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Michael Starcke, Foto: hwg/privat (hf0216)Michael Starckes poetische Stimme wird fehlen
Persönliche Gedanken
von WAZ-Redakteur Jürgen Boebers-Süßmann zum Tod des Bochumer Lyrikers, der am Wochenende mit 66 verstorben ist.
In der WAZ vom 22.02.2016:

Vor ein paar Tagen war er noch zu Gast bei mir in der Redaktion, wir haben länger gesprochen, über sein neues Buch „das Meer ist ein alter bekannter, der warten kann“, aber auch allgemein über „Probleme der Lyrik“ in einer immer oberflächlicher werdenden Zeit. Und über das Meer als Thema seiner Gedichte und die nicht nur poetische Sehnsucht nach der Unendlichkeit, die das Meer ihm wie mir bedeutet. – Nun wird Michael Starcke nie mehr kommen. Am Wochenende ist er gestorben. Er wurde nur 66 Jahre alt.

Starckes Bücher lese ich seit 30 Jahren, zunächst als WAZ-Kritiker („Das nasse Laub der Erinnerung“, 1987), später zunehmend auch als Lyrik-Begeisterter, der mit den Stimmen und Stimmungen, die Starcke aufrief, immer sogleich vertraut war. Es war der Trost der Worte, den zu vermitteln generell den Wert der Poetik ausmacht, der mich für ihn einnahm. Aber auch die Einfachheit seiner Sprache, die nicht artifiziell werden musste, um künstlerisch für sich selbst zu sprechen.„einfach ist es/wie unser leben/ein unerwartetes geheimnis/das alles perfekte/nicht liebt/aber die zeit/aufheben kann“, heißt es über das Meer in einem Gedicht des neuen Buchs, der dieser Tage im Elif Verlag erscheint. Es war als Zeugnis für Starckes ungebrochene lyrische Kraft gedacht, und ist nun zu seinem letzten poetischen Ruf geworden.

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann von Michael Starcke, 2016, Elif)Tröstlich die grüne Decke von Michael Starcke, 2012, früher vogelRefugium an der Ostsee

Das Meer, die Weite, die Stille, der Wind – oben an der Ostsee hatten er und seine Frau ihr Refugium gefunden. Dort hat Michael Starcke geschrieben, wie er immer und überall geschrieben hat. Er war ein Dichter der Stunden, der im Alltäglichen das Überzeitliche sah. Ein Dichter in den Dingen, dem noch der Apfel und die Zimmertür zum memento mori werden konnten: „ein freier tag/gewinnt mit der vorstellung an stärke/ungezwungen zu sein/wie künftige träume/oder der staub./einen apfel schäle ich/als lehnte der tod/in stiller selbstverständlichkeit/im türrahmen/um sich mit mir zu versöhnen“, heißt es in „freier tag“ in seinem für mich schönsten Gedichtband „tröstlich die grüne decke“, erschienen 2012.

Michael Starckes Sound war unverwechselbar, und dass er sich beim Schreiben Vorbilder wie Günter Eich zum Maßstab nahm, spricht nicht gegen ihn. Hier wie dort, will sich im komprimierten Ausdruck das Begreifen einer Welt formen, die letztlich unbegreiflich ist. Unbegreiflich wie Michaels überraschender Tod. Seine Stimme wird fehlen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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2.)

Michael Starcke, Foto: hwg/privat (hf0216)Michael Starcke
Von JD in der NRZ vom 22.2.2016:

Seine Gedichte, deren prinzipielle Kleinschreibung nicht manieriert daherkam,
sondern als Geste der Vergrößerung aller anderen Dinge und Menschen,
hat auch diese Zeitung stets gern gedruckt. Im aufgeregten Lärm des Tages
schenkte ihre pulswarme Melancholie für Momente einen anderen Blick, ein
Innehalten im großen Grundrauschen. Nun ist Michael Starcke, gebürtiger Erfurter
und seit Jahrzehnten ein Bochumer Autor, im Alter von 66 Jahren den Folgen eines
Schlaganfalls erlegen.
Seine Verse aber werden bleiben.

Die Baustelle vorm Haus

die baustelle vorm haus,
die, wenn ich lange genug
darauf starre,
an die katastrophen japans erinnert.

frühling kündigt sich an
wie hingetuscht
mit gelben forsythienblüten,
spanne der zeit.

lebensbedrohlich wehrt sich
gegen übergriffe natur,
weckt verlangen,
uralte melodie,
und vernichtet.

womöglich während er sich umdreht,
erfüllt alle versprechen
der zukunft der tod,
die handflächen geöffnet
nach oben.

wie die prophezeiung
lauert die stille in
der baustelle vorm haus:
ewigkeit gibt es nur im glauben
schöner erinnerung.
 

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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3.)

Michael Starcke erhält den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2013, Foto (A): D.Gey (hf1113)Gedenken an Michael Starcke
Von Jutta Kieber, Bottrop 20.02.2016: 

In den letzten Tagen war Michael Starcke ein besonderer Freund auf meinem Desktop, da ich ihn zum heimlichen Vorbild für den Aufbau einer eigenen Webseite erwählt hatte. Sein bescheidener und inhaltsgerichteter Internettauftritt gefällt sicher nicht nur mir.

Das Meer ist ein alter Bekannter, der warten kann von Michael Starcke, 2016, Elif)Mögen ihn meine Glückwünsche zum neuen Buch "das meer ist ein alter bekannter, der warten kann" noch erreicht haben mit meiner Vorfreude auf seine persönliche Lesung.  

Seine Gedichte in einer gemeinsamen Anthologie zogen mich auch heute von Alltagsgedanken weg in ein tieferes Betrachten unserer Welt, da erreichte mich die traurige Nachricht von seinem Ableben.

Tief bestürzt und bewegt nehme ich auf diesem Wege Abschied von einem ganz besonderen Lyriker unserer Zeit, der mit Empathie und Wortgeschick Herz und Ratio seiner Leser erreichte.

Dass ich ausgerechnet in den letzten Tagen unzählige seiner Gedichte gelesen habe, halte ich für ein besonderes Zeichen, für eine Gunst des Himmels. Ich frage mich, wie Michael Starcke es ausgedrückt hätte. Sicher viel bedeutsamer und lyrischer in seiner besonderen Autoren-Stimme, die eindringlich alle Sinne zu berühren vermag.

Ich schätze mich glücklich, ihn persönlich kennengelernt zu haben.

Er wird in seinen lyrischen Wortschöpfungen weiterleben und die Zeit des Innehaltens und Nachdenkens auf seine bedeutsame Art einfordern. 

Danke Michael Starcke,  

mit stillem Gruß 

Jutta Kieber   

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