Ingo Schulze, 2002, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
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Adam und Evelyn von Ingo Schulze, 2008, Berlin VerlagAm Zuschneidetisch der Weltliteratur
Ingo Schulze und 18 Übersetzer debattieren im Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen über die Liebesakt-Tauglichkeit des Mobiliars und andere Details aus Schulzes Roman "Adam und Evelyn".
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 6.05.2008:

Hier, wo die putzigen Erkerchen und Giebelchen von den Dächern pfeifen, wie nahe die Niederlande sind, kann man zwischen zwei Welten übers Ziegelsteinpflaster schlendern. In der Kuhstraße, durch die früher die Bauern ihr Vieh zum Markt trieben, jagen rechts die Hausfrauen ihren flüchtigen Kindern und den Sonderangeboten des Tages hinterher – und links, in einem der schnuckeligsten Häuser der oberschnuckeligen Altstadt von Straelen, wird Weltliteratur gemacht.

Ohne die Wortwerker der Buchbranche, die hier im Europäischen Übersetzer-Kollegium ein Arbeitsparadies auf Erden haben, gäbe es überhaupt keine Weltliteratur. Und in dieser Woche knobelt, tüftelt und schmunzelt hier Ingo Schulze („Simple Stories”) mit 18 Übersetzern aus aller Herren Länder. Sie haben sich vorgenommen, Schulzes großen, heiter-erotischen Wenderoman „Adam und Evelyne” ins Tschechische zu übertragen, ins Katalanische, ins Isländische, ins Slowenische, Griechische, Holländische, Französische und und und.

Zum Stillsitzen verurteilt 

Es dürfte weit mehr Bücher geben, die sich einem gerissenen Kalkül verdanken, als solche, die aufgrund einer gerissenen Achillessehne entstanden sind. Zu den letzteren gehört allerdings „Adam und Evelyn”, wie Schulze seinen Übersetzern verriet. Er hatte gerade sein Villa-Massimo-Stipendium in Rom angetreten, da knallte es beim Fußball unterhalb der Wade - und als das Bein eingegipst war, beschloss der Mann mit der markanten Kräuselmatte, einen Roman zu schreiben, „um nicht verrückt oder melancholisch” zu werden: einmal in Rom - und dann zum Stillsitzen verurteilt. 

Eigentlich ging es ihm da nicht anders als seinem Helden Adam, dem Schneider, den die Frauen lieben, weil er Kleider schneidert, die sie noch schöner machen, weshalb die Anproben gelegentlich amouröse Züge annehmen. Gerade an dieser Stelle bewahrte eine kundige Erstleserin Schulze vor jenem beinharten Fakten-Check, der sonst erst mit der Übersetzung ins Fremde bevorsteht. „Herr Schulze”, mahnte die Frau so ernst wie schmunzelnd, „wissen Sie eigentlich, wie hoch ein Zuschneidetisch ist? Da können die Dinge, die Sie in Ihrem Buch schildern, unmöglich stattfinden!”  

Den Liebesakt verlegen? Kam für Schulze nicht in Frage. Also schrieb er etwas von einem „Tisch, an dem Adam zuschnitt.” Da ruft der aufgekratzte Übersetzer Jacob Jonia aus Dänemark in die Runde: „Aber vielleicht gibt es Zuschneidetische, die in der Höhe verstellbar sind!” Gelächter. „Ja”, gibt der Holländer Ard Postuma zu bedenken, „aber ob es die 1989 in der DDR gab?” Gelächter. „Gut”, räumt Jonia ein, „aber vielleicht hat Adam ihn erfunden...”

Und so berät die Runde, ob die Quitten in „Adam und Evelyn” ein romantisches Motiv sind, so wie das Elizabeta Lindner aus Mazedonien kennt. Und wie alt Adam (33) und Evelyn (21) sind, weil das im Koreanischen wichtig für die Wörter wäre, mit denen man sie umgibt, während er ihr an den Balaton nachreist, wo sie sich entscheiden müssen zwischen Bleiben und Gehen... Schulze und seine Übersetzer aber bleiben noch bis Freitag im Straelener Übersetzer-Kollegium. Und machen Weltliteratur.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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