Wislawa Symborska, 1996, nobel.seDas Schweigen nach dem Ruhm
Die Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska wird heute 80 Jahre alt. Gerade erst kam ein Gedichtband heraus - mit ganz neuen Seiten der Szymborska
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Von Gabrielle Lesser in der NRZ vom 1.7.2003:

Wislawa Szymborska, die grande dame der polnischen Poesie, lebt in der Kulturmetropole Krakau. Als sie 1996 den Literaturnobelpreis für ihre ironisch-subversiven und scharfsinnigen Gedichte erhielt, verschlug es ihr die Sprache: "Damit habe ich nicht gerechnet", stammelte sie fassungslos vor Freude.

Grelles Scheinwerferlicht

Doch die bis dahin zurückgezogen in Krakau lebende Dichterin musste sich an öffentliche Auftritte in grellem Scheinwerferlicht und an die immer gleichen Fragen der Reporter gewöhnen. Seit einigen Jahren pflegt ein Privatsekretär Interviewwünsche und Einladungen zu Lesungen freundlich, aber bestimmt abzulehnen. Denn der Preis für den weltweiten Ruhm war hoch: Die Literatur-Nobelpreisträgerin Szymborska verstummte für über sechs Jahre.

Erst 2002 legte Szymborska wieder ein schmales Gedichtbändchen vor. "Chwila" (Der Augenblick) wurde mit 30 000 verkauften Exemplaren zum polnischen Lyrik-Bestseller. Auch die Kritiker lobten das Werk, die präzise Sprache, die klare Form, die leichte Ironie, die auch stets ihr Lächeln zu prägen scheint. Dieses Jahr überraschte die Lyrikerin, die sich bislang in sprachlich virtuoser Form mit der Seele, dem Hass, dem Glück oder dem Lob der falschen Selbsteinschätzung auseinandergesetzt hatte, mit dem Band "Reime für große Kinder". Die Limericks knüpfen sowohl an die "Unfrisierten Gedanken" des polnischen Aphoristikers Stanislaw Lec als auch an die "Bergpredigtchen" des Krakauer Satirikers Stanislaw Mrozek an. Verunglückte Restaurantbesuche, die Folgen zu exzessiven Alkoholgenusses als auch unfreiwillig gehörte Straßenbahngespräche lassen sich - ironisch gebrochen - durchaus ertragen. Der Alltag ist gar nicht so banal wie er auf den ersten Blick erscheint, sagt uns Szymborska.

1996 meinte Stanislaw Lem, der mit seinen Science Fiction Romanen den Weltmarkt erobert hatte und seinen Ruhm sichtlich genoss: "Der Nobelpreis ist für Szymborska zugleich eine Auszeichnung und eine Last." Die beiden Schriftstellerkollegen aus Krakau kennen sich seit fast 50 Jahren. "Wislawa Szymborska ist eine bescheidene, ja schüchterne Frau, die bei den üblichen Eifersüchteleien unter Literaten nie mitgemacht hat."

Sie trägt es heute leichter

Heute feiert die Dichterin ihren 80. Geburtstag. Anders als in den vergangenen Jahren trägt sie die Last des Im-Rampenlicht-Stehens heute leichter. Auch der Ruhm hat sich in einen Alltag verwandelt, dem sie - ironisch gebrochen - freundliche Seiten abzugewinnen vermag. Nach sechs Jahren ist das Schweigen wieder gebrochen. (NRZ)

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