„Es war eine bewegende Zeit“
Interview mit dem Schauspieler Dietmar Schönherr zum 80.Geburtstag
Von Steffen Radlmaier aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 13.05.2006:
Herr Schönherr, warum haben Sie keine Memoiren, sondern einen autobiografischen Roman geschrieben?
Dietmar Schönherr: Ich bin kein Anhänger von
Schauspieler-Memoiren. Sobald es über Kindheitserinnerungen hinausgeht, endet
das doch immer in Lobhudeleien. Das wollte ich um jeden Preis vermeiden, und
deshalb habe ich diese zwei Figuren als Alter Ego geschaffen. Beide sind natürlich
ich, das ist ja klar. Aber so kann man eine Person ganz gut beschreiben, ohne in
das Fettnäpfchen der Selbstbeweihräucherung zu treten. Die Grundidee kreist um
die Zwillinge, die sich gegenseitig beschreiben, kritisieren, anhören. Das kann
eine Ich-Erzählung nie bringen. Der eine ist eher künstlerisch orientiert, der
andere geschäftstüchtig, beide aber sind ganz große Freunde. Einmal heißt
es: „Brüder kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon.“ Daniel ist mein
Freund.
Irgendwo steht auch, dass er als Kind entweder Priester oder Schauspieler werden
wollte . . .
Schönherr: Das sind ja unglaublich verwandte Berufe. Also ich denke mal, in
beiden wird auch viel gelogen. (Lacht.) Aber im Ernst, ich sehe mich als
Schauspieler eher in der Rolle des Erziehers, weniger als Unterhalter.
Wenn Sie noch einmal wählen könnten: Würden Sie lieber Priester werden?
Bedauern Sie, dass Sie keinen seriösen Beruf haben?
Schönherr: Naja, im Buch erklärt der Protagonist, dass für ihn die
Schauspielerei ein Ausweg aus der spießbürgerlichen Enge war. Er wollte kein
so genanntes seriöses Leben führen, sondern sich lieber hinter Figuren und
Rollen verstecken.
War das bei Ihnen damals eine bewusste Entscheidung?
Schönherr: Nein, ich bin ja aus Zufall Schauspieler geworden. Ich habe sehr früh
zwei Filme gedreht und war dann jahrelang beim Rundfunk Sprecher, Regisseur und
Redakteur. Das war meine Lehrzeit. Mit 17 hatte ich mein erstes Buch veröffentlicht:
„Achtung, Aufnahme!“ über die Erlebnisse bei meinem ersten Ufa-Film.
Sie haben wie kaum ein Zweiter die Medien-und Kulturszene der letzten fünfzig
Jahre aktiv begleitet und zwar im Theater, Film und Fernsehen. Wie sehen Sie das
im Rückblick?
Schönherr: Von Anfang wusste ich, dass ich auf jeden Fall einmal im Jahr
Theater spielen wollte. Das habe ich auch durchgehalten. Ich habe unter anderem
in Wien und Berlin gearbeitet, vor allem aber 15 Jahre lang am Schauspielhaus Zürich.
Zuletzt habe ich 1999 König Lear gespielt. Aber das Theater, das wir gemacht
haben, gibt’s nicht mehr. Heute gibt’s Regietheater, heute werden die Stücke
verhackstückt, man hört keinen Shakespeare mehr, sondern den jeweiligen
Regisseur. Damit habe ich nichts zu tun. Wenn ich mir das ansehe, bin ich regelmäßig
enttäuscht und entsetzt, und oft gehe ich in der Pause.
Bedauern Sie diese Entwicklung?
Schönherr: Ja, es tut mir leid. Theater muss ein Spiegel der Gesellschaft sein,
aber ich will keine Fäkalsprache hören oder Figuren beim Onanieren auf der Bühne
sehen. Natürlich kann Theater modern sein, aber Werktreue ist für mich kein
Schimpfwort.
Sind Sie auf Ihre alten Tage konservativ geworden? Schönherr: Nein, überhaupt
nicht. Aber wenn man jedes historische Thema im Straßenanzug oder Jeans spielt,
wo ist da bitte der große Einfall? Ich liebe ein bestimmtes Theater, das ich
schon lange nicht mehr gesehen habe.
Und wie steht’s mit dem Kino?
Schönherr: Dem deutschen Kino geht’s viel besser als dem Theater. Da werden
Geschichten erzählt, die in unsere Zeit gehören. Es gibt sehr gute junge
Filmregisseure. Zuletzt habe ich mir „Das Leben der Anderen“ angeschaut. Da
kann ich nur sagen: Bravo! Aber auch ich selbst habe in den letzten Jahren in
interessanten Filmen mitspielen dürfen. Zum Glück kann ich noch gerade gehen
und gerade sprechen, deswegen bin ich auch noch im Alter gefragt. (Lacht.)
Im Fernsehen waren Sie mit „Wünsch Dir was!“ ein Pionier der großen
Familienshow und mit „Je später der Abend“ der Talkshows . . .
