Aus der Perspektive einer Nachfahrin:
Louisa Catharina Harkort-Märcker
Von
Kirsten Niesler im
Heimatbuch Hagen und Mark, 1989:
Schwergewichtige, in feinstes Leder gebundene Bücher weckten 1946 bei Schichtwechsel das lebhafte Interesse einiger Bergleute. Doch nicht dem Inhalt der im Bergwerk vor den Kriegswirren verborgenen Bände galt das Interesse, sondern den edlen Ledereinbänden. Für Schuhsohlen waren sie allemal geeignet. So kam es, daß das seit 1674 sorgfältig gepflegte Familienarchiv des Hauses Harkort zwar den Krieg unbeschadet überstand, doch dann die Einbände die steinigen Wege frierender Bergarbeiter angenehmer zu gestalten hatten.
Den auf diese Weise dezimierten Chronikbestand luden die Harkort-Nachfahren schaufelweise auf Lastwagen und brachten ihn heim ins Stammhaus. Ellen Soeding, in Düsseldorf geborene Nachfahrin des ehrwürdigen westfälischen Kaufmannsgeschlechts, nahm sich zu Beginn der fünfziger Jahre der Reste des Familienarchivs an und verfaßte nach fünf jähriger Vertiefung in die alten Geschäftsbücher, die Korrespondenz, Zeichnungen, Ahnentafeln und Fotografien eine zweibändige Familienchronik ihrer Vorfahren. Das Werk geht weit über den Anspruch einer reinen Familienchronik hinaus, denn die darin enthaltenen Zeugnisse westfälischer Handelstradition erschließen dem wirtschaftsgeschichtlich Interessierten die Schwierigkeiten und Grundsätze heimischen Handelswesens.
Einer Gestalt ihrer langen Ahnenreihe galt Ellen Soedings besonderes Augenmerk: der "Märckerin", Louisa Catharina Harkort-Märcker (1718 - 1795). Die Tochter eines Hattinger Arztes, dem ."hochfürstlich Essendischen Hof- und Leib-Medicus", dessen Ehefrau vom Gut Schede bei Wetter stammte, genoß am Hofe der Fürstin-Äbtissin zu Essen die denkbar sorgfältigste Erziehung und wurde von heiratswilligen Herren vielfach umworben. Vielleicht bewog sie schon in den jungen Jahren das Wissen um die eigene Persönlichkeitsstärke, sich nicht allzubald in das Ehejoch zu begeben. Jedenfalls reichte sie erst mit dreißig Jahren dem verwitweten Johan Caspar Harkort die Hand und zog 1748 als Herrin in das alte Stammhaus der Harkorts. Acht Jahre später setzte sich die "Märckerin" mit dem auf ihr Betreiben hin errichteten "Herrenhaus" das erste Denkmal ihrer Tatkraft. In den repräsentativen Räumen des neuen Hauses empfing sie ihre "Tafelrunde", Geschäftsfreunde, Verwandte, die Essener Fürstin-Äbtissin oder die Damen des Hagener adligen Stiftes. Gastfreundschaft und Geselligkeit bedeuteten der "Märckerin" viel. Anregende Gespräche, stilvolle Hausmusik und auserlesene Bewirtung ließen eine Einladung nach Haus Harkort als erstrebenswerte Begünstigung erscheinen. Louisa Harkort ging völlig in den Pflichten einer Hausfrau ihres Standes auf, ihrer fünfköpfigen Kinderschar schenkte sie eine fröhliche, unbekümmerte Kindheit, in der Pflichtbewußtsein und Anstand zu den selbstverständlich vermittelten Werten gehörten.
1761, mit dem Tode ihres Mannes Johan Caspar Harkort, nahm das harmonische Familienleben ein jähes Ende. Die "Märckerin" stand mit ihren fünf unmündigen Kindern, deren jüngstes gerade zwei Jahr alt war, plötzlich allein. Aus der Notsituation heraus entwickelte sie Eigenschaften und Fertigkeiten, die mit dem Frauenbild des 18. Jahrhunderts kaum in Einklang zu bringen waren. Die "Märckerin" übernahm in den Kriegswirren der letzten beiden Kriegsjahre das Regiment über das Geschäft ihres verstorbenen Gatten, führte es durch alle Klippen und vergrößerte das Unternehmen beträchtlich. Diplomatie, Geschäftssinn und Zielstrebigkeit halfen ihr bei der Führung des Familienbetriebes. Ihre guten Beziehungen zur Fürstin-Äbtissin von Essen setzte sie erfolgreich ein, um von dem Oberbefehlshaber der französischen Armee in Deutschland, Prinz Soubise, einen Schutzbrief für ihr Haus zu erhalten. Das Dokument verbot den französischen Soldaten unter Androhung der Todesstrafe, dem Anwesen Harkort durch Plünderung oder Zerstörung in irgendeiner Weise Schaden zuzufügen.
Die Witwe wurde von den Geschäftspartnern verstorbenen Mannes ohne Einschränkung als dessen Nachfolgerin anerkannt. Sich selbst erlaubte sie keine Schwäche oder Krankheit und kam ihren Geschäften nach, selbst wenn sie das Bett hätte hüten müssen. Wie viel häusliche Geborgenheit sie trotz ihrer geschäftlichen Verpflichtungen den fünf Kindern geben konnte, zeigt die Tatsache, daß keines der Kinder bestrebt war, Haus Harkort früh zu verlassen. Ihre Fittiche breitete die "Märckerin" auch noch über ihre Kinder aus, als diese längst im Erwachsenenleben standen. Die seit fünf Jahren in Aachen unglücklich verheiratete Tochter holte sie bei Abwesenheit des untreuen Ehemannes heimlich aus Aachen heim in das "Haus Harkort". Mit 76 Jahren starb Louisa Harkort, nachdem sie bis ins hohe Alter aktiv am Geschäfts- und Familienleben beteiligt war.
Ellen Soeding schildert die hier beispielhaft hervorgehobene,
wechselvolle Lebensgeschichte ihrer außergewöhnlichen Vorfahrin mit berechtigtem
Stolz. War es doch für eine Frau vor zweihundert Jahren ungleich schwerer als
für einen Mann, sich im Geschäftsleben Anerkennung und Vertrauen zu erwerben.
Der "Märckerin" gelang nicht nur dies, sondern sie wurde auch dem traditionellen
Frauenbild von aufopfernder Mutterliebe und eleganter, geistreicher
Gesellschafterin gerecht: eine nahezu unmöglich erscheinende Verbindung
gegensätzlicher Fähigkeiten waren hier in einer Person vereint. In der
Familienchronik erwacht diese starke Persönlichkeit dank der Autorin Ellen
Soeding zu unvermindert wirkender Lebenskraft.
Quelle: Ellen Soeding: Die Harkorts, Band 1 + 2,
Münster 1957
Leseprobe I Buchbestellung 0711 LYRIKwelt © Kirsten Niesler