Anna Seghers mit Tochter Ruth, Foto mit freundlicher Genehmigung von http://www.tierradenadie.de"Wenn die Leute fragen, wo ist Deine Heimat, kann ich nicht antworten..."
Interview mit Ruth Radvanyi, Tochter von Anna Seghers
Das Interview führten
Asunción Vacas Hermida und Detlef Zunker. Aus Tierra de Nadie, August 2002:

"Wenn die Leute fragen, wo ist Deine Heimat, kann ich nicht antworten..."
Interview mit Ruth Radvanyi, Tochter von Anna Seghers, geboren 1928, über ihre Erfahrungen als Kind und Jugendliche im Exil. Mit ihren Eltern und ihrem zwei Jahre älteren Bruder Peter von 1933 bis 41 in Frankreich, danach bis 1946 in Mexiko. Beide Kinder besuchten dort das französische Gymnasium und legten das Abitur ab. Nach der Schule arbeitete Ruth Radvanyi noch ein Jahr als Hilfskrankenschwester in einem Kinderkrankenhaus in Mexiko. Anschließend acht Jahre Medizinstudium in Paris. Rückkehr nach Deutschland. Arbeit als Kinderärztin in Ostberlin. Heute im Ruhestand. Ihr Bruder Pierre studierte ebenfalls in Frankreich, arbeitete dort als Physiker und lebt heute in Orsay. Ruth Radvanyi ist zweite Vorsitzende der Anna-Seghers-Stiftung. Die Stiftung hat sich laut Satzung zum Ziel gesetzt hat, noch unbekannte, Schriftsteller/innen in Deutschland und Lateinamerika durch einen Preis zu fördern.

Warum haben Ihre Eltern Sie in Mexiko auf eine französische Schule geschickt?
RR: "Sie wollten, dass wir an unsere Schulerfahrungen aus Frankreich anknüpfen konnten. Zudem hatten sie die Vorstellung, dass wir, wenn Hitler "kaputt" ist, die Möglichkeit haben sollten, mit einem französischen Abitur in Frankreich zu studieren.

Wie waren diese Schulerfahrungen für Sie?
RR: Wir sind immer mit Enthusiasmus zur Schule gegangen. Wir hatten in Mexiko einige sehr engagierte Lehrer, die ebenfalls exiliert waren. Vor allem mein Philosophielehrer Ramón Xirau ist mir auch heute noch sehr gut in Erinnerung. Er hatte eine interessante Methode, uns die Philosophien lebendig zu machen.

Welche?
RR: Wir haben eine Art Rollenspiel gemacht, in der jeder von uns einen Philosophen darstellte. Die Aufgabe war, die Theorien darzustellen und miteinander zu diskutieren. Ich war übrigens Kant. Es gab natürlich noch Plato, Marx, Descartes und viele andere. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Es passte auch sehr gut zu meiner Schulzeit in Frankreich in den dreißiger Jahren. Dort haben wir so etwas wie eine freie Schule besucht, wo es keine Hausaufgaben gab und wir uns die Themen selbständig mit Karteikarten erarbeitet haben.

Gab es auch mexikanische Mitschüler?
RR: Nur wenige. Deshalb hatten wir auch nicht so viel Kontakt mit anderen mexikanischen Jugendlichen. Es gab ein Sammelsurium von Nationalitäten in dieser Schule. Die meisten waren Kinder einer Gruppe von französischen Kaufleuten, die hier lebten.

Haben sich diese vielen Schulwechsel auf Ihre schulischen Leistungen negativ ausgewirkt?
RR: Das weiß ich nicht. Das Schwierigste war für mich der Schulbeginn. Ich habe das Lesen gleich auf Französisch lernen müssen. Ich kam mit der französischen Aussprache nicht zurecht. Das hat mich eine Menge Tränen gekostet - und meine Lehrerin wahrscheinlich auch (lacht). Aber als der Knoten geplatzt war, konnte ich bald eine Klasse überspringen. - Eine sehr gute Schülerin war ich im Gegensatz zu meinem Bruder aber nicht. Trotzdem hat mir die Schule immer viel Spaß gemacht.

