Wodka und Bier nie
durcheinander trinken
„Polski Tango“: Interview mit Autor Adam
Soboczynski über gespaltene Identitäten
Von Jan Philipp Steinberg aus dem Münchner
Merkur, 8.9.2006:
Als er sechs Jahre alt war , reiste seine Familie mit ihm in die Bundesrepublik aus. Adam Soboczynski, heute 31 Jahre alt, wurde im polnischen Torun (Thorn) geboren. 25 Jahre später hat er sich auf der Suche nach dem Land seiner Kindheit gemacht und ein Buch darüber geschrieben: „Polski Tango“. Seine Reise fällt in eine Zeit, da sich zwischen Deutschland und Polen wieder Gräben auftun: schwierige Beziehungen und gespaltene Identitäten.
Sie schreiben in „Polski Tango“ über
Ihre Eltern, dass diese sich in Deutschland „unsichtbar gemacht“ hätten,
sich bemühten, im westdeutschen Koblenz als Einwanderer nicht aufzufallen. Sie
selbst gingen noch einen Schritt weiter: Ihr Geburtsland Polen beschreiben Sie
als „Land, das mir lästig wurde“. Warum?
Adam Soboczynski: Lange Zeit wollte ich mit dem Land meiner Kindheit nichts zu
tun haben, meinen polnischen Akzent möglichst schnell ausmerzen. Das Polenbild
der Deutschen war immer von überheblicher Sympathie geprägt, von einer
giftigen Umarmung: Wie niedlich, dass die polnischen Saisonarbeiter mit dem
kleinen Fiat Polski zu fünft zur Weinernte fahren! Wie schön das rollende „Rrr“
der polnischen Putzfrau doch ist! Kleinkriminell sind sie ja alle, die Polen,
hieß es, aber sie tragen immer so einen lustigen Schnauzer. Jedenfalls habe ich
erst vor zwei Jahren begonnen, mich mit meiner Herkunft auseinander zu setzen:
So entstand das Buch. Deutschland ist ja ein seltsames Einwanderungsland: Auch
wenn du vor 25 Jahren hier angekommen bist, bleibst du der Pole. Und irgendwann
habe ich mir gesagt: Vertritt diese Position mal offensiv.
Das Klischee der Polen als Autodiebe ist tot und auch Harald Schmidt macht
schon seit Jahren keine Polenwitze mehr. Warum?
Soboczynski: Weil sich die Länder einander wirtschaftlich annähern. Aus
deutscher Sicht ist das unheimlich. In zehn Jahren werden sich die
Lebensverhältnisse zwischen Ostdeutschland und Polen völlig angeglichen haben.
Auch Polen hat heute wirtschaftliche Probleme. Viele vermuten, dass die
regierenden Kaczynski- Zwillinge nicht zuletzt deshalb ihre nationalistische
Rhetorik bemühen.
Soboczynski: Es gibt Verlierer der Wende, vor allem die Rentner leiden bis heute
unter dem Systemwechsel. Dennoch ist der wirtschaftliche Aufschwung eine
Erfolgsgeschichte. Ich glaube, dass dieser Nationalismus ganz andere Gründe
hat. Nach der NS-Besatzung stand Polen unter kommunistischer Fremdherrschaft,
dann folgten 15 Jahre wilder Turbokapitalismus. Von den Kaczynskis verspricht
man sich Stabilität und Korruptionsbekämpfung. Leider sind diese Zwillinge so
entsetzlich provinziell.
Warum spielt die Vergangenheit jetzt wieder so eine große Rolle in Polen?
Soboczynski: Das hat zwei Gründe. Der eine hängt mit der Jedwabne-Debatte
zusammen . . . (In Jedwabne hatten 1941 unter deutscher Besatzung polnische
Nachbarn die Juden des Ortes ermordet. Der polnisch-amerikanische Soziologe Jan
Tomasz Gross deckte dies 2000 in einem Buch auf, d. Red.) Seit fünf Jahren wird
darüber debattiert, dass Polen im Krieg nicht nur Opfer gewesen sind, sondern
auch Täter. Den Kaczynskis geht es um die Diskurshoheit, um das Fortschreiben
der polnischen Opfererzählung. Auch deshalb arbeiten die sich so manisch an
Deutschland ab, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Und es wirkt. Jeder
Bauarbeiter regt sich über eine vollkommen marginale Vertriebenenausstellung in
Berlin auf. Und jeder kennt Erika Steinbach. Der zweite, ganz wichtige Aspekt:
Die Kaczynskis kommen aus dem engsten Kreis der Solidarnosc-Bewegung. Sie nehmen
es der Bundesrepublik immer noch übel, dass der Westen in den Achtzigern mit
den kommunistischen Machthabern verhandelt hat. Die Solidarnosc war keine
liberale Freiheitsbewegung. Sie war im Kern eine bürgerlich-konservative
Bewegung. Ihre Anhänger sagten: Wir wollen Gott. Und nicht: Wir wollen einen
westlichen Lebensstil mit Schwulen und Lesben auf polnischen Straßen.
Ziehen Sie ein düsteres Fazit Ihrer Reise?
Soboczynski: So düster ist es gar nicht. Es gibt keine polnische Regierung, die
bisher wiedergewählt wurde.
Und wie steht es um die weit verbreitete Stimmung gegen Minderheiten, die
Sie auch bei Ihren Verwandten auf dem Land festgestellt haben?
Soboczynski: Zumindest in den Städten gibt es eine starke liberale Schicht. Die
Kaczynskis führen hier letztlich Rückzugsgefechte. Auch deshalb sind sie so
hysterisch.
Eine ganz deutsche Frage zum Abschluss: Sind Sie durch die Reise polnischer
geworden?
Soboczynski: Das Land ist mir wieder vertrauter geworden: die Sprache, die in
Papier eingewickelten Butterbrote, die Fahrgäste in Zugabteilen auspacken, die
grell geschminkten Frauen. Aber ich bin lieber in Deutschland
identitätsgespalten als in Polen.
Klären wir die Identität durch Klischees: Wodka?
Soboczynski: Ja, aber wenn, dann ausschließlich. Die Deutschen machen immer den
Fehler, Wodka und Bier durcheinander zu trinken.
Krowki, diese altmodischen Bonbons mit der Kuh auf dem Etikett?
Soboczynski: Nein, lieber Milka.
Fleisch zum Frühstück?
Soboczynski: Ja, unbedingt. Ich bin kein Freund von gesundem Essen.
Schnurrbart?
Soboczynski: Nein, niemals!
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0906 LYRIKwelt © Münchner Merkur