William Shakespeare, Foto: http://www.lib.utexas.edu/exhibits/portraits/index.php?img=349 (0f0512)Gespräch mit Yoricks Schädel?
War William Shakespeare tatsächlich der Autor der Werke William Shakespeares? Ein US-Forscher bejaht nun die Frage
Von Cornelia Niedermeier aus Der Standard, Wien, 27.12.2004:

Ob William Shakespeare der Autor der Werke William Shakespeares war oder nicht war, ist eine Frage, die die Forschung seit Langem beunruhigt. Der US-Literaturwissenschafter Stephen Greenblatt bejaht sie. Und lokalisiert "Will in der Welt" der englischen Renaissance.

Stratford, London, Stratford - Düstere Zeiten für das Theater: Alle paar Jahre kehrt die Pest zurück an die Themse. Begünstigt durch die Umsicht der Behörden, die Katzen und Hunde töten lassen - als vermeintliche Verursacher der Seuche. So vernichtet amtlicher Irrtum die natürlichen Feinde der Ratten, in deren Pelz er sitzt, der fatale Floh. Wo Pest ist, kein Schauspiel: Die gottlosen Bühnen, außer den Kirchen die größten Orte öffentlicher Versammlung, werden auf Monate hinaus geschlossen. Die Schauspieler zur Erwerbslosigkeit verdammt - damals, im London des späten 16. Jahrhunderts.

"Wer ist realer - Shakespeare oder Hamlet?" Mit dieser Frage stieß schon Fernando Pessoa, der portugiesische Autor, der die eigene Identität in diverseste Heteronyme aufspaltete, ins Zentrum vor jeder biografischen Forschung. Ähneln doch alle Biografien letztlich, aller Faktensättigung zum Trotz, Hamlets fiktivem Dialog mit Yoricks Schädel. Sind sie anekdotenreich ausfütterte Dramatisierungen dessen, was vorgegangen sein könnte im dunklen Inneren der leeren Knochenschale.

Shakespeare zumal ist der Gegenwart mitnichten realer als Hamlet - weiß man bis heute von seinem Leben so wenig, dass der Ehrgeiz der Forschung in Wellen von der Regelmäßigkeit der elisabethanischen Pest darin besteht, jenen Adeligen ausfindig zu machen, der sich den Namen des Handschuhmacher-Sohns aus Stratford-upon-Avon lieh, im Verborgenen seine unsterblichen Verse zu veröffentlichen. Sigmund Freud etwa - und viele nach ihm - tippte auf Francis Bacon.

Eine Annahme, die den amerikanischen Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt eher wenig interessiert. Greenblatt ist einer der Begründer der literaturwissenschaftlichen Schule des New Historicism, die, in der Folge der (Alltags-) Kulturgeschichtsschreibung der französischen Annales, Literatur in Relation setzt zu anderen, nicht-fiktionalen Dokumenten ihrer Epoche.

Will ist Will . . .

Greenblatts Forschungsinteresse galt von Anfang an der englischen Renaissance. Kaum ein wesentliches Dokument jener Zeit, das ihm in jahrzehntelangem Studium der Londoner Verhältnisse zur Zeit Elisabeths I. unbekannt geblieben sein dürfte. In seiner nun erschienen Biografie über den großen Dramatiker aus dem kleinen Stratford-upon-Avon, Will in der Welt - Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde, entschied sich Greenblatt also ganz bewusst dafür, Shakespeare selbst als den Autor der Werke William Shakespeares anzunehmen. Den bürgerlichen Sohn des Handschuhmachers, Amtsherrn, Bürgermeisters, Wucherers und Verschwenders John Shakespeare.

Und er verankert den großen Unbekannten Will in der Welt des sechzehnten Jahrhunderts. Hier, im anschaulich lesbar gemachten Porträt eines Zeitalters, liegt die große Qualität des New Historicists Stephen Greenblatt - weshalb die harsche Kritik mancher Shakespeare-Forscher, Greenblatt nehme für bare Münze, was als Shakespeare-Klischee überliefert sei, am Wesen seines Schreibens vorbeizielt. Greenblatt schildert mit immensem Faktenwissen das England Elisabeths I., das Wüten der Pest wie das Ringen der Protestantin - Tochter Heinrichs VIII (der bekanntermaßen 1533 dem Katholizismus den Rücken kehrte, weniger aus tiefem Glaubenskonflikt, als der Möglichkeit halber, sich scheiden zu lassen - und nebenbei die beträchtlichen Reichtümer des Klöster zu konfiszieren) - um die Verankerung des noch wackeligen neuen Glaubens, ihren erbitterten Kampf gegen Verrat. Eine Paranoia, der jene ihres Nachfolgers, des hoch nervösen Schotten Jakob I., in nichts nach stand, waren doch seine Mutter - Maria Stuart - wie sein Vater auf blutige Weise zu Tode gekommen. Der hexengläubige Jakob, Autor der Dämonologie, eines gelehrten Dialogs über Hexerei, wurde zum großen Gönner Shakespeares und seiner Truppe, die er binnen Kürze zu King's Men machte.

Greenblatt verbindet solche bekannteren historischen Fakten mit Details aus dem Alltagsleben, um Will, den zum ehrlosen Schauspielerberuf abgestiegenen Bürger und Möchte-gern-Adeligen darin zu lokalisieren, Spuren seiner (möglichen) Erfahrungen in den Texten aufzuspüren. Und, elegant beiläufig, die Fortschritte des Autors in der Gestaltung seiner Figuren aufzuzeigen - den zunehmenden Verzicht auf kausal verkettete Motivik, hin zu einer immer größeren Verunklarung der Gründe ihres Handelns - eine Entwicklung, der Respekt wie Skepsis Shakespeares vor dem Rätsel Mensch zugrunde gelegen haben mögen.

. . . real wie Hamlet

Ein Respekt, den Greenblatt zwar mitunter seinem Protagonisten gegenüber aus den Augen verliert. Was man ihm aber, in Anbetracht der Fülle an Wissen gerne nachsieht. Nicht verziehen dagegen sei dem deutschen Übersetzer und dem Berlin Verlag, dass die zahlreichen Shakespeare-Zitate nicht im Original und in keiner ausgewiesenen Übertragung angeführt wurden. Weshalb baldest möglich zu Shakespeare selbst zurückgekehrt werden sollte. Oder zu einer der zahlreichen Übersetzungen aus drei Jahrhunderten - von Christoph Martin Wieland, Schlegel-Tieck, Erich Fried oder Frank Günther -, die derzeit im Handel erhältlich sind. Auf dass sich die Frage verliere, wer realer sei, Shakespeare oder Hamlet. Beide.

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