Helmut
Seethaler und die Literaturform des Zettelgedichtes
Ein Poet
an der Wäscheleine
Besprechung von Alexander
Glück in der Wiener
Zeitung, 21.8.1998/1.3.2005:
Im Jahr 1650 schrieb
Georg Philipp Harsdörffer, Mitglied
der noblen „Fruchtbringenden Gesellschaft", im Vorwort zu einem Grundlagenwerk
über die Dichtkunst: „Wie nun kein Acker so schlecht/ und unartig zu finden/ den
man nicht durch Fleiß/ und beharrliche Pflegung/ und Arbeit solte fruchtbar
machen können: Also ist auch keiner so unreines Hirns/ der nit durch Nachsinnen/
auf vorher erlangte Anweisung/ (welche gleichsam der Wuchersame ist/) eine
gebundene Rede/ oder ein Reimgedicht zusammenzubringen solte lernen können:
iedoch einer viel glücklicher als der andere."
Das Buch, in welchem dies steht, trägt den Titel: „Poetischer Trichter. Die
Teutsche Dicht- und Reimkunst/ ohne Behuf der Lateinischen Sprache/ in VI.
Stunden einzugiessen" - bekannter unter der Bezeichnung „Nürnberger Trichter".
Das Werk ist längst vergessen, denn die Dichtkunst ist mittlerweile frei · so frei, daß sich kaum jemand mehr fragt, wozu sich zwei Zeilen eigentlich reimen sollten. Dichtkunst heute ist: etwas niederzuschreiben, damit etwas zu meinen, und alles auf sehr individuelle, künstlerische Art zu tun. Bei Helmut Seethaler, dem Wiener Zetteldichter, liest sich das so:
„weltweit erfahren millionen täglich zur selben zeit für millionen gleich unwichtiges da es aber millionen erfahren noch dazu zur selben zeit glauben millionen es muß für millionen gleich wichtig sein"
Böswillig wäre es, für die vorletzte Zeile den Konjunktiv einzufordern oder sich zu fragen, welche Millionen was erfahren, und warum das so unwichtig ist. Es gibt ja schließlich auch jene Technik intuitiven Schreibens, bei der man es entweder der Zeit oder dem Leser oder beiden überläßt, Sinn in die Worte zu legen. Allgemeingültigkeit kann man daher nicht erwarten; für jeden Leser kann der Zettel ein anderer Denkanstoß sein.
Selbstgedichtetes auf Bäumen
Seit 1973 klebt Helmut Seethaler zahllose Schnipsel mit Selbstgedichtetem auf Bäume, Säulen, Laternen und Wände, und das nicht nur in Wien. Wer sich seinen Anrufbeantworter anhört, erfährt fast jedesmal von Einladungen, die den rührigen Poeten immer wieder in ferne Länder führen. Wieder daheim, ist er des öfteren mit neuen Strafanzeigen konfrontiert, die von eifrigen Behörden gegen ihn veranlaßt werden. Lieblingsfeind Seethalers sind die Wiener Verkehrsbetriebe, die durch die „Entfernung der Verschmutzungen" ein in seinen Augen wertvolles Stück lokaler Literatur auslöschen · er spricht von der brutalsten Kunstvernichtungsaktion der Nachkriegsgeschichte.
„nachrichten gibt es immer mehr aber sie richten sich nur nach denen die sie auswählen (lassen) je mehr nachrichten über unwichtiges umso mehr bleibt wichtiges verborgen weltweit wird millionen täglich zur selben zeit für millionen gleich wichtiges verschwiegen"
In der Technik des Schreibens unterscheidet sich Seethaler kaum von seinen Dichterkollegen. Die Art, wie die Werke publiziert werden, ist jedoch völlig fremdartig und steht verbindungslos neben dem regulären Literaturbetrieb. Seethaler · der ohne jede Verbindung zu Dichterkreisen oder Kaffeehausliteraten arbeitet und schon deshalb noch in keiner zeitgenössischen Anthologie gelandet ist · schreibt, kopiert, schneidet aus und zieht mit diesen Zettelchen in die Stadt. An einem geeigneten „Tatort" zückt er eine Rolle Klebeband, umwickelt damit ein dafür geeignetes Objekt, so daß die klebende Seite nach außen zeigt, und fängt an, die mitgebrachten Zettelchen auf dieser klebrigen Fläche anzubringen, damit man sie abpflücke und mit nach Hause nehme. Wie nach einem geheimen Drehbuch kommt dann in der Regel eine aufgebrachte Stationswartin herbeigeeilt und fängt an, die Gedichte herunterzureißen. An einer größeren Säule ist dann vielleicht zu beobachten, wie der Poet auf der einen Seite Gedichte anbringt, und die Vertreterin der Verkehrsbetriebe sie auf der anderen Seite wieder entfernt. Hier wird geklebt, da abgerissen, und dann wieder hier abgerissen und da geklebt.
