1.) - 4.)
Simmel:
Populär ja, trivial nein
Von
J.B. aus der
NRZ vom
03.01.2008:
Ob man ihm jetzt, nach seinem Tod, mehr Ehre widerfahren lässt? Ob der Literatur-Brockhaus mehr Zeilen für ihn übrig haben wird als diese mageren zwölf? Einer, der verstanden werden wollte: zum Tode des Bestsellerautors Johannes Mario Simmel.
Es hat Johannes Mario Simmel gekränkt, dass er in der deutschen Literaturgeschichte praktisch nicht stattfand, weil an ihm das Etikett "Unterhaltungsschriftsteller" klebte wie Pech. Weil er seine Bücher in der Sprache eines Landes schrieb, deren vornehmste Vertreter nur ungern unterscheiden zwischen populär und Schund, Kolportage und Kitsch, Unterhaltung und Trivialität. Daran konnten auch die weltweit über 65 Millionen verkauften Bücher nichts ändern.
Hier teilt er das Schicksal von Kollegen wie Erwin Strittmatter, der ebenfalls Millionen Menschen zum Lesen, zum Lachen, zum Weinen und um den Schlaf brachte. Johannes Mario Simmel schrieb nicht trivial, sondern verständlich, er schrieb über Moral, Geldgier, Korruption, Drogen und Ausländerhass. Er wusste, wie Romane "funktionieren" und er besaß einen feinen Humor. Es gab und gibt größere Sprachkünstler und -erneuerer als ihn, aber er war kein Groschenheftautor, er schrieb keine verlogenen Heldensagas mit Blut- und Schmalzrand, und wer ihm vorwerfen möchte, dass er immer wieder über die Liebe schrieb, der möge auch über Shakespeare die Nase rümpfen und die amerikanischen Bestseller wegwerfen.
Simmel, am 7. April 1924 in Wien geboren, hat versucht, "relevante" Themen in den Mittelpunkt seiner Romane zu stellen, und dieser Ernst mag das Naive an seinen Büchern gewesen sein: dass er glaubte, Bücher sollten unterhalten, aber auch eine Botschaft haben und, vor allem, verstanden werden.
Vielleicht war es sein Vorleben, das ihn dazu befähigte und verdammte: Zunächst hat er als Journalist (unter anderm für die "Quick"), Dolmetscher und Übersetzer gearbeitet; das Esoterische, Verklausulierte war und blieb ihm fremd. Der Durchbruch gelang ihm 1960 mit dem hochamüsanten Roman "Es muss nicht immer Kaviar sein" es folgten Bücher, die "geflügelte Titel" trugen: "Mich wundert, dass ich so fröhlich bin", "Niemand ist eine Insel" oder "Hurra, wir leben noch". Am 1. Januar ist er in Zug/Schweiz gestorben. Millionen Leser werden "ihren" Simmel betrauern.
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2.)
Zum Tod von Johannes Mario SimmelImmer wieder wurde er von den Literaturkritikern als Trivialautor geschmäht. Allgemeine Anerkennung fand Johannes Mario Simmel erst 1987 mit dem Roman „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“. Jetzt ist der Schriftsteller, der zuletzt in der Schweiz lebte, im Alter von 84 Jahren gestorben.
Nach Angaben seines Anwalts starb Simmel in einer Seniorenresidenz in der Nähe der Schweizer Stadt Zug. Berühmt wurde der Österreicher unter anderem mit Romanen wie „Es muss nicht immer Kaviar sein“ (1960), „Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970) und „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (1971). Seine rund 35 Romane und Erzählungen erschienen in 33 Sprachen und einer Auflage von 73 Millionen. Simmel zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern, der stets engagiert Themen der Zeit verarbeitet hat.
Der Autor wurde am 7. April 1924 in Wien als Sohn eines
Chemikers und einer Filmverlags-
Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Dolmetscher für
die US-
Nahezu zeitgleich wurde er Österreichs jüngster
Kulturredakteur und wenig später Drehbuchautor beim Film. Ein Jahr später zog er
nach Deutschland, wo er für die Zeitschrift „Quick“ als Reporter durch die ganze
Welt reiste. Seinen Durchbruch als Romanautor feierte Simmel mit dem
Agentenroman „Es muss nicht immer Kaviar sein“, der zunächst als Fortsetzung in
der „Quick“ erschien und später ebenso verfilmt wurde wie „Lieb Vaterland, magst
ruhig sein“ (1965), „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970) oder „Der Stoff, aus
dem die Träume sind“ (1971). Insgesamt 18 verfilmte Simmel-
Simmel widmete sich stets aktuellen und brisanten Themen.
