Gejammert
wird nicht.
„Losgehen
und Möglichkeiten atmen“ – das neue Projekt des Duos TonSatz
Ein Bericht über
Christiane
Schwarze von Karin
Soltani vom
Medienbüro "In
Worten", April 2004 für die REZENSIONENwelt:
Die eine kann nicht anders, als Geschichten und Lyrik zu Papier zu bringen, für die andere ist Komponieren lebenswichtig. Zusammen ergänzen sich die beiden außerordentlich fruchtbar im Duo TonSatz. Nach ihrem Debüt „Als Wir Uns Trafen“ legt TonSatz nun ein neues Projekt vor: „Losgehen und Möglichkeiten atmen“ ist sowohl der Titel des Buches als auch der dazugehörigen CD.
Mit hintersinnigen Kurzkrimis, lyrischen Meditationen und gefühlvollen Situationsbeschreibungen gewährt Christiane Schwarze in ihrem Buch einen weiblichen Blick auf den menschlichen Alltag. Gemeint sind nicht die Blicke, die gerne an allem, was unangenehm, unerwünscht, lästig und zu wenig keimfrei erscheint, vorbei sehen. Geerdet, mit viel Feingefühl und Realismus zeichnet die Autorin Bilder aus dem Leben von Behinderten, Pflegebedürftigen und Pflegenden, Unterdrückten, den unsicheren und nicht der sozialen Norm entsprechenden Menschen. Vor allem aber von denen, die das Leben kompromisslos lieben. Die Kraft des geschriebenen Wortes fügt sich auf der Tonsatz-CD mit den Kompositionen von Eva Batt zu einem ebenso eindringlichen wie stimmigen Einklang. Mal wie auf Samtpfoten, mal fordernd und bestimmt nähert sich Eva Batt mit vielseitiger Instrumentierung an die lyrischen Kreationen ihrer Partnerin an.
Dolmetscherarbeit auf beiden Seiten
Eine Kombination, die schon beim ersten Hörbuch der beiden Frauen stimmig war. Und das, obwohl der erste Kontakt zwischen Eva Batt und Christiane Schwarze nicht unbedingt auf eine harmonische Zusammenarbeit hindeutete. „Ich hatte Christiane angeschrieben, weil ich auf der Suche nach englischen Texten für meine Kompositionen war“, erzählt Eva Batt. „Prompt kam die Antwort, dass sie nur auf Deutsch texten würde. Ich habe dann einfach zu drei von ihren Texten Musik gemacht, und es ihr zugeschickt.“ Christiane Schwarze antwortete mit Textassoziationen zur Musik. „Da hatte ich verstanden, dass sie verstand, dass ich sie verstanden habe“, scherzt Eva Batt. „Seitdem dolmetschen wir uns gegenseitig.“
Aus der künstlerischen Verbindung wurde Liebe, und nach einem Jahr Hin- und Herfahrerei zwischen Stuttgart und Homberg/Ohm, dem 320 Kilometer entfernten Wohnort von Christiane Schwarze, „packte ich meinen Flügel unter den Arm und zog zu ihr.“ Seitdem leben und arbeiten die beiden kunstschaffenden Ladies in einem Haus, in dem man ungestört lärmen und genau dann kreativ sein kann, wann man will.
Ein gutes Jahr haben TonSatz an dem neuen Projekt gearbeitet. Setzten sich Musik und Text zum Erstlingswerk „Als Wir Uns Trafen“ zum größten Teil aus Auftragsarbeiten für Fotoausstellungen zusammen, lag die Musik von Eva Batt bei „Losgehen und Möglichkeiten atmen“ teilweise schon vor. Lyrische Kurzprosa, wie der Buchtext „Das Feuer“ wurde für die CD in einem zweiten Arbeitsgang auf die Musik getextet. Einzelne Buchtexte übersetzte Eva Batt ins Spanische. „Auf mich hat die spanische Sprache eine sehr erotische Ausstrahlung“, schwärmt die 38-Jährige.
Jeder Mensch hat eine Behinderung
Thematisch ist das neue Projekt in zwei grobe Abschnitte unterteilt. „In der ersten Hälfte geht es um Frauen und Behinderung, die zweite Hälfte schildert das Leben im Allgemeinen. Auch behinderte Menschen haben einen normalen Alltag“, sagt die 43-jährige Christiane Schwarze, die seit ihrem 21. Lebensjahr nach einem Unfall körperlich behindert ist. Nachdenklich fügt Eva Batt, die mit einer chronischen Erkrankung lebt, hinzu: „Letztendlich sind wir alle in irgendeinem Bereich behindert – jeder kann eine Sache weniger gut als andere.“
Kunst als Reflexion des eigenen Seins
Behinderungen werden – auch aus eigener Erfahrung – häufig bei TonSatz thematisiert. „Natürlich ist unsere Sichtweise parteilich“, erklärt Christiane Schwarze. „Doch wir fühlen uns zuerst als Künstlerinnen – unter anderem mit einer Behinderung.“ Eva Batt, vor ihrer Erkrankung in der Computerindustrie und im Marketing tätig, sagt von sich, dass sie als gesunder Mensch anders Musik gemacht hat. Heute geht es beiden jedoch um alles andere, als Betroffenheit zu erzeugen. Gejammert wird in keinem Fall. „Das Werden des eigenen Seins spiegelt sich in der künstlerischen Entwicklung wieder. Es ist einfach eine andere Innenschau, wenn man auf sich selber zurück geworfen worden ist und das Leben einen zum Nachdenken gebracht hat.“
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