1.) - 2.)
Der alte Mann und der Tod
George
Tabori starb am Montag Abend im Alter von 93 Jahren in Berlin - ein großer,
faszinierender Autor und Regisseur, der sich nicht scheute, Witz mit Entsetzen
zu mischen und lähmende Tabus zu brechen
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ
vom 24.7.2007:
George Tabori - wie soll man über ihn reden? Sein Leben gäbe Stoff für Romane. Die ihn kannten, sagen: Er war würdig und wunderbar. Er war kindlich und sanft; und er hatte eine große Liebe zum Theater und den Schauspielern.
Das ist alles wahr, auch, dass er eine Legende war und bleiben wird. Doch nahe kommt man dem großen Mann so kaum. Nahe kommt man ihm nur, wenn man seine Stücke sieht. Wenn man das Entsetzen fühlt, das aufbricht in wüstem Witz, wenn man glaubt, es nicht länger zu ertragen, diese Späße über den Holocaust, die nach Biederkeit schmecken. Tabori wanderte mit schwindelerregender Leichtigkeit zwischen dem Grauen und einer Heiterkeit, wie sie nur dem Opfer möglich ist; wenn sie möglich ist.
György Tabori wurde geboren, kurz bevor der Erste Weltkrieg ausbrach. Von Budapest ging der Sohn jüdischer Eltern nach Berlin, begann eine Hotellehre im "Adlon" - er sollte etwas Solides werden, nicht Journalist wie sein Vater. 1933 emigrierte er über Wien und Prag nach London und wurde: Journalist. Auslandskorrespondent in Sofia und Istanbul, Kriegsberichterstatter, Offizier im Nachrichtendienst der britischen Armee. Denn er war nun Brite. Er beschwor seine Eltern, ins Ausland zu flüchten, doch Cornelius und Elsa Tabori folgten ihm nicht. Der Vater starb 1944 in Auschwitz, die Mutter entkam der Deportation durch einen unglaublichen Zufall, Tabori erzählt davon in "Mutters Courage".
Das ist die Geschichte, wie sie anfing, brutal und lebenzerstörend. Es gehört dazu, dass Tabori später unter Schuldgefühlen litt, weil die Jahre in Bulgarien, in der Türkei seine glücklichsten blieben.
Die andere Geschichte ist die: 1947 ging er nach Hollywood. Wollte drei Monate bleiben, und es wurden 20 Jahre daraus. Er schrieb Drehbücher und erste Bühnenstücke, überwarf sich mit Hitchcock, für den er "I confess" schrieb, dessen Genauigkeit ihn aber quälte, und stand wie jeder anständige Mensch auf McCarthy´s Schwarzer Liste. Ging nach New York, wo er mit Lee Strasberg in dessen "Actors Studio" arbeitete, übersetzte Brecht und Max Frisch. Und kam zurück nach London und 1971 nach Deutschland und machte Theater.
Zum Beispiel für Bochum. "Jubiläum" war eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus, George Tabori führte selbst Regie, als das Stück am 30. Januar 1983 uraufgeführt wurde. Dem 50. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung.
Es war ein atemberaubendes Jubiläum, das er inszenierte. Der Ort: ein Friedhof; die Personen: fünf singende, tanzende Tote, ein Totengräber und ein kleiner Nazi, der die Grabsteine beschmiert. Ursula Höpfner, die später Taboris vierte Frau wurde, spielte die Spastikerin Mitzi, ermordet von den Nazis; sie erzählt vom Knochenmeer, in dem ihre Oma ertrank, und von den Kindern, die für medizinische Experimente ermordet wurden. Es ist ein furchtbares Stück, sarkastisch und verzweifelt, funkelnd von Bosheit und Weisheit und am Ende auf märchenhafte Weise tröstlich; auf die einzig mögliche Art, hier noch Trost zu spenden.
Tabori war nicht immer so. So - begreiflich, so unbedingt zwingend noch im grotesken Lachen. Mit "Mein Kampf" schrieb er ein Stück, das Hitler in Unterhosen zeigt; und nicht nur das. Diese Preisgabe an die Lächerlichkeit musste sich an Charlie Chaplin messen lassen. Doch Tabori hatte jedes Recht darauf, den Nationalsozialismus kalauernd zur Farce zu erklären. Sein Schicksal, das Schicksal seiner Familie erlaubte ihm den sonst unmöglichen Zugriff auf die Shoah, erlaubte ihm die Verletzung jeden Tabus.
Tabori war der Autor des Todes. Noch in seinem letzten Stück, "Gesegnete Mahlzeit", das in diesem Mai bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt wurde, erzählt er von der Grenzsituation zwischen Leben und Tod, fragt er nach dem Verhältnis des Menschen zu seiner Sterblichkeit. Eigentlich wollte er bei der Uraufführung in Recklinghausen dabei sein, aber er fühlte sich zu schwach und blieb in Berlin, wo er zum letzten Mal eine Heimat gefunden hatte.
