Yoko Tawada, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

1.) - 2.)

Schreiben als Extremform des Lesens
Von Liliane Zuuring aus der WAZ vom 21.6.2005:

Sie arbeitet an einer Sprache, die so radikal ist, dass sie keine Bedeutung mehr braucht - und kann sich doch zugleich so gut verständigen, dass Studenten ins Schwärmen geraten: Yoko Tawada ist 41. "poet in residence" an der Uni Duisburg-Essen.

Die 1960 geborene Autorin von u.a. "Opium für Ovid. Ein Kopfkissenbuch von 22 Frauen" und "Überseezungen" studierte in Japan Literaturwissenschaft, ist gerne in der Welt unterwegs, liest am liebsten Franz Kafka und wählte 1982 Hamburg als Basis für ihre Reisen. Sie schreibt in deutscher und japanischer Sprache, erhielt Auszeichnungen in beiden Ländern. Zuletzt war sie 1996 Chamisso-Preisträgerin.

"Schreiben ist immer Übersetzung, die Originalsprache bleibt unbekannt. Schreiben ist für mich nur eine extreme Form des Lesens", sagt Yoko Tawada, die teils in beiden Sprachen gleichzeitig schreibt, um so "das instinktive Gefühl für beide zu verlieren. Durch diese künstlich eingesetzte Zerstörung gelange ich in einen Zwischenraum. Sprache ist dann nicht nur Werkzeug des Erzählens."

Fremdheit und Verwandlung sind Motive ihres Schreibens - und ihrer Poetik-Vorlesungen. In der vergangenen Woche noch war Yoko Tawada anlässlich des Todestages von Ernst Jandl in Wien, verfasste dazu einen Text, den sie auch am heutigen Mittwoch vorstellen möchte. Von 16-18 Uhr spricht sie auf dem Campus Essen über "Fotografie und Schreiben", am Freitag präsentiert sie mit jungen Menschen die Ergebnisse der Schreibwerkstatt.

Studenten wie Carolin (26) sind begeistert: "Ich würde sie am liebsten mit nach Hause nehmen und die ganze Nacht mit ihr reden."

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0605 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine

***

Yoko Tawada, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

2.)

Übersetzungen und Überseezungen
Eine ganz besondere Poetin in Residence ist in Essen/Duisburg zu Gast: Die Japanerin Yoko Tawada
Von Steffen Richter in der NRZ vom 21.6.2005:

Wahrscheinlich gab es am Ende der siebziger Jahre durchaus komfortable Flugverbindungen zwischen Tokio und Europa. Es zeugt also von einem abenteuerlustigen Charakter, die Reise mit einer Schiffspassage von Japan an die sowjetische Ostküste zu beginnen. Und dann in die mythische Transsibirische Eisenbahn zu steigen, um von Wladiwostok über Nowosibirsk bis nach Moskau zu gelangen. So wie Yoko Tawada.

Mit 19 Jahren kam sie nach Deutschland, seit 1982 lebt sie in Hamburg. Doch eine Reisende ist sie geblieben. Ob Frankreich, die USA, Kanada, Finnland oder die Schweiz - Yoko Tawada ist in den Zwischenräumen zu Hause. Alles Abgeschlossene scheint ihr verdächtig, das Vorläufige ist ihr Element. Fremdsein versteht sie nicht nur national, sprachlich oder ethnisch, sondern existentiell. Doch dass Fremdheit eine sehr lustvolle Angelegenheit sein kann, zeigen ihre Bücher.

Was in ihnen geschieht, spricht jeder Wahrscheinlichkeit Hohn. Da wird etwa ein vietnamesisches Kader-Mädel zu einem kommunistischen Erfahrungsaustausch nach Ostberlin geschickt und von einem westdeutschen Studenten ausgerechnet nach Bochum entführt. Von dort flüchtet sie und landet zu ihrem Leidwesen statt in Moskau in Paris. Da sie weder Konfuzius noch Ho Chi Minh telefonisch um Rat fragen kann, strandet sie erst bei einer Prostituierten, dann bei exilierten Landsleuten.

Vom Film wie besessen

Ohne Visum, Arbeit und Geld wird das Kino ihr Asyl. Und während der Ostblock zusammenbricht, sieht die junge Vietnamesin wie eine Besessene Filme mit Cathérine Deneuve: vom Bu?uel-Streifen "Belle de Jour" über Truffauts "Le dernier Métro" bis zu Lars von Triers "Dancer in the Dark". Es scheint, als würden die Filme ihr eigenes Schicksal spiegeln. Oder ist es vielleicht umgekehrt, wird ihr Leben von der Leinwand bestimmt? In "Das nackte Auge" jedenfalls, der 2004 erschienenen Erzählung, gibt es keine starre Grenze zwischen Wirklichkeit und Vision.

Grenzen wird man in ihren mittlerweile gut einem Dutzend Büchern ohnehin kaum finden. Ob Romane, Erzählungen, Gedichte oder Theaterstücke - allerorten herrscht ein munteres Crossover: Kulturen, Sprachen und Geschlechter werden gemischt. Wenn hier eine Logik herrscht, dann ist es die des Traums. Und im Traum wimmelt es bekanntlich von aberwitzigen Volten.

Yoko Tawadas poetische Ressource ist ihr schier unermessliches Spracherstaunen. Wer sowohl auf Deutsch als auch auf Japanisch schreibt, ist mit jedem Wort Komparatist. Seit ihrem kombinierten Prosa-Lyrik-Debüt "Nur da wo du bist da ist nichts" von 1987 wundert sie sich darüber, wie gleiche Dinge in verschiedenen Sprachen heißen. In der Essay-Sammlung "Talisman" (1996) macht sie die Sexualisierung ihres Schreibtischs stutzen: Warum wohl ist der deutsche "Bleistift" männlichen Geschlechts, die "Schreibmaschine" aber weiblich? Ganz zu schweigen vom "Heftklammerentferner"#1#20 Die literarischen Essays "Überseezungen" (2002) - in denen Tawadas Erfahrungen als Übersetzerin anklingen - feiern die "magische Unlesbarkeit eines Gedichts" und machen keinen Hehl aus der Faszination einer gänzlich unbekannten Sprache. Denn die ist "wie eine durchsichtige Wand. Man kann bis in die Ferne hindurchschauen, weil einem keine Bedeutung im Weg steht." Da ist sie wieder, die Skepsis vor einfachen Botschaften und allzu schnellem Verstehen.

Vom Schreiben in der Fremde

Mit ihren Büchern schreibt sich Tawada in jene spannende Literatur von Migranten ein, die durch Emine Sevgi Özdamar oder Feridun Zaimoglu in Deutschland längst kanonisch geworden ist. Nun kommt die Japanerin als "Poet in Residence" an die Essener Universität. In ihren öffentlichen Vorlesungen spricht sie über "Schreiben und Computer" (21. Juni) und "Fotografie und Schreiben" (22. Juni, jeweils 16-18 Uhr im Bibliothekssaal).

Außerdem steht am heutigen Dienstag eine Lesung im Essener Grillotheater auf dem Programm (20 Uhr). Eigentlich kann man es nur mit dem Filmemacher Wim Wenders halten, der einmal das "physische Bedürfnis" verspürte, vor Yoko Tawada seinen "Hut zu ziehen". (NRZ)

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0107 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Neue Ruhr/Rhein Zeitung