Saša Stanišic, 2006, Foto: Hans Weingartz, http://www.Hans-Weingartz.de

Quelle: Hans Weingartz
www.Hans-Weingartz.de

1.) - 2.)

Interview mit den Chamisso-Preisträgern
"Widerstand ist zwecklos"
Interview von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 21.2.2008:

Herr Stavaric, Sie sind mit sieben Jahren aus dem mährischen Brünn nach Wien gekommen. Kann man da noch von Fremde sprechen? Dämmert nicht vor allem seit der Wende wieder der alte K.-u.-k.-Zusammenhang, das alte Mitteleuropa herauf?

Michael Stavaric: Es ist natürlich berechtigt, das so zu sehen, vor allem in Wien. Die Wiener Gesellschaft ist immer auch eine tschechische gewesen, allerdings nicht auf einer aristokratischen oder großbürgerlichen Ebene, sondern auf der Ebene der Kammerdiener, Zofen und "Ziegelschupfer", die Wien (mit)erbaut haben. Vice versa ist Prag eine Stadt der Deutschen, was ein Blick ins Telefonbuch verrät. Es ist mental ein ähnlicher Raum. Jirí Gruša, mit dem mich viel verbindet, pflegt immer frei nach Karl Kraus zu fragen: "Was trennt die Österreicher von den Tschechen? Der gemeinsame Charakter!"

Wie kommen Sie mit der kleinen Ausgrenzung beziehungsweise dem Exotik-Bonus zurecht, den der Chamisso-Preis als einstiger "Gastarbeiter"-Preis neben der Aufmerksamkeit auch bedeutet?

Léda Forgó: Da das Deutsche nicht meine Muttersprache ist, fühle ich mich durch meinen Akzent oft etwas unbehaglich und dadurch "exotisch". Aber das gleicht sich aus.

Michael Stavaric: Es sind zumeist die Verlage, die diese Art von Exotik-Bonus aus marktwirtschaftlichen Gründen stilisieren, vor allem seit der EU-Osterweiterung. Das Bestreben, in anderen Ländern neue Autoren zu entdecken, zielt vermehrt auf den Osten ab. Wenn es heißt: "Wir haben einen ganz tollen rumänischen Autor entdeckt", dann hört sich das offenbar besser an, als wenn dieser aus Baden-Württemberg käme.

Feridun Zaimoglu, Chamisso-Preisträger von 2005, sagt über sein Verhältnis zum Deutschen: "Irgendwann stellt sich die Frage: Bleibt es bei der Spracherwerbsanstrengung oder verliebt man sich?"

Saša Stanišic: Liebe muss es nicht einmal sein, auch das Nicht-Mögen einer Sprache führt zu einer produktiven Auseinandersetzung. Als ich erfuhr, dass ich den Chamisso-Preis erhalte, habe ich sofort die Begründung durchgelesen. Zum Glück stand da nichts von "guten Sprachkenntnissen". Wir alle wollen nicht auf einen Lernprozess reduziert werden. Die Sprache ist die Brücke, auf der wir zum Buch hin gelaufen sind. Auch von "guter Integration" ist keine Rede. Diesem Thema begegnet man eher im privaten Bereich. Wenn ich erzähle, dass ich aus Bosnien komme und ein Buch geschrieben habe, heißt es manchmal: "Wie: Bosnien, Buch geschrieben? Seid ihr nicht alle auf dem Bau?" Als würde ich durch meine Herkunft eine bestimmte Milieu-Zugehörigkeit mit mir tragen, die sich im Kopf gewisser Leute verankert hat.

Ihre eigene Einbürgerung in Heidelberg ist auf Ihrer Homepage "Kuenstlicht" mitzuverfolgen…

Saša Stanišic: Phase eins: Formulare holen. Mit Freischaffenden haben die Behörden große Probleme, weil sie sie nicht kategorisieren können. Aber warum sollte es ein Schauspieler aus der Ukraine schwerer haben als ein Fußballer aus Ghana?

