Helge Schneider, Foto: Ursus Samaga

Foto: Ursus Samaga

Helge Schneider: "Eine schöne Zeit in Rot"
Der deutsche Meister der absurden Musik-Comedy begeisterte am Wochenende in der Wiener Stadthalle mit seiner "Buxe voll"-Show.
Von Peter Temel aus Kurier, Wien, vom 29.05.2011:

In der deutschen Comedy-Einöde des routinierten Supermarkt-Humors ragt ein Felsen hervor, der sich in 37 Bühnen-Jahren mit seiner herrlich verdrehten Sicht auf die Welt ein verschworene Fan-Gemeinde erspielt hat. Und diese ist auch in Wien auf den Beinen, um die Stadthalle F zweimal zu füllen. Am Freitag lieferte Helge Schneider die erste Show, und hatte das Publikum, nachdem er zunächst schelmenhaft auf die Bühne gehumpelt war, binnen Sekunden um den Finger gewickelt. Mit dem schlichten Satz: "Ich musste lachen - wegen Wetter!"

Kurz vor der Vorstellung ging nämlich ein sintflutartiger Regen auf Wien nieder, manche Zuseher gelangten ähnlich durchnässt in die Stadthalle, wie Schneider in der Zeitungsausträger-Szene in seinem Film "Jazzclub".

Nonsens-Humor und Tee

In einem riesigen Jazzclub in "rotem Plüsch-Scheiß" wähnte man sich auch, als Schneider mit seiner Band in der in roter Farbe gehaltenen Konzerthalle die ersten flinken Nummern hinlegte ("Texas"). Bei allem wendigen Nonsens-Humor ist der Mülheimer freilich auch ein Meister an Klavier, Orgel und Vibrafon. Seine Band besteht aus dem diabolisch solierenden Gitarrero Sandro Giampietro, Schlagzeuger Willi Ketzer (Schneider: "Den Namen muss man sich nicht merken!") und Rudi Olbrich am Kontrabass. Den "76-jährigen" Rudi Kontra verhöhnte Schneider immer wieder als alten Greis. Schlimmer geht es da nur Teekoch Bodo, der als in Livree gekleideter stummer Diener Schneider immer wieder mit Tee versorgt - oder besser gesagt mit heißem Wasser, den Teegeschmack müsste man sich in der "Fantasie" dazudenken, so Schneider. Seine Tee-Gags sind noch immer ein verlässlicher Brüller.

Helge Schneiders neues Programm ist eigentlich keines. Er macht, was er eigentlich immer tut - mischt bewährte Nummern (Roy Black-Schlagerparodie "100.000 Rosen") mit neuem Material ("Der Schönheitschirurg von Banania") und leitet mit seinen unnachahmlichen, teils improvisierten Monologen über die Kunst der Übertreibung, das Fernseh-Programm oder Busen-Verlängerung von einem Song zum nächsten über.

Rockabilly-Wurstfachverkäuferin

Manche seiner Lieder steckt er in ein komplett neues Kleid. So wird aus "Der Wurstfachverkäuferin" eine schmissige Rockabilly-Nummer. Und bei "Meisenmann" kündigt er - weil es ihm sonst zu langweilig sei - hinterlistig an, einen neuen Text zu singen und überdies auch eine komplett andere Melodie. Da muss Helge wieder einmal über sich selbst lachen. Zunächst stimmt er den Evergreen auf Wienerisch an, und dann, als er doch zur bekannten Melodie umschwenkt, baut er die Geschichte so um, dass letztendlich Frau Meise mit einem Adler im Kinderwagen bei H&M shoppen geht. Das skurrile Bild ist komplett, als auch noch "Überraschungsgast" und Stimmungstänzer Sergej Gleithman seinen grauen Bart und seine dünnen Arme durch den Saal fliegen lässt - elastisch wie eh und je - auch auf der mitgebrachten Gummimatte.

Überhaupt liefern die älteren Semester auf der Bühne eine Show ab, deren Motor zwei Stunden lang wirklich nie ins Stottern gerät. Allen voran natürlich Helge Schneider, der mit seinen hemmungslos verqueren Assoziationsketten das Publikum im Zustand des Dauerlachens hält. Hat man einmal kurz das Gefühl, jetzt könnte sich der Musikclown in einer Sackgasse verrennen, fällt Schneider sofort wieder eine überraschende Volte ein, die er dann natürlich noch einmal wendet. Da möchte man einigen Leuten, die sich "Stand-Up-Comedians" nennen, zum Besuch der Show raten. Und wenn er minutenlang ein spanisches Kauderwelsch hinlegt, plötzlich zum lebenden Brett mutiert oder gar Moonwalk-ähnliche Hüftschwünge einsetzt, dann frisst ihm das Publikum ohnehin aus der Hand.

Parodie einer Show

Phänomenal ist es, zu beobachten, dass Schneider in seinen Parodien des Showgeschäfts ("Jetzt sitzt er da, der alte Star") und seinen verdrehten Weltbeobachtungen praktisch nie auf Platitüden verfällt. OK, ein einziger Fall fürs Phrasen-Sparschweinderl war dabei: "Ich bin noch nie geflogen - außer von der Schule". Der Satz tauchte in dem Song "Die Geschichte von Johnny Klaus" auf. Diese schräge, tiefschwarze Country-Moritat wächst sich allerdings zum abschließenden Höhepunkt der Show aus. Einzigartig und elegant, wie Schneider in dieser Auswanderer-Story wie aus dem Handgelenk den amerikanischen Traum scheibchenweise (sic!) zerlegt.

Nach Jubelstürmen trat Schneider noch einmal alleine ans Klavier und spielte eine Art Gute-Nacht-Lied. "Es war eine schöne Zeit in Rot" meint er - wieder in Anspielung auf die Innenfarbe der Stadthalle. Unter Verweis auf die vorangeschrittene Zeit singt er "Lasst uns langsam das Zeitliche segnen" Und: "Ihr seid frei". Man lässt sich allerdings gerne gefangen nehmen von diesem kreativen Feuerkopf. Und fühlt sich jedenfalls frei von jedem trüben Gedanken.

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