Nachkriegsdeutschland oder die Berliner Mauer thematisierte er ebenso wie
Alkoholmissbrauch, Drogen, Gen-
Grundsätzlich wollte er seine Leser aufklären.
„Schönschreiberei“ führte seiner Meinung nach zu nichts. Die literarische
Anerkennung seines Werkes blieb ihm dennoch meist versagt. „Bestenfalls als
gehobene Trivialliteratur“ stuften die meisten Kritiker seine Romane ein.
Immerhin zollte ihm Marcel Reich-
Wie beliebt und aktuell Simmels Themen noch heute sind,
zeigten ZDF-
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3.)
Viel gelesen, wenig gelobt
Schon möglich, dass er seine Rehabilitation nur knapp
verpasste. Denn Johannes Mario Simmel, der
im April 85 Jahre alt geworden wäre, erlebte in den letzten Jahren noch einmal
eine erstaunliche Karriere.
Von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 3.1.2009:
Der Mann, der über 30 Romane, Erzählungsbände und
Jugendbücher schrieb, gehörte lange zu der bemerkenswerten Gruppe von Autoren,
die Millionenauflagen erreichen, aber von niemandem gelesen werden. Simmel wurde
als Trivialautor belächelt, seine Texte galten als grob strukturiert,
klischeebeladen, reportagehaft. Auf gar keinen Fall als richtige Literatur.
Das Urteil hatte damit zu tun, dass Simmel mal Chefreporter bei „Quick" war;
dass er ziemlich gekonnt mit sprachlichen Klischees umging und manches grob
strukturierte. Das machte seine Bücher leicht lesbar und spannend. Also
erfolgreich.
Es hatte aber sicher auch damit zu tun, dass Simmel erklärter Pazifist war und
gesellschaftspolitisch engagiert.
Dass er tiefer dachte, hätte man früh wissen können, der erste Roman von 1949
trug den Titel: „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin". Das stammt aus einem
Gedicht des mittelalterlichen Theologen Martinus von Biberach: „Ich leb und weiß
nit wie lang, ich stirb und weiß nit wann, ich fahr und weiß nit wohin, mich
wundert, dass ich fröhlich bin". Trivial ist das nicht.
Die Nachdenklichkeit des Autors wurde spät bemerkt, doch sie äußerte sich umso
deutlicher. Die Bundesrepublik sei auf dem rechten Auge immer blind gewesen,
sagte der damals 77-Jährige; er selbst habe die Nazizeit in ihrer ganzen
Furchtbarkeit erlebt. Die Hälfte seiner Familie sei umgebracht worden. „Sie
können sich vorstellen, wie mir zumute ist, wenn ich fast täglich sehe, was die
Neonazis anrichten." Da hatte Simmel gerade Essays gegen die alten und neuen
Nazis herausgebracht. Der Band hieß „Die Bienen sind verrückt geworden."
Sehr viel weiß man nicht über Simmel, außer, dass er wie besessen Bücher
schrieb. Er wurde in Wien geboren, seine Mutter war Lektorin bei einer
Filmgesellschaft, der Vater Chemiker. Ein Jude. Im Dritten Reich flüchtete er
nach England, wo er 1945 starb. Der Sohn, der Chemie-Ingenieur geworden war, sah
ihn nicht wieder.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitete Johannes Mario Simmel in einem
Kohle-Laboratorium für den „Endsieg" der Nazis; Wesentliches habe er dazu
glücklicherweise nicht beitragen können, meinte er rückblickend. Später war er
Dolmetscher der amerikanischen Militärregierung; die Legende will, dass die
Befreier dem unbelasteten jungen Mann eine Schreibmaschine und einen Stapel
Papier schenkten: So sei „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin" entstanden.
Simmels Bücher trafen Nerven. Seine Titel gehören zum deutschen Zitatenschatz,
viele von ihnen nähren das Vorurteil des Trivialen. „Mit den Clowns kamen die
Tränen" – das lässt nicht ahnen, dass es um Genmanipulation geht.