Konnten Sie sich in Mexiko auf Spanisch verständigen?
RR: Wenn ich mich richtig erinnere, ging das ganz mühelos. Wir hatten viele persönliche Kontakte mit den Einheimischen über Hilfsexpeditionen, die wir mit befreundeten Quäkern in den Dschungel gemacht haben, um den armen Leuten dort zu helfen. Diese Armut der Menschen dort, das war etwas, was mich sehr bewegt hat. Ich hatte immer das Bedürfnis zu helfen. Ich glaube, das war ein Einfluss der Aura meiner Mutter. Wir haben diese Expeditionen mit Pferden gemacht. Das war sehr romantisch.

Was ist eigentlich Ihre Muttersprache?
RR: Jetzt wieder deutsch. Aber meine Sprache war bis weit in die DDR-Zeit Französisch geblieben. Wenn ich zähle, mache ich das heute noch meist auf Französisch. Gesprochen habe ich zu Hause mit meinem Bruder nur Französisch, aber mit den Eltern Deutsch.

Was empfinden Sie bei dem Wort "Heimat"?
RR: Wenn die Leute fragen, wo ist Deine Heimat, kann ich nicht antworten. Kulturell beheimatet war ich lange Zeit in Frankreich. Die DDR war vielleicht auf der anderen Seite meine Heimat. Denn Franzose kann man nicht werden. Und ich wollte irgendwann mal zu Hause sein. Wahrscheinlich bin ich deshalb nach Deutschland zurückgekehrt. Und in die BRD wollte ich nicht. Da gab es für mich zu viele Nazis. Die Leute sprechen immer von Identität. Meine Identität ist "Mensch".

Was hat Ihnen die Zeit in Mexiko in Mexiko gegeben?
RR: Ich habe viele gute Erinnerungen an Mexiko. Viele fragen, ob die Emigration nicht furchtbar für mich gewesen sein muss. Ich bin ja mit fünf Jahren weggekommen aus Deutschland. Da kann ich nur antworten, dass sie für mich eine Bereicherung war. Frankreich und Mexiko haben mir enorm viel gegeben. Auch die acht Jahre Studium in Paris haben mich sehr bereichert.

Haben Sie Mexiko noch einmal besucht?
RR: Nein ich habe so eine Macke, dass ich nicht gerne an Orte zurückkehre, die mir mal wichtig gewesen waren. Ich hätte es machen können, aber ich wollte nicht.

Was für Empfindungen haben Sie heute zu Mexiko?
RR: Liebe. Natürlich Liebe. Sie haben uns aufgenommen. Sie haben phantastische Bewohner. Und ich denke dabei immer an die Erzählungen meiner Mutter "Crisanta" und "Das wirkliche Blau".

Was für ein Verhältnis haben sie zu der Literatur Ihrer Mutter?
RR: Ehrlich gesagt, ich habe die Bücher früher nur wenig gelesen. Vielleicht war es eine Abwehrreaktion. Wir liebten uns, aber unsere Bahnen waren immer getrennt voneinander. Mehr von ihren Werken gelesen haben ich erst nach der Wende 1989, als sie so angegriffen wurde.

Haben Sie die Ängste und Schwierigkeiten gespürt, mit denen auch Ihre Eltern im Exil konfrontiert waren?
RR: Kaum. Meine Mutter hat mit uns damals nur selten über ihre Sorgen gesprochen. Und später noch weniger. Das finde ich im Nachhinein schade. Ich hätte ihr gern geholfen. Außerdem hatte meine Mutter ein Prinzip. Sie wollte, dass wir so weit wie möglich ein normales Leben führen. Ich glaube, das ist ihr gelungen. Und Bildung war für sie sehr wichtig. Deshalb legte sie großen Wert darauf, dass wir in allen Exilstationen so schnell wie möglich zur Schule gingen, damit wir einen festen Rhythmus haben. Ich glaube, wir sollten nicht rumlungern. Das haben wir aber trotzdem gemacht.

Gibt es ein Lieblingsbuch aus dem Werk Ihrer Mutter?
RR: Vielleicht die "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok".

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