Michael Stavaric: Das Deutsche ist eine Sprache, die gerade den Slawen entgegenkommt, da sie diese relativ leicht lernen können; umgekehrt ist es wegen der komplexeren Grammatik viel schwieriger, so dass es keine richtige Fluktuation gibt. In Österreich werde ich inzwischen als heimischer Schriftsteller wahrgenommen. Für uns drei ist es sicherlich ein Bonus, eine sprachliche Transformation erfahren zu haben, eine Sprachwanderschaft. Menschen mit Migrationshintergrund sind ja für eine gewisse Sensibilität in allen Bereichen prädestiniert.

Frau Forgó, sie kamen 1994 zum Studium nach Stuttgart. Ihr Roman "Der Körper meines Bruders" behandelt das zentrale Ereignis der jüngsten ungarischen Geschichte, den Aufstand von 1956, ähnlich wie sich Saša Stanišic literarisch mit dem Bosnien-Krieg auseinandersetzt, dem er als 14-Jähriger entfloh. Hat Ihnen die Distanz zu Ihrer Heimat geholfen, sich diesem Thema anzunähern?

Léda Forgó: Weniger die räumliche als die zeitliche Distanz. Dieses für alle Ungarn entscheidende Thema wurde immer mit sehr viel Pathos behandelt. Nach der Wende hatte dieses für mich etwas an Glanz verloren, und ich wollte endlich eine pathosfreie, nach Schweiß riechende Geschichte verfassen. Auf Ungarisch wäre es ein anderes Buch geworden.

Saša Stanišic: Für mich war auch der zeitliche Abstand wichtig, um mich zu sortieren und zu einer geistigen Reife zu kommen. Ich habe älter werden müssen, nicht meine Erinnerungen. Auf Deutsch zu schreiben war ein Automatismus für mich, da es schon lange meine bessere Sprache ist. Allerdings hat das Denken und Formulieren in zwei Sprachen großen Einfluss auf das Buch genommen. Viele sinnfällige Formulierungen habe ich aus dem Serbokroatischen übernommen. An einer Stelle heißt es zum Beispiel "taub wie eine Kanone", eine feste Redewendung im Serbokroatischen. Solche Manöver haben mir geholfen, zu einem bestimmten Sprachstil zu finden.

Herr Stavaric, in Österreich sind die Moslems schon seit 1912 als Religionsgemeinschaft anerkannt. Wird dort das Thema Integration und Islam etwas gelassener gehandhabt?

Michael Stavaric: Gelassenheit und Österreich, das, man verzeihe mir den Ausdruck, geht auf keine Kuhhaut, wenn man sich unsere politischen Verhältnisse ansieht. Ich habe eher das Gefühl, dass das Klima immer restriktiver wird. Es gibt jede Menge Fallbeispiele, was die Jahre schwarz-blauer Politik bei uns bewirkt haben. Der Begriff "soziale Kälte" wird auch von unserem "roten" Kanzler gern gebraucht, aber im Endeffekt begünstigen alle Parteien dieses Klima. Die Distanzen zu Menschen mit Migrationshintergrund nehmen eher zu. Ich selbst wurde auf Bestreben meiner Eltern schon sehr früh österreichischer Staatsbürger. Dabei hätte ich gerne eine Doppelstaatsbürgerschaft.

Das Interview mit den drei Preisträgern in München ist, vor dem Hintergrund der angespannten Diskussionen über Integration und Assimilation, ein sehr politisches Gespräch geworden. 

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2.)

Literatur-Nomade
Der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung wird heute Abend in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche an Saša Stanišic verliehen. Die Laudatio hält Wolfgang Herles. Die Förderpreise gehen an die gebürtige Ungarin Léda Forgó und den Tschechen Michael Stavaric
Im Gespräch: Schriftsteller Saša Stanišic über Erfolg, Inspiration und Theater
Das Gespräch führte Andreas Puff-Trojan, Münchner Merkur, 27.02.2008:

Geehrt werden die Autoren nicht nur für ihre Werke, sondern auch für ihr besonderes sprachliches Können: Sie schreiben nicht in ihrer Muttersprache, sondern in Deutsch. Stanisic wurde 1978 in Višegrad, Bosnien-Herzegowina, geboren und studierte ab 1992 in Deutschland. 