„Was nützt es, im Recht zu sein und keine Mittel zu haben, das Recht durchzusetzen? Denn meist haben die, die im Unrecht sind, genügend Mittel, das Unrecht zu verteidigen."
Neuerdings ist der Poet im Recht. Er zieht ein Urteil des Obersten Gerichtshofes aus der Tasche, demzufolge seine Zettelgedichte und die Art der Präsentation Kulturgut und demzufolge zu schützen sind. Seethaler ruft die Polizei. In oben erwähntem Fall wurde die Stationswartin davon überzeugt, daß es nicht sinnvoll ist, alle zehn Minuten einen Polizeieinsatz mit anschließender Protokollarbeit zu provozieren. Nachdem der Dichter mittlerweile weit über 1.000 Anzeigen kassiert hat und zweimal inhaftiert war, ist er inzwischen mit Hilfe eines Gutachtens und des Gerichtsurteils anerkannter Künstler, der in der Ausübung seiner Arbeit eigentlich nicht behindert werden darf. Weil sich der Kunstbegriff mittlerweile völlig von der Forderung nach Können gelöst hat, definieren die Künstler heute überwiegend selbst, welchen Stellenwert ihre Arbeit hat.
Zwischen geistreichem Aphorismus und Binsenweisheit liegt oft nur ein kleiner Schritt, besonders dann, wenn sich nach 24 Jahren allmählich Wiederholungen einstellen. So werden die Ungereimtheiten Seethalers, die allesamt noch den aus sentimentaler Besinnung und sozialgerechter Utopie gebildeten Geist der siebziger Jahre atmen, von denen, die sie schon kennen, nur noch gelegentlich wahrgenommen.
Aber darum scheint es auch nicht zu gehen. Es ist nicht wichtig, ob hier Literatur stattfindet oder nicht · wichtig ist offenbar nur, daß der Schriftsteller auf die Grenzen einer scheinbar freien Gesellschaft aufmerksam machen kann, die man sonst gar nicht wahrnehmen würde. Hinter der Figur des Dichters verbirgt sich ein Gesellschaftskritiker, der in der Pose eines Freigeistes lebendige Literatur (k)leben will und dabei von den uniformierten Ordnungshütern im Sinne eines Obrigkeitssystems nach Kräften behindert wird.
Der Vorzeigefeind
Diese Klischees, nach denen Uniformierte prinzipiell abzulehnen und Nichtuniformierte prinzipiell gutzuheißen sind, kann man heute als wirklich unzeitgemäß abtun. Möglicherweise ist aber Helmut Seethaler auf diesen Vorzeigefeind angewiesen: Unbedingte Voraussetzung für seinen Erfolg sind doch die amtlichen Gegner des schaffensfrohen Schriftstellers, dem durch seinen Status als behördlich Verfolgter weit mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als jedem anderen, der vielleicht genausogut schreibt, aber sich auf den regulären Buchbetrieb eingelassen hat und deshalb, mitunter zu Recht, unbeachtet bleibt.
Und tatsächlich: Seethaler hat Anfang der siebziger Jahre ein Buch veröffentlicht, fiel damit aber bösester Kritik zum Opfer. Wenn auch der Weg durch einen jahrzehntelangen Behördenkrieg zermürbend und steinig war, so hat Seethaler trotzdem den Sieg davongetragen: Er ist, was er schon 1973 sein wollte, nämlich ein anerkannter Dichter und Künstler. Doch nun, wo er anerkannt und etabliert ist, muß er einen starken Rückgang seiner Einnahmen hinnehmen, die er bei seiner Arbeit von vielen anonymen Mäzenen zugesteckt bekommt. Hatte er vor einigen Monaten noch etwa 8.000 Schilling im Monat, so ist es heute gerade noch die Hälfte davon.
