Mehr Leben auf die Bühne
Zum 90. Geburtstag des Büchner-Preisträgers George Tabori
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin,
2004:
"Meine Erinnerung gibt nicht allzu viele Geheimnisse her, sondern stammelt und springt undeutlich hin und her", schrieb George Tabori in seinem 2002 erschienenen autobiografischen Band Autodafé. Assoziative und subjektive Erinnerungsarbeit bildet dennoch das Zentrum in George Taboris künstlerischem Werk. Ob als Theaterautor, Regisseur, Intendant oder als Schriftsteller: Tabori hat immer vehement gegen das Vergessen angekämpft - mit bitterbösem Zynismus, schonungsloser Offenheit und ästhetischen Grenzüberschreitungen. "Wenn das Theater überleben will, dann muss es sich mehr mit dem Leben beschäftigen und weniger mit dem Theater selbst", forderte Tabori Anfang der 90er Jahre.
Leben bedeutete für Tabori, der am 24. Mai 1914 in Budapest als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde, stets die Auseinandersetzung mit den unmenschlichen Verbrechen der Nazi-Diktatur. Seinem 1944 ermordeten Vater widmete Tabori das Theaterstück Kannibalen.
Während des Zweiten Weltkriegs war Tabori in die USA emigriert und arbeitete zunächst in Hollywood (u.a. für Alfred Hitchcock) als Drehbuchautor. Aus diesen Erfahrungen und aus seiner zehnjährigen Arbeit in Lee Strasbergs New Yorker Actors Studio resultiert seine noch heute gültige Maxime: "Die Schauspieler müssen sich in Menschen verwandeln und nicht umgekehrt."
Den Weg zum Theater fand er durch eine zufällige Begegnung in den USA mit dem von ihm verehrten Bertolt Brecht ("Er war ein herrlich arroganter Mensch, aber nach Shakespeare der bedeutendste Dramatiker."), dessen Stücke er mit großem Erfolg übersetzte. Ende der 60er Jahre fand Tabori den Weg nach Deutschland und stieß trotz der wohlwollenden Unterstützung von Peter Zadek und Peter Stein in Bremen (wo er sein Theaterlabor installierte) zunächst auf diskrete Zurückhaltung. Als er im Dezember 1969 mit den am Berliner Schillertheater aufgeführten Kannibalen (die Uraufführung war ein Jahr zuvor in New York) erstmals auf eine deutsche Bühne kam, waren Publikum und Kritik gleichermaßen geschockt. KZ-Insassen verspeisen den Leichnam eines zuvor in einem riesigen Topf gekochten Mithäftlings. Auch in seinen späteren Arbeiten (mittlerweile sind rund drei Dutzend eigene Stücke aufgeführt) dominiert der Schrecken, das Grausame und Unfassbare. "Seit Brecht und Beckett ist alles harmloser und frivoler geworden. Man rettet sich auf der Bühne mit Witzen und versucht, das Unerträgliche erträglich zu machen. Das ist gefährlich und nicht mein Weg", befand Tabori über die deutschsprachige Theaterszene.
Ob im 1987 in Wien uraufgeführten Mein Kampf - eine Farce, in der Tabori Hitler als lachhafte Witzfigur karikiert - oder in Schuldig geboren, einer szenischen Collage nach der Vorlage von Peter Sichrovskys gleichnamigem Buch: Der Dramatiker kokettiert stets mit dem Entsetzen, holt düstere Ereignisse aus dem Dunkel des Vergessens zurück und setzt auf eine kathartische Wirkung. "Es gibt Tabus, die zerstört werden müssen, wenn wir nicht daran würgen sollen", lautete die ästhetische Quintessenz. George Tabori, der Ende der 80er Jahre seine Vorstellung von Theater knapp drei Jahre lang als Leiter des Wiener "Kreis" vergeblich in der österreichischen Hauptstadt zu etablieren versuchte, erhielt 1992 als erster nicht deutschschreibender Autor (die meisten seiner Stücke wurden von seiner Ehefrau Ursula ins Deutsche übersetzt) den Georg-Büchner-Preis. In der Begründung wurde seine "kosmopolitische Phantasie in einer von Nationalismus und der Ausgrenzung von Minderheiten bedrohten Zeit" gepriesen.
Auch mit fortschreitendem Alter hat bei Tabori die Produktivität keineswegs abgenommen. Seit 1990 ist ein knappes Dutzend Theaterstücke uraufgeführt worden - zuletzt 2002 Erdbeben Concerto am Berliner Ensemble, wohin er 1999 mit Claus Peymann von Wien aus gewechselt war. Tabori hatte damals von seiner "letzten Lebensetappe" gesprochen, heute bezeichnet er den Schritt nach Berlin "als großen Irrtum" und freut sich schon auf seine Rückkehr nach Wien, wo im nächsten Jahr sein Stück Die Hinrichtung uraufgeführt werden soll.
George Tabori vermeidet bei seinen hochbrisanten Stücken, deren Inhalte zumeist in seiner bewegten Vita ihre Wurzel haben, den moralisierenden Zeigefinger zu erheben. Er will nicht Schuld predigen, sondern Erinnerungen wachhalten und die Aussöhnung forcieren. So unkonventionell wie seine Stücke ist auch das von seiner Großmutter übernommene Lebensmotto: "Mach kein Theater, - sei einfach ehrlich."
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