Simmel blieb im besten Sinne Reporter. Er erkannte den Zeitgeist und wusste,
welche Themen Menschen bewegen: Umweltzerstörung. Terrorismus. Skrupellosigkeit
der Skandalpresse. Er recherchierte gründlich, und er wusste, wie man schwierige
Geschichten einfach erzählt: So, das man sie verstehen kann.
Seine literarische Qualität konnte man seit 1960 kennen. Damals erhielt er den
Mannheimer Dramatikerpreis für „Der Schulfreund". Der Mann im Titel ist Hermann
Göring, und das Stück erzählt von einem Briefträger, der seinen alten Freund
Hermann bittet, er möge einem Juden helfen, der „ein anständiger Mensch" sei.
Das tut Göring nicht, lässt aber den Briefträger für verrückt erklären, um ihn
vor der Gestapo zu schützen. Dieses melancholische, sanft satirische Stück sagt
mehr über den Autor als seine Romane, obwohl er auch darin immer bemüht war,
Aufklärung und Moral mit Unterhaltung zu verbinden. Man muss ihn dafür nicht in
den Literaten-Himmel heben, aber ein kleines Podest hat er schon verdient. Wer
mit anständigen Themen Leser erreicht, hat Recht.
Die Kritiker, diese selbsternannten Päpste, hatten gerade begonnen, dies zu
verstehen, und zuzugeben; es gab schon einige, nicht viele Rezensionen, die
einen demokratisch engagierten Zeitchronisten in der Nachfolge der großen
Realisten in ihm sahen. Zu seinem 85. Geburtstag, am 7. April, hätte es, wer
weiß, ein paar faire Würdigungen gegeben für den Mann, dem nichts vorzuwerfen
ist, als dass er seine Bücher glänzend verkaufte.
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4.)
Sieben Pseudonyme brauchte Johannes Mario Simmel schon als junger Journalist: um die Menge und die Themenbreite seiner Artikel nicht gänzlich unglaubhaft scheinen zu lassen. So schrieb der studierte Chemiker für die Illustrierte Quick Reisereportagen, verfasste naturwissenschaftliche Serien und beriet die prüden Leser der Fünfzigerjahre in einer wöchentlichen Sexualkolumne. Das war in Deutschland, angefangen hatte er mit dem Journalismus jedoch 1948 als Kulturredakteur in Wien, jener Stadt, in der er am 7. April 1924 geboren, aus der er mit seinen Eltern als Jude nach London emigriert war und in der 1947, im Zsolnay Verlag, sein erster Novellenband erschien, Begegnung im Nebel. Geschrieben hatte er ihn als 17-Jähriger.
Der Journalismus allerdings konnte Simmel trotz der sieben Pseudonyme nicht auslasten. So verfasste er nebenher Drehbücher für immerhin 36 Filme, darunter Hotel Adlon oder Stefanie. Und nicht zu vergessen: die ersten der dickleibigen Romane, wie Gott schützt die Liebenden (1956) oder Affäre Nina B. (1958).
1960 schließlich trat der Geheimagent Thomas Lieven in den Simmel-Kosmos. Es muss nicht immer Kaviar sein wurde der erfolgreichste Roman des Erfolgsverwöhnten: In über 30 Sprachen übersetzt, erreichte er eine Auflage von über 30 Millionen Exemplaren, wurde verfilmt und zur Fernsehserie. Weitere Bestseller seiner gut recherchierten "Faction"-Romane, wie Simmel selbst sie nannte, folgten nahezu jährlich.
Fast alle befassten sich mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen, kombiniert mit amourösen Verwicklungen: In Bis zur bitteren Neige etwa thematisierte er Probleme des Alkoholismus, in Und Jimmy ging zum Regenbogen den Handel mit biologischen Waffen oder später in Doch mit den Clowns kamen die Tränen das Thema der Genmanipulation und in Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche die globale Umweltzerstörung.
Politisches Engagement
Auch sonst äußerte sich Johannes Mario Simmel, dessen Großvater zu den Gründern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gezählt hatte, engagiert politisch. Noch 2004 sprach er sich, achtzigjährig, gegen die blau-rote Koalition in Kärnten aus und brach aus Protest mit der Sozialdemokratischen Partei.
Er selbst hatte seit Jahrzehnten mit seiner Familie in der Schweiz gelebt. Seit einiger Zeit pflegebedürftig, starb Johannes Mario Simmel am Donnerstag, dem 1. Jänner, in einer Altersresidenz in der Nähe von Zug.
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