„manche lassen sich viel gefallen um in ruhe zu leben und sind dann das ganze leben so ruhig als wären sie nicht am leben"
Nach Ansicht Seethalers würden sich klassisch gedichtete Texte für diese Art der Distribution nicht eignen. Er lehnt die „hohe" Literatur ebenso ab wie die „moderne" (der seine Texte allerdings auffallend nahe stehen), weil der Mensch auf der Straße gemeinhin kein literarisch gebildeter Leser ist. Daher betrachtet er es auch als unzulässig, von Literaturkennern auf seinen schriftstellerischen Wert hin abgeklopft zu werden. Anderseits stellt er sich seit fast einem Vierteljahrhundert eben dieser Kritik zur Verfügung. Bei diesen Zetteltexten handelt es gewiß nicht um Gedichte im eigentlichen, auf Vers und Reim bezogenen Sinn. Die fraktalen Gedankentrümmer, die da an den Bäumen hängen, haben eher etwas Verdichtetes an sich · es sind komprimierte Ideen, zuweilen Aphorismen, und aus allen schimmert der als leises Gewissen daherkommende bläßliche Rest sozialistischen Gedankengutes.
Literarischer Wert läßt sich kaum ausmachen, wenn man sich die Texte auf den Zetteln durchliest. Sie sind zum guten Teil nicht gedichtet, weder im klassischen Sinn noch in Hinblick auf reimlos verdichtete Gedanken, manche sind sogar orthographisch oder grammatisch fehlerhaft, und in zahlreichen Fällen ist dem Autor die bei so kurzen Texten überaus wichtige geistige Pointe nicht sehr überzeugend geraten.
Anderseits fasziniert die unbefangene Art, sich auszudrücken · eine Fähigkeit, die viele Menschen bereits verloren haben. Erwin Ringel warf in der immer wieder lesenswerten „Neuen Rede über Österreich" den Menschen in diesem Land eine Scheinfreundlichkeit vor (er wandelte den Begriff noch mit einem treffenden Wortspiel ab) und beschreibt die Unfähigkeit der Österreicher, sich auszudrücken: „Jedenfalls haben wir zu reden gelernt, ohne Gefühle ausdrücken zu dürfen, und damit verlernt, sie ausdrücken zu können, wir verstecken uns also vor den anderen. Sprachnot hat in diesem Sinne Entfremdung und Isolation zur Folge." Vor diesem Hintergrund nimmt man es dankbar wahr, wenn sich jemand auf den Weg macht, seinen Mitbürgern zu zeigen, wie man seine Gefühle äußert. Zugleich liegt hierin die Erklärung für den Umstand, daß Seethaler es in Wien immer viel schwerer gehabt hat als anderswo.
Wenn aber diese Texte überwiegend eine Art Konfektionsware darstellen, in der immer gleichbleibende Aussagen mit gleichbleibenden Wortmustern verpackt werden, und nur ein kleiner Teil von wirklich zwingender Schlüssigkeit und Kompaktheit geprägt ist, stellt man sich die Frage, warum der durch ein Vierteljahrhundert geübte Poet sich nicht wenigstens äußerlicher Perfektion bedient. Ein Gedicht in Reimen zu verfassen oder einen Satz so zu gestalten, daß er durch sein Gefüge aus Hebungen und Senkungen, aus hellen und dunkleren Silben Klang bekommt, ist beileibe nicht schwierig; selbst wenn man überkommene Stilkorsetts ablehnt, so kann man sich ja dennoch an ihnen schulen, um sie dann zu verwerfen. Oder anders gesagt: Wer jahrhundertealte Schemata künstlerischen Schaffens nicht aus tiefer Einsicht in ihre Unzulänglichkeit über Bord wirft, sondern weil sie ihm zu komplex und zu schwierig sind, verrät sich dadurch selbst. Deshalb ragt Seethalers Werk nicht aufgrund besonderer Güte aus dem Ozean sozialkritischer Basisliteratur heraus, sondern: weil es auffällt.
Das Anliegen dieses Klebeliteraten ist die Auffälligkeit in einer unauffälligen Gesellschaft. Seine Aktionen sind nichts weiter als die Aufforderung: „Seht her, ich mache etwas, was auffällt und aneckt · und Ihr könntet das auch!"
