Maigret-Gesamtausgabe von Georges Simenon1.) - 2.)

Am Ende spielt er mit seinen Pfeifen
75-mal Maigret: Der letzte Auftritt fehlt noch. Ende September wird die gefeierte Maigret-Gesamtausgabe abgeschlossen.
Von Peter Pisa aus Kurier, Wien, vom 13.09.2009:

Zwischen "Interpol an Sûreté Paris: Xvzust Krakau vimontra m ghks triv psot uv Pietr, der Lette, Bremen vs tyz btolem" (Maigret, Band 1) und "Sie setzte sich vor den Richter, noch bevor sie dazu aufgefordert wurde, und fühlte sich offenbar sehr wohl" (Maigret, Band 75) lagen 43 Jahre.
1929: Zwei, drei kleine Genever und ein Schuss Bitter: Dann war er da gewesen, Pfeife, Hut, 100 Kilo schwer, "wie ein geschlossener Block", Kleidung aus feinem Tuch. Kein Schnurrbart! Maigret sollte nicht wie die Karikatur eines Polizisten aussehen.
Der Belgier Georges Simenon brachte den Pariser Kommissar in einem niederländischen Café zur Welt.
26 war Simenon damals.
1972: Maigret spielt in einem Sonnenstrahl. Er ist müde. Er spielt mit seinen Pfeifen. "Maigret und Monsieur Charles" ist sein letzter Auftritt in einem Kriminalroman.
Auch deshalb wollte Simenon Schluss machen: Die Kritiker hatten seine einfache Sprache ständig als Unfähigkeit hingestellt.

Produktiv

Der Schweizer Diogenes Verlag hat von allen übersetzten Büchern Simenons - der Autor war der produktivste des 20. Jahrhunderts, es gibt rund 300 ohne Maigret - seit 1997 etwa 4,5 Millionen Exemplare verkauft.
Mit der Neuauflage sämtlicher 75 Maigret-Fälle hat er im April 2008 begonnen, und am 22. September, kommen, rechtzeitig zum 80. Geburtstag der Serienfigur, die letzten drei Titel in die Buchhandlungen.

Eine - geschäftlich erfolgreiche - Verbeugung vor dem Kriminalkommissar war das, der manchmal aussah wie Jean Gabin (drei Filme), wie Rupert Davies (TV-Serie, 52 Teile), Heinz Rühmann (ein Film), Gino Cervi (der "Peppone") ...
Erstmals erschienen die Romane nun in chronologischer Reihenfolge. In revidierten Übersetzungen. In hübscher Ausstattung mit Paris-Plan für relativ wenig Geld (je 9,30 Euro) - Maigret-Gesamtausgabe von Georges Simenonwobei 75 mal 9,30 leider doch ins Gewicht fallen.

Getränke

Ein Lesefest ist das - Band 5: "Maigret wirkte so steif, so unnahbar, so verschlossen, dass er nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut aussah."
Band 51: " Während dieser Phasen war Maigret mürrisch und schlecht gelaunt und wirkte schwerfälliger und plumper als sonst."
Band 68: "Maigret log, als er mittags seine Frau anrief und sich wegen zu viel Arbeit vom Essen abmeldete. Er hatte Lust, die Frühlingssonne mit einem Mittagessen in der ,Brasserie Dauphine' zu feiern..."

In der FAZ wird seit Beginn des Marathons jede Woche ein Buch vorgestellt. Jedes geistige Getränk wird aufgelistet, jede Bewegung Madame Maigrets notiert.
Es heißt, im Gebäude der Pariser Kriminalpolizei steht immer das Fenster jenes Zimmers offen, in dem Maigret ermittelt hat. Das stimmt nicht, klingt aber schön. (Der erste und der 75. Maigret sind übrigens, rein subjektiv, sauschlecht.)

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2.)

Nach Maigret wird es schmutziger
Alle 75 Maigret-Krimis sind erschienen. Aber der Belgier hat noch etwa 120 andere Romane geschrieben. Los gehts mit einer neuen Edition.
Von Peter Pisa aus Kurier, Wien, vom 17.10.2010:

Die beste Antwort auf die Frage, warum man Romane von Simenon lesen sollte, in denen sein Maigret NICHT vorkommt, lautet: Weil sie "schmutziger" sind. Weil in den sogenannten Non-Maigrets muss nichts geklärt werden; und schon gar nicht erscheint jemand und verhilft der Gerechtigkeit zum Durchbruch. Nehmen wir den fetten, kümmerlichen Monsieur Hire. Er betrügt die Leute (seltsamerweise, indem er Malkästen verkauft). Und nachts steht er am Fenster, schwitzt, schaut der Frau gegenüber im Schlafzimmer beim Ausziehen zu.

Start mit zwei Büchern

Oder Madame Adèles: Im schwarzen Seidenkleid wartet die vollbusige Chefin eines Hotels in Westafrika auf der Straße. Sie ist zwar - noch - verheiratet, aber neu ankommende Geschäftsleute aus Frankreich mag sie sehr gerne. "Die Verlobung des Monsieur Hire" und "Tropenkoller" sind die ersten beiden Bücher der neuen Simenon-Reihe.

Alle 75 Maigret-Krimis wurden vom Schweizer Diogenes Verlag (der das Werk Georges Simenons seit den 1970er-Jahren verlegt) bis September 2009 vorbildlich neu aufgelegt: in chronologischer Reihenfolge, in revidierter Übersetzung, in schöner Ausstattung für wenig Geld (je 9,30 Euro). Insgesamt wurden 500.000 Exemplare verkauft. Danach fielen viele Leser ins finstere Loch - aus dem sie jetzt klettern können: Die Non-Maigret-Edition präsentiert seit Anfang Oktober 50 ausgewählte Romane, je zwei pro Monat.

Der Belgier war ja ein Weltmeister, als der meistgelesene, meistübersetzte und bestbezahlte Autor des 20. Jahrhunderts. 80 Schreibmaschinenseiten schaffte der Homo Scriptor am Tag. Für ein Buch brauchte er sechs bis elf Tage. 1928 etwa schrieb er 44 Romane. Aus seinen autobiografischen Schriften geht hervor: Simenon nahm pro 20-seitigem Kapitel 80 Deka ab. Zieht man die vielen "Groschenhefte", mit denen er als Journalist anfangs zusätzliches Geld verdiente, und seine Maigrets ab, bleiben noch immer gut 120 Romane von großteils feiner Qualität ("Das Haus am Kanal" erscheint im November, "Der Mann, der den Zügen nachsah" im Februar 2011).

Georges Simenon hörte 1973 wegen unfreundlicher Kritiken mit der Produktion auf. Die letzten Jahre vor seinem Tod 1998 wohnte er in einem rosa Haus in Lausanne. Vorher hatte er insgesamt 29 Häuser besessen, in den USA und in Afrika, darunter eine Villa mit eigenem Spital, Operationssaal und dem angeblich größten privaten Swimmingpool Europas. Zuletzt aber reichte ihm das Häuschen in einer Sackgasse. Und Spaziergänge genügten ihm zum nahen Park rund um ein Krematorium.

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