Fallen lassen von Brigitte Schwaiger, 2006, Czernin1.) - 2.)

Brigitte Schwaiger 1949-2010
Tragischer Tod: Der Leichnam der Schriftstellerin trieb bei Wien in der Donau - Schrieb Bestseller "Wie kommt das Salz ins Meer?"
Von Isabella Pohl in Der Standard, Wien vom 26.07.2010:

"Wenn ihr nicht wisst, was ihr rettet, dann rettet es nicht. Es ist nicht euer Leben, es ist unantastbar, mein Leben, für euch, auch wenn ich es zerstören will." Die oberösterreichische Autorin Brigitte Schwaiger ist tot. Ihre Leiche wurde gestern Vormittag in Wien in der Donau treibend aufgefunden. Sie setzte ihrem Leben mit 61 Jahren offenbar ein Ende.

Schwaiger wurde 1949 in Freistadt geboren. In ihrem letzten Buch "Fallen lassen" (2006, Czernin Verlag) schildert sie ihr "Nazi-Elternhaus" und sexuelle Gewalt durch ihren Vater. Sie verliebte sich später in einen spanischen Tierarzt, mit dem sie eine kurze, unglückliche Ehe führte. Wenige Jahre danach erschien ihr erster Roman: "Wie kommt das Salz ins Meer" (1977), ein Bestseller, der sich eine halbe Million Mal verkauft hat. Es ist ein trostloses, lakonisches Buch, in dem die damals 28-Jährige einen tristen Ehealltag im Kleinbürgermilieu beschreibt und die Befreiungsversuche der weiblichen Ich-Erzählerin aus der sie einengenden Welt.

Erst vor wenigen Jahren sagte die Borderlinerin Schwaiger, sie hätte den Schock, über Nacht berühmt geworden zu sein, nicht verwunden: "Ich war doch so jung und so verträumt." Mit ihrem Roman sei sie "zu weit gesprungen", seitdem fühlte sie sich als "Ausgeschlossene". Sie bewunderte Elfriede Jelinek, auch wegen ihrer Stärke. Jelinek habe ihr einmal geschrieben: "Brigitte, sauf nicht so viel! Nimm Psychopharmaka und schreib! Du kannst es."

Und Brigitte Schwaiger schrieb, doch ohne je an den Erfolg ihres Debütromans anknüpfen zu können. Ende der 90er-Jahre war sie "kaputt vom Nachgrübeln über mein unglückliches Leben" und ließ sich, verschuldet und mit schwerem Burnout, freiwillig in die Psychiatrie einweisen.

Lange hörte man nichts von ihr, ehe 2006 ihr schonungsloser Bericht einer jahrzehntelangen psychischen Erkrankung erschien. In "Fallen lassen" thematisierte Schwaiger ihre Depressionen und Suizidversuche. Über sich und ihre Mitpatienten auf der Wiener Baumgartner Höhe schrieb Schwaiger: "Wir sind die letzte Klasse in Österreich, in Europa, die letzte Klasse überall auf der Welt". Als psychisch Kranker fühle man sich wie "der letzte Dreck". Eindringlich ist Schwaigers Beschreibung eines Teufelskreises, der den Erkrankten zwischen Fremd- und Selbstverachtung gefangen hält. Aus diesem Kreislauf konnte sie sich nicht befreien.

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Fallen lassen von Brigitte Schwaiger, 2006, Czernin2.)

Autorin Brigitte Schwaiger verstorben
Die 61-jährige Autorin wurde in Wien leblos in der Neuen Donau entdeckt. Mit "Wie kommt das Salz ins Meer" landete sie einen Bestseller.
Von Peter Pisa im Kurier, Wien vom 26.7.2010:

Es muss ein Schock für sie gewesen sein, über Nacht berühmt zu werden. 28 war die Oberösterreicherin, als ihr Roman "Wie kommt das Salz ins Meer?" 1977 erschien. Ihr Debüt. Thema: eine monotone Ehe. Ein autobiografisches Buch. Eine halbe Million Exemplare wurden verkauft. Es war eine österreichische Literatur-Sensation. Und sie war auch eine.

Das war bestimmt ein Schock. Brigitte Schwaiger hat es selbst gesagt. Dass sie danach in ein Loch fiel, das hat sie stets bestritten. Auch in einem ihrer letzten Interviews. Da rauchte sie nicht mehr "nur" 60 Zigaretten am Tag, sondern zwei Zigaretten gleichzeitig.

Brigitte Schwaiger ist tot. Die Leiche der 61-Jährigen wurde Montag in einem Seitenarm der Donau zwischen Jedleseer Brücke und Nordbrücke entdeckt. Eine Obduktion wurde angeordnet. Obwohl niemand zweifelt, dass sie selbst sich Gewalt angetan hat. 1949 wurde sie als Arzttochter in Freistadt geboren. Ihre Großmutter, die Opernsängerin Carola Seligmann (Künstlername Angeli) war im KZ Theresienstadt ermordet worden.

Sie studierte ein paar Semester Psychologie, Germanistik und Romanistik in Wien. Sie heiratete einen spanischen Offizier. Die Ehe hielt nur vier Jahre. Was kam nach dem "Salz? "Ich war zu weit gesprungen", hatte Brigitte Schwaiger einmal bekannt. Es kamen Romane wie "Der Himmel ist süß" und "Die Galizierin", die keinen Erfolg hatten. Es kamen Schulden, es kam die Isolation, und psychische Probleme traten auf, Depressionen, ein Burn-out-Syndrom, Borderline, Selbstverachtung.

Stimmen hörte sie zum ersten Mal, als sie 48 war. Sie fühlte sich von ihnen kontrolliert, sah nur noch schwarz-weiß und begab sich eines Tages - das war vor etwa acht Jahren - freiwillig als Tagespatientin auf die Psychiatrie ins Otto Wagner Spital, Pavillon 10: Sie war "so kaputt vom Nachgrübeln über mein unglückliches Leben ..." Und im Spital? Strickte sie. Nähte Bettwäsche. Und fühlte sie sich als "unnützer Esser", als "Dreck".

Darüber schrieb Brigitte Schwaiger 2006 "Fallen lassen", schonungslos offen, auch über ihre Selbstmordversuche. Sie hatte das Schreiben nicht verlernt. Nie. Dieses verzweifelte Buch, erschienen im Wiener Czernin Verlag, war endlich wieder eines, das wahrgenommen, gelobt, das gefeiert wurde. Als "wunderbar" konnte man es freilich nicht bezeichnen. Brigitte Schwaiger schrieb über sich und alle psychisch Kranken: "Wir sind die letzte Klasse in Österreich, letzte Klasse in Europa, letzte Klasse überall auf der Welt."

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