Theodor-Storm-Denkmal in Husum, Foto: Hermann Henkel (hf0109)Künstler und Bürger
Theodor Storm zum 175. Geburtstag
Bericht von Elisabeth Höving aus der WAZ , 14.09.1992:

Spöttisch sprach Theodor Fontane von der „Husumerei“ und „Provinzsimpelei“ seines Freundes und Dichterkollegen Theodor Storm. Zeitgenossen und Nachfahren versuchten immer wieder, den Literaten aus der Stadt „am grauen Strand, am grauen Meer“ in die Ecke eines romantischen Heimatdichters und sentimentalen Liebespoeten zu stellen. Die Nationalsozialisten gar rückten ihn in die Nähe der Blut- und Boden-Ideologie. Mittlerweile hat Storm, dessen Geburtstag sich heute zum 175. Male jährt, als bedeutender Vertreter des poetischen Realismus’ längst den Rang eines Klassikers eingenommen.

Der Auseinandersetzung mit Leben und Werk des Husumer Autors, Advokaten und Amtsrichters widmet sich seit 1948 die Theodor-Storm-Gesellschaft, drittgrößte literarische Gesellschaft Deutschlands. Ihre Arbeit trug vor allem zum Abschied vom verklärten Storm-Bild bei.

Theodor Storm, 1886, Foto (A): wikipedia.org (hf0213)So war der Dichter, als Advokatensohn und dänischer Staatsbürger in gutbürgerlicher Geborgenheit geboren, weder ein Reaktionär noch ein Revolutionär. Die Idylle einer heilen Familienwelt, die auch in den frühen Novellen schon brüchig war, durchbrach das Schicksal mehr als einmal im tatsächlichen Leben des Lyrikers und Erzählers.

Als treuer Verfechter von Ehe und Familie verliebte sich der Jurist schon ein Jahr nach seiner Heirat mit Constanze in die junge Dorothea, die viel später seine zweite Frau werden sollte. Seiner Heimat nicht nur in den Gedichten und Novellen innig verbunden, musste Storm wegen der politischen Verhältnisse in Schleswig-Holstein 1853 ins Exil nach Potsdam ziehen. Weitere Schläge, die Storms zunehmend quälendes Vergänglichkeitsbewusstsein stärkten: 1865 starb Constanze am Kindbettfieber, Sohn Hans verfiel dem Alkohol.

In Leben und Werk kämpfte Storm gegen Privilegien des Adels, gegen unselige Einflüsse der Kirche und gegen festgefahrene Normen des Bürgertums. Der Konflikt zwischen Künstler und Bürger prägt die populäre Novelle „Immensee“ (1849) ebenso wie die Geschichte von „Pole Poppenspäler“ (1874), wo aus dem fahrenden Volk erst durch Heirat ins Bürgertum eine ehrbare Gesellschaft wird. Am bekanntesten ist Storms gewaltige, düstere Deichsage vom „Schimmelreiter“, die er kurz vor seinem Tod 1888 vollendete. Die Geschichte vom Kampf des Deichgrafen gegen die Gewalt der Elemente sah Storm auch als Anklage gegen den dumpfen Aberglauben der Menschen.

Eine Grundlage zum besseren Verständnis von Vita und Werk bietet der umfangreiche Briefwechsel, der seit 1969 publiziert wird. Pünktlich zum 175. Geburtstag erschien jetzt im Erich Schmidt Verlag eine Neu-Edition des Storm-Keller-Briefwechsels.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0109 LYRIKwelt © E.H./Westdeutsche Allgemeine Zeitung