Der mutige Konservative
Gesellschaftssezierer: Botho
Strauß zum Sechzigsten
Von Sabine Dultz aus dem Münchner
Merkur, 1.12.2004:
Kann einem Autor etwas Besseres passieren, als
gespielt zu werden - an großen Theatern und auch an den kleinen, uraufgeführt
von den besten Regisseuren und den bekanntesten Schauspielern? Nein, es kann ihm
nichts Besseres passieren.
Doch dass es so ist, dafür ist der Schriftsteller, im konkreten Fall Botho
Strauß, selbst verantwortlich. Zu seinem großen literarischen Talent, seiner
Sprachkundigkeit, seinem genauen, die Gesellschaft röntgenhaft durchdringenden
Blick und seiner verzweifelten, mit Ironie gepaarten Liebe kommt die eiserne
Disziplin des Schreibens. Nicht zuletzt macht auch der Fleiß den Dichter. Und
Botho Strauß ist einer der ersten im Lande.
Heute wird der in Naumburg an der Saale Geborene und in Berlin Lebende 60 Jahre
alt. Darum auch lesen an diesem Abend im Staatsschauspiel-Marstall Cornelia
Froboess, Gisela Stein und Jens Harzer Texte des Autors. Quasi als verspätetes
Geburtstagsgeschenk gibt's - mit eben jenen Schauspielern - Ende Januar die
nächste Strauß-Uraufführung: Fürs Münchner Residenztheater inszeniert
Dieter Dorn "Die eine und die andere". Wenige Wochen später ziehen
Luc Bondy und das Berliner Ensemble nach - mit Edith Clever und Jutta Lampe. Und
noch in dieser Saison, nämlich im Juni, gibt's am gleichen Ort eine weitere
Uraufführung: "Schändung" in der Regie von Claus Peymann.
Aber Botho Strauß ist nicht allein Stückeschreiber. Seinen melancholischen,
bisweilen beißenden Witz, seine Aphorismen-gesättigte Sprache dienen auch dem
Prosaautor zur genauen Zeichnung der Figuren. Sein jüngster Band: "Der
Untenstehende auf Zehenspitzen" (Carl Hanser Verlag), in dem es u. a.
heißt: "Befindlichkeiten sondieren, das ist, als wollte einer Badeschaum
an die Wand nageln . . . Denn das meiste ward nicht, wie es versprach zu
werden."
So wenig lassen sich bislang auch die Personen der Strauß-Stücke
"festnageln". Nie gibt der Autor ihr Geheimnis preis. Das macht sie
spannend und überspannt, wunderlich, vielfach verrückt, mystisch gar und
letztlich doch immer auch ganz einfach.
Genauso interessant und rätselvoll ist Botho Strauß selbst. Er könnte in
München, wo Dieter Dorn mit seinen Inszenierungen etwa von "Groß und
klein", "Schlusschor" oder "Ithaka" schon zu
Kammerspiele-Zeiten für ausverkauftes Haus sorgte, gewiss unerkannt über die
Maximilianstraße gehen. Denn der Dichter meidet die offizielle Öffentlichkeit,
selbst den Büchner-Preis
hatte er nicht persönlich entgegengenommen. Interviews gibt er so gut wie
keine, und auch fotografieren lässt er sich nur alle Jubeljahre. Strauß
spricht durch sein Werk, das ihn als unangepassten Konservativen der Kultur, als
mutigen Zeitgeistgegner identifiziert und, ja, auch auszeichnet.
Mitunter aber gibt Strauß seine Meinung direkt preis, zum Beispiel in einem
Essay im "Spiegel". Etwa 1993. In seinem umstrittenen
gesellschaftspolitischen Befund "Anschwellender Bocksgesang" hatte er
nach der deutschen Wiedervereinigung linke Frustrationen und Fehleinschätzungen
für rechte Verblendungen und Gefahren verantwortlich gemacht. Die derart
Kritisierten schmähten Strauß darob als "intellektuellen
Brandstifter", stellten ihn in die rechtsnationale Ecke, stießen ihn von
sich - und offenbarten damit doch nur ihr eigenes Unvermögen, dialektisch zu
denken. Des Dichters kühne, beharrende Antwort: neue Texte. Von satirischer
Tragik. Klarsichtig. Lakonisch. Treffsicher. Ein Gesellschaftsbild wie mit dem
Seziermesser herausgeschnitten aus dem Alltag.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
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