Nach Berlin war er Claus Peymann gefolgt, mit dem zusammen er den ersten großen Höhepunkt seiner Karriere am Wiener Burgtheater erlebt hatte: Da war er immerhin schon hoch in den 70ern. Berlin, Deutschland wurde der zweite große Höhepunkt. Er hielt an bis jetzt, bis er kurz nach seinem 93. Geburtstag starb, und er wird weiter anhalten. Tabori war zuletzt ein bisschen leiser geworden, nicht mehr gellend wie einst, aber genauso intensiv, und unendlich bewegend. Wir werden seine Nähe suchen müssen. Immer.
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2.)
Ein Zauberer übte die Kunst des Versöhnens
Zwischen Leichtigkeit und Trauer, Witz und Grauen: Zum Tod des großen Theatermachers
George Tabori
Von Inge Rauh in den Nürnberger
Nachrichten vom 24.07.2007:
Ihm, dem Kosmopoliten aus Budapest, dem ungarischen Bürgersohn aus jüdischer Familie, gelang, womit sich die Deutschen so schwer tun. Eine Geste der Versöhnung zu finden, die beiderseitiges Vertrauen nach dem Holocaust wieder möglich macht. Kein anderer als George Tabori hätte die Gratwanderung geschafft, den Schmerz in Scherz zu verwandeln, der Trauer mit schwarzem Humor zu begegnen, mit Leichtigkeit dem Grauen den Garaus zu machen.
Wenn überhaupt, dann geht das nur auf der Bühne und mit Hilfe dessen, der davongekommen ist. Der die Mittel des Theaters nutzte, um selbst in heikelsten Momenten dem Clown den Vortritt zu lassen. Die befreiende Komik in Taboris Stücken trifft mehr als jeder tiefschürfend geführte Diskurs. Das Sanfte an diesem Theaterzauberer war das eigentlich Provokante. Man konnte es erleben in Aufführungen der Hitler-Farce «Mein Kampf«, die 1987 am Akademietheater in Wien erstmals gezeigt wurde.
Herzls Begegnung
Da kommt der windige Kunstmaler mit dem jüdischen Bibelvertreter Schlomo Herzl im Wiener Männerwohnheim zusammen, eine Begegnung im Absurden, mit Witzen, die jede Katastrophe schon vorwegnehmen. Der Theatermensch Tabori war auch ein Spielmacher, am Rand seiner Inszenierungen immer präsent. So holte er den Zuschauer in die Gegenwart, in der auch improvisiert werden darf, in der die spontane Regieanweisung jenen gezielten Verfremdungseffekt ergab, der bei
Brecht so theoriebefrachtet war.
Tabori hat 40 Theaterstücke geschrieben, vier Romane, viele Erzählungen und Hörspiele. Ideen dazu lieferte ihm das Leben selbst, eine Odyssee durch 17 Länder, nach der Flucht aus Budapest 1936. Der Vater wurde von den Nazis in Auschwitz ermordet, die wundersame Rettung der Mutter in Ungarn hat der Autor im Drama «Mutters Courage« auf seine unvergleichlich lakonisch-heitere Art geschildert. Durch einen bizarren Zufall entkam Elsa Tabori der Deportation, weil ein SS-Offizier sie in letzter Minute aus dem Zug aussteigen ließ.
Solche Szenen bildeten den Stoff, aus dem sich Taboris Theatergeschichten ins Poetische und ins Groteske drehten, «Die Kannibalen« sind ein Beispiel dafür und «Die Goldberg-Variationen«. Kein Wunder, dass der Bühnenzauberer den modernen Klassiker
Samuel Beckett besonders liebte. «Warten auf Godot« hat Tabori oft inszeniert, zuletzt in Berlin als «wunderbar befreiende Zerstreuung«, wie er sagte. Niemand habe ihm seit
Kafka so viel gegeben. Er brachte die Texte locker und unbefangen, immer mit dem neugierigen Blick aufs Gegenwärtige.
Claus Peymann meint, die kindliche Weisheit des Theatermachers habe seinen Inszenierungen etwas Magisches gegeben, bis ins hohe Alter. Er wagte sich an den jungen Lessing mit dessen frühem Stück «Die Juden« , und er zerbrach die Tabus in Deutschland, wo er seit 1970 lebte. Es galt für den Flüchtling Tabori nicht, die Toleranz zu predigen und Erhabenheit mit Trauerflor vorzuführen, sondern den Vernichtungszügen des 20. Jahrhunderts mit der eigenen Erfahrung im Detail zu begegnen. Über die Aufgaben des Theaters hatte er dabei eine klare Vorstellung: «Gutes Theater gibt immer Antworten. Die Frage ist, ob man diese akzeptiert.«...
Den vollständigen Artikel von Inge Rauh finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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