aber das half nichts. Er stand erneut auf, verließ seinen Platz, ging zu dem Kalender, dem der Gaswerke, der neben der Küchentür hing, nahm das rote Rähmchen und steckte es vom achtzehnten auf den neunzehnten Oktober, einem Sonntag, ließ es aber nicht los, zog es sogar zur Hälfte wieder heraus und schob es doch zurück."

Gibt es einen Trend, der sich an Klagenfurt 2004 ablesen lässt? Kindheitsgeschichten stehen nach wie vor hoch im Kurs, misslungen war die von Sandra Hoffmann, die in der Kindlichkeit verharrte; putzig die von Richard David Precht, in dem die RAF zur Folie der ersten adoleszenten Rebellion wurde; formstreng und kühl die von Roswitha Haring. Bemerkenswert auch, dass sich sowohl der 3sat-Preisträger Guy Helminger als auch die Ernst-Willner-Preisträgerin Simona Sabato der Darstellung eines zumindest verschobenen Bewusstseins widmeten und Figuren in den Mittelpunkt ihrer Texte stellten, die, um mit Burkhard Spinnen zu sprechen, auf unterschiedliche Weise "einen an der Klatsche" haben.

Ein Schmusewettbewerb mit abschließender Protestnote

Geschah das bei Sabato so unmerklich, dass die Zuhörer lange brauchten, um zu bemerken, dass diese Frau, die sich und ihr Leben vermüllen lässt, einen ganz winzigen Schritt über der Linie ist, ihre Beobachtungen und Bewegungen beinahe stimmig sind, eben dieses "beinahe" aber deutliches Unbehagen hervorrief, erwies sich Helmingers Protagonist Perl mindestens als Stalker, der ein wehrloses Unfallopfer verfolgte, wahrscheinlich aber deutlich mehr. Helmingers Beitrag war in seiner Absurdität und seinem Dialogwitz der komischste des Wettbewerbs: Ohne in die Harmlosigkeit zu verfallen, wanderte Pelargonien auf dem schmalen Grat zwischen Lachen und Erschrecken, geschrieben in einer von Lyrismen durchsetzten Sprache.

Mit Wolfgang Herrndorf schließlich gewann ein Autor den via Internet vergebenen Publikumspreis, der gleich am ersten Tag mit einer sich banal anlassenden Geschichte, die bekannte Berliner-Hinterhof-Altbau-Schlunzigkeit inszenierend, um sich dann urplötzlich zu transzendieren und in eine Reflexion über das Universum zu münden, ein starkes Zeichen setzte und dann in den Mühlen der Preisvergabe leer auszugehen drohte.

So endete Klagenfurt in diesem Jahr beinahe als Schmusewettbewerb - hätte nicht, kurz vor der Preisverleihung, Melinda Nadj Abonji, von der Jury als eine der wenigen Teilnehmer gnadenlos und mit Recht verrissen, noch einmal das Wort ergriffen, um den "eitlen Medienzirkel" zu geißeln und festzustellen: "Klagenfurt ist nicht nötig." Dabei hatten die drei vorangegangenen Tage diese seit Jahren geäußerte Behauptung widerlegt, so nachdrücklich wie lange nicht mehr und vielleicht gerade noch rechtzeitig.

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