Suche
nach der verrinnenden Zeit.
Der französische Literatur-Nobelpreisträger Claude
Simon starb mit 91 Jahren.
Von Harald Loch in den Nürnberger Nachrichten
vom 11.07.2005:
Der französische Literatur-Nobelpreisträger
Claude Simon ist tot. Der aus Madagaskar stammende Schriftsteller starb im Alter
von 91 Jahren bereits am vergangenen Mittwoch und wurde am gleichen Tag in Paris
bestattet, wie sein Verlag Editions de Minuit nun bekannt gab.
Claude Simon gilt als einer der wichtigsten Vertreter des „nouveau roman“.
Unter diesem Begriff werden verschiedene Ausprägungen des experimentellen französischen
Romans in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengefasst.
Neben Claude Simon gehören Nathalie Sarraute,
Alain Robbe-Grillet,
Michel Butor
und auch Marguerite Duras zu denjenigen, die den traditionellen realistischen
Roman ablehnten, dessen Bestreben die naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit
aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers ist.
Für Claude Simon gilt die Zuordnung zum „nouveau roman“ nur mit Einschränkungen.
In seinen frühen Werken war er eher dem französischen Existenzialismus
verpflichtet. Er orientierte sich in „Der Falschspieler“ (1945) oder „Das
Seil“ (1947) an William Faulkner und an eher traditionellen Erzählformen. In
seinen Spätwerken überwiegt das experimentelle Spiel mit der erzählenden
Sprache.
Als sein Hauptwerk gilt „Die Straße in Flandern“, in dem er seine
Kriegserlebnisse verarbeitete. Diese Erlebnisse haben sein gesamtes Werk geprägt.
Überhaupt hat Simon häufig historische Themen bearbeitet und in ihnen die
Raum- und Zeitverhältnisse so verändert, dass sich unsere
Wirklichkeitserfahrungen an ihnen reiben. Seinen Durchbruch in Deutschland
erlebte Claude Simon erst ein Jahrzehnt nach seinem Nobelpreis mit seinem
Alterswerk „Jardin des Plantes“, einem literarischem Kolossalgemälde des
Jahrhunderts. Ähnlich universal und radikal ist sein schon 1967 erschienener
Roman „Geschichte“, in dem Simon aus der Perspektive alter Ansichtskarten
die Geschichte seiner Familie, sein eigenes Leben und die „große“
Geschichte entwickelt.
Claude Simon schrieb elegante, manchmal über Seiten laufende, weitgehend auf
gliedernde Interpunktion verzichtende Sätze. Sie sind das Kunstvolle an seiner
Prosa, und sie standen lange einer Rezeption in Deutschland entgegen.
Erst der Frankfurter Übersetzerin Eva Moldenhauer ist es gelungen, diese
unvergleichliche Sprache so ins Deutsche zu übertragen, dass die Wirkung der
französischen Satzfolgen erhalten bleibt. Sie geht dabei bis an die Grenzen der
Verknüpfungsmöglichkeiten. Partizipialkonstruktionen werden von Nebensätzen
abgelöst, Klammern umschließen Satzteile, die ihrerseits in Klammern stehen,
die Parenthese gehört zum virtuos eingesetzten Stilmittel des Autors, der einen
langen Faden spinnt. Er verliert ihn nicht, der Faden reißt ihm nicht, und in
der Übersetzung ist die wahre Kunst gefragt, in der anderen Sprache dergleichen
nachzuvollziehen.
Claude Simons Romane verlangen auch in ihrer Übersetzung höchste
Aufmerksamkeit. Dafür belohnen die gelungenen Satzkonstruktionen mit ihrer
Spannung zwischen schöpferischer Monotonie und erzählter Entwicklung. Simons
Romane leben von der inhaltlichen wie formalen Auseinandersetzung mit dem
Verlaufen der Zeit. Er versetzt uns in eine philosophische Stimmung, die nicht
nach Lösungen sucht, sondern ganz dem Erleben der Zeit gewidmet ist. Liest man
Claude Simon langsam, ist der Genuss existenziell.
Kindheit in Perpignan
Seit einigen Jahren veröffentlicht sein deutscher Verlag DuMont die Romane in
loser Folge. Im Frühjahr 2002 kam Simons Roman „Die Trambahn“ auf den
deutschen Markt. Das Buch führt in eine Kindheit im frühen 20. Jahrhundert,
nach Perpignan. Dort verbrachte der 1985 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Autor
zeitlebens die Sommer- und Herbstmonate als Winzer.
In Simons (autobiographisch gefärbten) Romanen erlebt der Leser oft die
„ungeheure Diskontinuität“ der verschiedenen Zeitebenen. Sein Leben verlief
mit ebenso ungeheurer Kontinuität. Claude Simon schrieb die Literatur von Joyce,
Proust und Faulkner fort, seinen Geistesverwandten in der Weltliteratur.
Rolf Vollmann hat in seinem wunderschönen Buch „Akazie und Orion. Streifzüge
durch die Romanlandschaften Claude Simons“ das Werk dieses großen französischen
Schriftstellers gewürdigt.
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