Sie haben mit Ihrem Erstlingsroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert” 2006 großen Erfolg erzielt. Nun sind Sie der jüngste Chamisso-Preisträger. Wie fühlt man sich dabei?
Eigentlich ganz in Ordnung ­ und auf jeden Fall ziemlich überrascht. Aber wenn die Dinge wirklich gut laufen, dann sollte man das auch genießen. 

Verbindet Sie etwas mit Chamisso?
Neben der offensichtlichen biografischen Parallele der Flucht nach Deutschland gibt es noch etwas anderes: Ich träumte früher auch davon, die Welt zu umsegeln. 

Sie geben viele Lesungen, reisen viel. Fühlen Sie sich als eine Art Literatur-Nomade?
Ich bin eher in dem, was ich lese, ein Literatur-Nomade. Mir ist nichts fremd ­ vom Science-Fiction-Schinken bis zur barocken Lyrik. Ich kann in den meisten Genres etwas Verwertbares finden, irgendeine Art Vergnügen oder Erkenntnis gewinnen. Das Reisen ist eine willkommene Nebenwirkung des Schreibens, sei es wegen Lesungen oder wegen Recherchearbeiten. 

In Ihrem Roman geht es auch um den Verlust von Kindheit, um den Verlust von Geborgenheit und Heimat. Glauben Sie, dass Sie mit „Wie der Soldat das Grammofon repariert” deutsche Leser für das Leid im Bosnienkrieg sensibler gemacht haben?
Ich kann das nicht sehr gut beurteilen, aber empfehle in diesem Zusammenhang und mit größter Überzeugung die Arbeiten der Fotografin und Video- und Performancekünstlerin Ejla Kameric. Ich selbst war das letzte Mal vor anderthalb Jahren in Bosnien-Herzegowina. Es fällt mir also schwer, mich über die jetzige Lage zu äußern. 

Im März wird am Grazer Schauspielhaus Ihr Stück „Go West. Eine Familie wandert aus” uraufgeführt.
Es handelt sich um ein musikalisches Projekt, das ich zusammen mit dem Regisseur Tom Kühnel und der Puppenspielerin Suse Wächter entwickelt habe. Eine singende Familie wandert aus Österreich in die USA aus und wagt dort den Versuch einer Karriere in der Musikindustrie. Einige Nebenfiguren sind die Bewohner der Bikini-Inseln, ein sprechendes Schaf, Sigmund Freud, Michael Jackson, eine Nackerte, Louis Armstrong, Hänsel, ein Polizist auf einem Pappmotorad, Gretel und Bob. 

Weswegen haben Sie das Genre gewechselt?
Ist die Arbeit fürs Theater lohnender als das einsame Schreiben eines Romans? Die Theaterarbeit ist weniger zufriedenstellend als das Schreiben von Prosa, weil der Text ungeheuren Umwälzungen ausgeliefert ist. Doch wie bei jeder Teamarbeit muss man der Mannschaft vertrauen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Die Aufführung ist dann auch für den Autor ein Höhepunkt, den man so unmittelbar bei einem Buch nicht erfährt ­ es sei denn im kleineren Rahmen bei Lesungen. 

Der Chamisso-Preis wird in München verliehen. Wie steht es um Ihr Verhältnis zu München?
Eigentlich wollte ich ja nach München ziehen, aber jetzt gehen alle meine Freunde nach Berlin. Also muss ich ihnen, rückgratlos wie immer, folgen. 

Was sind Ihre nächsten literarischen Pläne?
Und: Gibt es eine Wiederbegegnung mit Aleksandar, dem jugendlichen Helden aus Ihrem ersten Roman? Aleksandar ist für immer aus meiner Sicht. Und für einen neuen Roman lasse ich mir noch ein wenig Zeit.

Lesung der Preisträger: morgen, 20 Uhr, Literaturhaus, Tel.: 089 / 29 19 34 27. 

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