Schreibtisch des Dichters im Theodor-Storm-Haus in Husum. Foto: privat (hf0109)Gegen den Aberglauben der Menge
Theodor Storm – Der Dichter des „Schimmelreiter“ starb vor 100 Jahren – Ein konservativer Revolutionär
Bericht von Elisabeth Höving aus der WAZ , 4.07.1988:

Kritikern galt er stets als konservativer Idylliker und Heimatdichter, als Liebespoet und Fabulierer sentimentaler Familiennovellistik. Erst lange nach seinem Tode durchbrachen die Germanisten den anheimelnden Mythos vom Mann aus der Stadt „am grauen Strand, am grauen Meer“. Sie rückten Theodor Storm, den Klassiker aus dem kühlen Norden, nun in die sozialkritische Ecke. Theodor Storm, ein Reaktionär oder Revolutionär? Diese Frage stellen sich bis heute, dem 100. Todestag des Dichters, die Literaturkritiker. Antwort will ein neues Buch geben, das anlässlich des Todestages im Auftrag der Theodor-Storm-Gesellschaft erschienen ist.

Die Bildbiographie „Theodor Storms Welt in Bildern“, herausgegeben vom intimen Stormkenner Karl Ernst Laage, lässt die Welt und das Werk des Dichters auf 258 teils bislang unveröffentlichten Bildern lebendig werden. Laage lässt den patriotischen Liebesdichter nicht außen vor. Aber er zeigt Storm auch in seiner engen Verflechtung mit den sozialen Problemen des 19. Jahrhunderts, stellt ihn als politischen Menschen, als verzweifelten Familienvater und kränkelnden Zeitgenossen dar.

Theodor Storm, 1886, Foto (A): wikipedia.org (hf0213)Storm, 1817 als Advokatensohn in bürgerlicher Wohlgeborgenheit geboren, konnte zeitlebens nie das geradlinig gemütlich-deutsche Leben führen, das seinen Novellen so gern als Markenzeichen angehängt wird. Zwar maß Storm der Institution Familie sowohl in der Poesie als auch in seinem persönlichen Lebensplan einen unermesslichen Wert als Schutzschild gegen die harte Realität bei, aber tatsächlich trafen ihn regelmäßig wenig idyllische Schicksalsschläge.

Der Advokat, Amtsrichter und Autor Storm musste 1852, gezwungen durch die politischen Umstände in Schleswig-Holstein, voller Gram ins Potsdamer Exil. 1865 brach eine erneute Katastrophe über den Dichter herein, als seine Frau Constanze an Kindbettfieber starb. Ab jetzt quälten Storm die Einsamkeit und die düsteren Rätsel des Todes. Später peinigten den Vater von acht Kindern die Sorgen um seinen Sohn Hans, der schließlich im Alter von 38 Jahren, ruiniert vom Alkohol, jämmerlich starb.

Tragische Schicksale bildeten häufig auch den Stoff für Storms Novellen. Die anrührende Erzählung „Immensee“ (1849), die den literarischen Ruhm des Husumers begründete, endet in anklagendem Leid. Der Konflikt zwischen Künstler und Bürgertum prägt so wie „Immensee“ auch die Lieblingsnovelle schulischer Lesestunden, „Pole Poppenspäler“ (1874). Die Geschichte vom ehrbaren Paul und dem Puppenspielerkind Lisei kreist um Liebe und Leidenschaft und zeigt am Ende: Nur durch die Heirat ins Bürgertum wird aus dem fahrenden Volk eine ehrbare Gesellschaft.

Die meisten Menschen verbinden allerdings mit Storm die düstere und gewaltige Deichsage vom gespenstischen „Schimmelreiter“. Dieses Werk wurde nur möglich durch eine barmherzige Lüge. Storm hatte nach der Diagnose „Magenkrebs“ allen Lebensmut verloren. Erst nach einer erneuten, fingierten Untersuchung nahm er seine literarische Arbeit wieder auf und schuf die Geschichte vom unbändigen Kampf des Deichgrafen gegen die Gewalt der Elemente. Storm sah diese Novelle auch als Anklage gegen den dumpfen Aberglauben der Menge, die nur allzu gerne bereit war, „aus einem tüchtigen Kerl, nur weil er uns um Kopfeslänge überwachsen war, ein Spul- und Nachtgespenst zu machen“.

Trotz aller Stormschen Kritik an Adel und Klerus, an Politik und seiner eigenen, bürgerlichen Welt: Sie blieb vordergründig. Im Grunde orientierte sich Storm sehr wohl an den sozialen Normen, die ihm die Gesellschaft auferlegte. In einem Brief an Paul Heyse sagt er: „Ich weiß sehr wohl, daß im einzelnen Falle ein hochstehender Mensch die Sitte durchbrechen kann. Aber der Gemeinde und dem Staat schulden wir die Form, die wir auf einer wüsten Insel hinter uns lassen könnten..."

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