Alexander Solschenizyn, ©Foto: nobel.seNachruf auf Alexander Solschenizyn
Trauerreden für einen Störenfried
Von Jörg Bartel in der NRZ vom 5.8.2008:

Das schreibt man so in Nachrichtenagenturen: "Der Tod des russischen Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn hat in seiner Heimat große Betroffenheit und tiefe Trauer ausgelöst." Das ist sicher richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Es wird in und um Moskau etliche geben, die erleichtert aufseufzen, weil nun endlich ein Störenfried verstummt ist. Nicht immer hatten die Worte "Dissident", "Unbequemer" und "Querdenker" diese Patina des Heroischen; nicht jeder hatte soviel Grund wie Michail Gorbatschow, die Lebensleistung Solschenizyns zu loben; nicht jeder russische Offizielle hat vergessen, dass es Alexander Solschenizyn war, der der UdSSR in den 60ern und 70ern einen der größten Imageschäden ihres Bestehens zugefügt hat.

Ein ehrlicher Kommunist

Und nicht jeder war dabei so ehrlich wie der Kommunistenchef Gennadi Sjuganow, der postum kritisierte, dass die Arbeiten des Autors "tendenziös und einseitig" gewesen seien.

Natürlich waren sie das. Den lange totgeschwiegenen stalinistischen Terror hatte Solschenizyn in neun endlosen Jahren Straflager und Verbannung selbst zu spüren bekommen und 1962 in seinem ersten Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" geschildert - eine Sensation. Dieser hagere, fromme Nordkaukasier war der Erste, der, ausgerechnet als die kalten Krieger anfingen sich füreinander zu erwärmen, die Brutalität des zynischen Weltbeglückungs-Staates im flammenden Zorn öffentlich anprangerte. Ohne Alexander Solschenizyn, der Sonntagnacht im Alter von 89 Jahren in Moskau den Herztod starb, hätte es Perestrojka, Glasnost und den Mauerfall nicht gegeben.

Er hat für seinen Platz in der Weltgeschichte bezahlt - mit Schmerzen, Hunger, Angst. Als ihm 1970 der Nobelpreis verliehen wurde, verweigerte ihm das Sowjet-Regime die Ausreise zur Preisübergabe nach Stockholm. 1973, nach der Veröffentlichung der Lagerchronik "Archipel Gulag", seines berühmtesten Buches, wurde Solschenizyn verhaftet und ausgewiesen. Zunächst nahm ihn Heinrich Böll in Köln auf, was, wie sich Bölls Neffe erinnert, "für die konservative Presse in Deutschland ein Schlag" war. Dieser erzkonservative Mathematiker, Historiker und Literat ging eben nicht zu Springer oder zum Kommunistenfresser Gerhard Löwenthal, sondern zum als "links" und moskaufreundlich verschrieenen Böll. Vielleicht war es sein hervorstechendstes Merkmal, dass er, der die totale Unfreiheit erlebt hatte, die Freiheit persönlich nahm.

Solschenizyn siedelte über die Schweiz und Norwegen in die USA über und kehrte erst 1994 heim nach Russland. Dort kritisierte er "falsche" Reformen und den Mangel an Demokratie unter dem Präsidenten Boris Jelzin. Als Mahner für ein Russland auf der Grundlage von Gemeinsinn und orthodoxem Glauben fand Solschenizyn aber immer weniger Gehör. Wiederholt forderte er, "das heilige Russland" dürfe die westliche Demokratie "nicht ohne Verstand nachäffen", sondern müsse sich mehr um das "moralische Wohlergehen" des Volkes kümmern.

Über die Politik des Präsidenten Wladimir Putin und das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche in seinem Land äußerte er sich immer wieder positiv. Das erregte hier wie dort ähnlich viel Kopfschütteln wie sein demonstratives Verständnis für Putins umstrittene Tschetschenien-Politik. Zuletzt stand er erheblich in der Kritik, als er in seinen Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der UdSSR russischen Juden eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gab. Solschenizyn, 2007 mit dem russischen Staatspreis ausgezeichnet, arbeitete an der Herausgabe seines Gesamtwerkes in 30 Bänden (darunter Werke wie "Krebsstation" und "Im ersten Kreis"). Sollte es wie geplant 2010 erscheinen, findet sich darin vielleicht auch der Satz aus seiner verspäteten Nobelpreis-Rede: "Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt." (J.B./NRZ/dpa)

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