Schönherr: Damals hatten wir riesige Einschaltquoten, es gab ja auch noch nicht
so viele Kanäle wie heute. Früher dachte ich auch, dass eine Programmvielfalt
nur nützlich sein kann. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Es wird
zu viel nach der Quote geschielt, vor allem bei den Öffentlich-Rechtlichen. Das
ist falsch, denn die haben einen Bildungsauftrag und kriegen Gebühren. Also: Es
gibt sehr gute Informationssendungen und Dokumentationen, aber es gibt auch
wahnsinnig viel Schrott.
Sie haben Ihre Popularität für Ihr politisches Engagement genutzt, zum
Beispiel für Nicaragua. Wie kam das?
Schönherr: Angefangen hat das mit einem Dokumentarfilm, und dann bin ich
irgendwie in die Friedensbewegung reingerutscht. Ich war bei Blockaden in
Muthlangen dabei an der Seite von Heinrich Böll und
Günter Grass, da hat man
ja tolle Leute getroffen. Es war eine bewegende Zeit.
Woher rührt Ihr Engagement für Nicaragua?
Schönherr: Es war eigentliche eine Folge der Blockaden in Muthlangen. Ich
wollte nicht nur protestieren, sondern etwas Positives bewirken. Auf Einladung
von Ernesto Cardenal kam ich 1985 nach Nicaragua, ahnungslos in
Entwicklungshilfe, immerhin damals schon 59 Jahre alt. Nach verschiedenen
Projekten haben wir in Granada das wichtigste Kulturzentrum Zentralamerikas
realisiert. Das ist eine Musik-, Theater- und Kunstschule, es gibt Lesungen und
Konzerte. Ich kämpfe dafür, dass das eine Kunstuniversität wird. Man hält
mich dort für einen Verrückten oder noch schlimmer für einen Heiligen. Ich
habe einen Ehrentitel, den wahrscheinlich kein anderer Ausländer hat: ich bin
der „vielgeliebte Sohn der Stadt Granada“. Das bedeutet mir sehr viel.
Ist Nicaragua auf dem richtigen Weg? Schönherr: Das Erlernen der Demokratie ist
offenbar etwas sehr Schwieriges. Wir wissen das ja aus eigener Erfahrung.
Nicaragua ist wieder eine Bananenrepublik. Dieses Jahr sind Wahlen, man wird
sehen, wie sich das entwickelt.
Stichwort „Raumpatrouille“, längst eine TV-Serie mit Kultstatus. Sie
spielten den coolen Commander.War die Zukunft früher tatsächlich besser?
Schönherr (lacht): Science Fiction hat mich nie besonders interessiert. Mich
hat daran immer gestört, dass die Außerirdischen auch solche Idioten sind wie
wir. Wenn man sich das wieder vereinigte Deutschland anschaut, dann müsste doch
heute eigentlich Optimismus herrschen. Auch die große Koalition ist besser als
ihr Ruf. Sie kann etwas zustande bekommen, aber man gibt ihr keinen Kredit. Das
ist wie im Privatleben: Die Leute lassen sich viel zu schnell scheiden. Kaum
haben sie Angela Merkel auserkoren, gefällt sie ihnen schon nicht mehr. Das ist
furchtbar. Lasst sie doch erst mal arbeiten!
Apropos Scheidung: Sie sind seit vierzig Jahren glücklich mit Vivi Bach
verheiratet. Was ist Ihr Geheimnis ?
Schönherr: Geduld und Toleranz. Liebe ist die Voraussetzung, das muss dann
Freundschaft werden. Wir können uns ein Leben ohne den anderen gar nicht
vorstellen.
Was sind Ihre persönlichen Pläne?
Schönherr: Schreiben ist immer wichtiger für mich geworden. Man ist ganz bei
sich und kann machen, was man will. Ein paar Jahre möchte ich schon noch leben.
Aber vor dem Tod habe ich keine Angst. Sigmund Freud hat gesagt: Tot heißt,
keine Zeit mehr haben. Ich glaube nicht, dass ich irgendwo auf einer Wolke
sitzen und Harfe spielen werde. Das wäre ja schrecklich. (Lacht.)
Dietmar Schönherr ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der
deutschsprachigen Showszene. Der Schauspieler, der auch schriftstellerisch tätig
und politisch engagiert ist, gilt als Querdenker. Zusammen mit seiner Frau Vivi
Bach wurde er Ende der sechziger Jahre durch die TV-Show „Wünsch Dir was!“
populär. Schönherr hat in über 100 Filmen mitgespielt, war aber auch auf der
Theaterbühne ein gern gesehener Gast. Zuletzt hat er die Hauptrolle in einem
Spielfilm über Sigmund Freud übernommen (Sendung im Herbst, ZDF). Zu seinem
80.Geburtstag am 17. Mai legt Dietmar Schönherr, der auf Ibiza lebt, den
ungewöhnlichen, autobiografischen Roman „Sternloser Himmel“ (Eichborn
Verlag) vor. -
Das Interview entstand bei einer Lesung in Nürnberg.
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