„bevor wir die verändern die dafür sorgen daß wir immer müder werden ohne veränderungen geschafft zu haben müssen wir die verändern die sich mit der müdigkeit arrangieren und es sich in ihr bequem machen: UNS SELBST"
Es ist offensichtlich, daß der Anti-Zettel-Kampf von Seiten der Verkehrsbetriebe mit kaum nachvollziehbarer Kleinlichkeit geführt wird. Mittlerweile teilt die Polarisationslinie Seethalers sogar die Wiener Stadtverwaltung, denn Verkehrsstadträtin Ederer ist erklärte Hüterin der Sauberkeit an den Verkehrsanlagen, während Kulturstadtrat Marboe dem Künstler die Stange hält. Der frühere Bürgermeister Zilk versuchte seinerzeit das Problem auf seine Weise zu lösen: „Do host zwa Bam und jetzt gibst a Ruah!" · so leicht ist es heute freilich nicht mehr, zumal sich Seethaler ja auch nicht mit seinen zwei Bäumen abgefunden hat.
Auffallen in Wien
Wer nicht in Wien aufgewachsen ist, kann einen Blick dafür bekommen, daß Auffälligkeit in dieser Stadt nicht recht möglich ist. So grotesk auch manche Erscheinungen sein können, sie sind doch nie grotesk genug, daß sich ein Passant verwundert umdrehen würde. Dazu paßt das Schicksal eines Poeten, der · statt Verwunderung und Nachdenklichkeit auszulösen · zwischen die Mühlsteine eines Verwaltungsmechanismus gerät, der ihn seit mittlerweile 24 Jahren zu zermahlen versucht. Dabei entstehen amtliche Schriftsätze, die selbst schon den Rang eines Gedichtes haben, etwa die „Aufforderung zur Rechtfertigung" einer Sachbearbeiterin Wurm, VK, im Namen eines Magistratischen Bezirksamtes. Der Schriftsatz besteht nur aus drei Sätzen, von denen aber der erste über etwa anderthalb Seiten geht und sich folgender Gestalt in 30 Abschnitte und insgesamt 60 Nebensätze gliedert:
„Sie haben das im öffentlichen Gut stehende Straßengrundstück in Wien 15., Westbahnhof 1) am 29.11.1997 um 14.10 Uhr innerhalb der Station Westbahnhof und zwar an der Frohner-Kunstwand durch das Anbringen von Zetteln, worauf Gedichte geschrieben sind, 2) am 30.11.1997 um 11.35 Uhr innerhalb der Station Westbahnhof und zwar auf einer Länge von ca. 10 Metern an der Frohner-Kunstwand durch das Anbringen von Zetteln, worauf Gedichte geschrieben sind, 3) am_ (_) (_) verunreinigt."
Ein Klagegesang ist das, dessen monotoner Rhythmus an Gebetsmühlen erinnert, und den weder Franz Kafka noch Karl Kraus besser hätten abfassen können als die Sachbearbeiterin Wurm, VK. Die Autoren magistratischer Versepik, von Seethaler mit „Des son de bestn Chronistn meina Tatn" qualifiziert, zeigen neben der Unwirksamkeit behördlicher Mechanismen auch noch deren Starrheit.
Aber wieso macht das Beispiel dieses Autors, der zugleich Sozialkritiker, öffentlicher Pädagoge und Mahner ist, nicht Schule? Diese Literaturform wirkt ja schon dadurch etwas egozentrisch, daß im Verlag Seethaler nur der Autor Seethaler erscheint, wo es doch noch etliche andere gibt, die klebenswert sind: Neben zeitgenössischen Autoren könnte man sich auch zeitlose Klassiker auf Klebezetteln vorstellen · Schiller, Lessing, Goethe, Chamisso · Neben dem Werk Seethalers könnten auch bedeutende Worte der alten Meister von den Bäumen hängen. Wäre eine Rathausumspannung mit der „Glocke" nicht auch eine wirklich gelungene Aktion, an der man sich unversehens festlesen könnte?
Vor allem wäre mit einer Erweiterung des
geklebten Spektrums eine Bereicherung möglich, zumal junge, unbekannte Literaten
die Chance hätten, wirkungsvoll und leicht an die Öffentlichkeit treten zu
können.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie in der Wiener Zeitung]
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