Erwin Strittmatter, Der Laden. 6 CDs, Der Audio Verlag1.) - 2.)

SS-Vergangenheit Strittmatters Biografie gefälscht
Zwei Jahrzehnte beschäftigte sich die ehemalige DDR-Autorenschaft mit den Verstrickungen zur Stasi. Jetzt ist einer der ihren postum als SS-Mitglied enttarnt.

Von
FOCUS-Redakteur Rainer Schmitz, 9.6.2008:

Erwin Strittmatter (1912-1994) war nicht als Soldat im Zweiten Weltkrieg desertiert, wie es in allen Biografien heißt. Einer der bekanntesten und hochdekorierten Autoren der DDR war, wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtet, von Februar 1943 bis kurz vor Kriegsende Mitglied des „SS-Polizei Gebirgsjäger Regiment 18“. Das in Finnland, Slowenien und Griechenland eingesetzte Regiment war an Massakern und Geiselerschießungen beteiligt.

Die Enttarnung relativiert nicht Günter Grass´ Eingeständnis von 2006 („Beim Häuten der Zwiebel“). Sie ist aber insofern von Bedeutung, da sich die Kulturpolitik der DDR immer auf ihre proletarischen und antifaschistischen Wurzeln berief. Offensichtlich ist Strittmatters Biografie gefälscht bzw. haben die offiziellen Partei- und Regierungsstellen ihren Sekretär und Vizepräsidenten des Schriftstellerverbandes gedeckt.

Gefälscht hatte auch der DDR-Schriftsteller und persönliche Freund von Erich Honecker Stephan Hermlin (1915-1997) seine Biografie. 1996 wurde bekannt, dass sein KZ-Aufenthalt und seine Aktivitäten als kommunistischer Widerständler nicht belegbar waren.

Strittmatter, der mit der Schriftstellerin Eva Strittmatter (geb. 1930) verheiratet war, begann seine Karriere 1950 mit dem Roman „Ochsenkutscher“. Er schrieb neben Kinderbüchern vor allem Entwicklungsromane von Menschen bäuerlicher und proletarischer Herkunft im Stil des sozialistischen Realismus („Der Wundertäter“, 3 Teile, 1957 bis 1980).

Nach der Wende wurde Strittmatter mit der TV-Verfilmung „Der Laden“ (3 Teile, 1983 bis 1993) auch im Westen allgemeiner bekannt. Seit 1954 lebte er auf dem Schulzenhof im Ruppiner Land und züchtete Pferde. Hier starb er 1994. Erwin Strittmatter ist noch heute einer der Hauptautoren des Berliner Aufbau-Verlages, der derzeit unter Insolvenzverwaltung steht.

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Erwin Strittmatter, Der Laden. 6 CDs, Der Audio Verlag2.)

SS−Streit: »Zu wahr«
Erwin Strittmatter verschwieg seine Zugehörigkeit zu einem SS−Regiment. Ein Versäumnis von historischem Ausmaß.
Von Evelyn Finger in DIE ZEIT, 12.6.2008:

Wir Nachgeborenen sollen den Dabeigewesenen keine Schuldfrage stellen. Das scheint in Deutschland der Respekt vor verdienten Schriftstellern zu verlangen. Auch wenn Siegfried Lenz in der NSDAP oder Günter Grass bei der Waffen−SS war, sollen wir uns kein Urteil anmaßen, sondern dankbar sein für die Gnade der späten Geburt. Es gibt aber auch eine Gnade des rechtzeitigen Ablebens. Erwin Strittmatter, geboren 1912, gestorben 1994, wurde jetzt als SS−Mann geoutet. Sein Glück: dass er sich nicht mehr rechtfertigen muss. Unser Pech: dass er nicht mehr erklären kann, was einer von 1941 an bei der »Ordnungspolizei« und von 1943 an bei der »SS−Polizei Gebirgsjäger Regiment 18« tat.

Wie bekämpfte das Bataillon 325 der OrPo Partisanen in Slowenien und Griechenland? Wie viele Dörfer wurden gebrandschatzt? Wie viele Zivilisten erschossen? Wir wissen es im Gegensatz zu dem Bataillonsschreiber und späteren Nationalpreisträger der DDR nicht genau. Auch der Literaturwissenschaftler Werner Liersch, der den Fall Strittmatter in der FAS öffentlich machte, kann vieles nur vermuten, weil die meisten Akten kurz vor Kriegsende verbrannt wurden. OrPo und SS verfuhren ja ähnlich wie die Wehrmacht, deren oberster Geschichtsschreiber Walther Scherff zahllose Dokumente beseitigte, ehe er sich erschoss.

Wahrscheinlich hat Strittmatter nur protokolliert, nicht gemordet. Womöglich wollte er in seinem Debütroman Ochsenkutscher sogardie Wahrheit sagen. Als penibler Chronist, der er war, beschrieb er zunächst den Weg seiner Niederlausitzer Heimat in die Arme der Nazis. Es sollten mehrere Bücher werden. Leider kritisierten die DDR−Kunstrichter bereits das erste als »zu wahrheitsgetreu«. Kein positiver Held! Keine Utopie! Strittmatter verzichtete auf eine sozialistisch−realistische Fortsetzung und schrieb seither möglichst unpolitisch.

»Die authentischsten Künstler der Gegenwart sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert«, befand Adorno nach 1945. War es Zufall, dass namhafte Autoren in beiden Teilen Deutschlands das »äußerste Grauen« in ihrer eigenen Biografie verschwiegen? Während der Westen einen »Nullpunkt« setzte, propagierte der Osten den »antifaschistischen Neuanfang«; hüben wie drüben schloss man rasch mit der Hitlerzeit ab. Die SED forderte außerdem, die kaum begonnene Entnazifizierung literarisch zu feiern. Wer im neuen Genossen den alten Kameraden erkannte, wurde als »Kriegsnaturalist« geschmäht wie Erich Loest (Jungen die übrig blieben), Hermann Kant (Der Aufenthalt), Harry Thürk (Die Stunde der toten Augen), Franz Fühmann (Kameraden).

Hätte Strittmatter »zu wahrheitsgetreu« über sein Bataillon 325 geschrieben, wäre er vielleicht inhaftiert worden. Dass er das nicht riskierte, ist menschlich. Dass er aber nach der Wende weiter schwieg, auch in seiner Epochenbilanz Der Laden, ist ein Versäumnis historischen Ausmaßes. Wir werden es erst ermessen, wenn weitere Namen auftauchen aus dem Freiburger Militärarchiv und den in Moskau lagernden SS−Akten.

Zu ihrem tieferen Verständnis werden uns die ungeschriebenen Romane bitter fehlen.

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