Wie sehen die denn aus?
Dichter und ihre Porträts. Ein Gespräch mit der Physiognomik-Expertin Claudia
Schmölders.
Das
Gespräch führte Ursula März, DIE ZEIT, 18.1.2007:
Hauptsache, sie schreiben gute Bücher. Ob sie gut aussehen oder nicht, kann uns eigentlich egal sein. Aber der Ausdruck des Gesichts der Schriftsteller interessiert uns und deshalb auch das Dichterporträt, das Dichterfoto. »Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers« heißt ein Aufsatz von Wilhelm Genazino, der das Faszinosum beschreibt. Das Marbacher Literaturmuseum zeigt gegenwärtig die Ausstellung »In der Geisterfalle«: Schriftstellerfotografien, 500 Bilder, eine kleine Auswahl aus den gigantischen Beständen seines Archivs. Wir haben uns Schriftstellerbilder aus den Frühjahrskatalogen der Verlage angesehen.
DIE ZEIT: Was zeigt das Foto von Jonathan Franzen auf dem neuen Verlagsprospekt von Rowohlt? Wir vermuten natürlich, dass es sich um einen Schriftsteller handelt. Was erfahren wir durch sein Bild?
Claudia Schmölders: Ich sehe einen jungen Mann mit kurzen Haaren, angedeutetem Mittelscheitel, leichtem Lächeln, offenem Hemd, Jackett. Einen freundlichen jungen Mann.
ZEIT: Typ fröhlicher Buchhalter, oder?
Schmölders: Er könnte auch Computerfachmann sein oder ein Lehrbeauftragter an der Universität, vielleicht angehender Privatdozent. Auf jeden Fall vermittelt die Brille einen intellektuellen Touch. Er hat auch etwas Weiches mit der nach oben gebogenen Nase, um nicht zu sagen Stupsnase.
ZEIT: Wir erwarten vom Dichterporträt etwas Literarisches. Diese Erwartung wird in diesem Bild gerade nicht erfüllt. Es zeigt eher das Gegenteil.
Schmölders: Richtig. Das Lächeln vermittelt den Eindruck, dass alles nicht so schwierig ist, die Dinge gehen diesem Mann leicht von der Hand, er hat die Sache im Griff, er ist nicht alt geworden über seinem Buch. Er hat, will er uns mit diesem Bild sagen, keine Tragödie mit dem Buch erlebt. Man könnte auch sagen, weil das Bild ja auf dem Titel des Verlagsprospektes steht: Er hat mit dem Verleger keine Tragödie erlebt.
ZEIT: Also nichts von dem, was wir mit dem traditionellen Dichterporträt verbinden, Melancholie, Genialität, eine Tendenz zum Leid, ein bisschen Wahn, Entrücktheit, ästhetische Pose und diese Dinge. Das ist alles nicht zu sehen. Erstaunlich nur der Titel des neuen Buchs von Franzen, es heißt Die Unruhezone.
Schmölders: Ach!
ZEIT: Es scheint darin um arge Ängste und Nöte aus Franzens Jugend zu gehen. Das Bild sieht doch gerade nicht nach Unruhezone aus.
Schmölders: Na ja, dann erfahren wir in dem Bild etwas über Franzens erfolgreiche Bewältigung der Probleme. Die Botschaft des Bildes ist ja sehr, sehr sachlich, neoneosachlich, im Grunde eine rein biologische Botschaft. Er könnte übrigens auch ein Sportler sein, vielleicht Tennisspieler.
ZEIT: Ich suche in Autorenporträts auch immer eine Botschaft über das Verhältnis zwischen Literatur und Fotografie. Es ist ja eine Art natürliches Konkurrenzverhältnis. Und jeder fotografierte Schriftsteller nimmt an dieser Konkurrenz unmittelbar teil. Ich bilde mir ein, in vielen älteren Dichterfotografien diesen Vorbehalt der Dichter gegen das visuelle technische Medium zu sehen. Viele Dichter schauen nicht in die Kamera, sondern zur Seite oder zur Decke oder über die Kamera weg. Sie schauen in eine Art imaginäre Ferne, also zum Buch oder zum Geschriebenen. Sie werden zwar fotografiert, aber sie gehen keinen Pakt mit der Fotografie ein. Das Bild von Jonathan Franzen drückt doch auch aus: Ich habe nicht die geringste Fotoscheu, keinen Vorbehalt gegen das Visuelle.
Schmölders: Kann sein, aber es ist keine typisch literarische Unbefangenheit vor der Kamera. Wir müssen nach Generationen, nach älteren und jüngeren Künstlern unterscheiden. Bei heutigen jungen Komponisten, Bildhauern, wem auch immer, finden Sie diesen Vorbehalt nicht. Das mag vor hundert Jahren anders gewesen sein. Im Übrigen wurden früher die jungen Autoren, die gerade mal ein Buch veröffentlicht haben, kaum abgebildet, sondern eher die älteren, höheren Chargen.
ZEIT: Jedenfalls ist in so einem Foto der klassische Pakt zwischen Buch und Seele aufgebrochen, oder?
Schmölders: Er ist wenn nicht banalisiert, so doch vereinfacht. Weil wir annehmen, dass Literatur etwas mit dem Knacken von Problemen zu tun hat, und wir möchten eigentlich schon, dass die Disposition zur Problemlösung und Problemerfassung sich im Gesicht des Schriftstellers abbildet. Das sehen wir in diesem Bild von Franzen nicht.
ZEIT: Und wir sehen kein Geheimnis, was wir von Schriftstellerbildern auch immer erwarten. Man kann nun aber auch umgekehrt sagen, das alles sind unsere Projektionen…
Schmölders: …natürlich…
ZEIT: …und es ist keineswegs ein Verlust, dass sich Schriftsteller realistischer zeigen, ohne die genialische Attitüde. Das Franzen-Bild zeigt den Schriftsteller, der mitten in die Gesellschaft gehört, zwischen Tennisspieler und Computerfachmann.
Schmölders: Ja, es gibt aber noch einen praktischen Grund für diesen Realismus. Die Autoren müssen ja einerseits im Fernsehen auftreten, andererseits auf Lesereisen. Überall sind sie live zu erleben. Das Foto ist nur noch das Kürzel, es darf nicht wesentlich anders aussehen als der Lebende. Sonst würden die Besucher der Lesungen verdrossen sagen: Ach je, so sieht er gar nicht aus, das ist doch ein ganz einfacher Junge. Sie erinnern sich vielleicht an Daniel Goldhagen, von dem dieses ungeheure Buch mit seiner grauenhaften Botschaft erschien, und als dieser nette, süße Junge hier ankam, waren wir doch alle hin- und hergerissen. Ein Autor kann sich heute hinter einem Foto nicht mehr verstecken.
ZEIT: Das heißt, ein Dichterporträt kann und darf heute nicht mehr so kultisch werden wie das berühmte Bild von Virginia Woolf. Wäre Virginia Woolf durch Europa gereist und alle drei Tage aufgetreten, hätten wir kein derart wirkungsvolles Porträt von ihr, keine Ikone weiblicher entrückter Künstlermelancholie in einem einzigen Foto.
Schmölders: Nein, sicher nicht.
ZEIT: Und dennoch schaffen wir unwillkürlich eine Verbindung zwischen dem Gesicht des Schriftstellers und seinen Büchern. Wir möchten etwas davon im Gesicht sehen.
Schmölders: Vielleicht nicht beim ersten Buch, aber irgendwann, wenn literarisch genug passiert ist, schon. Es sei denn, es ist wie bei Daniel Kehlmann. Er hat mehrere Romane geschrieben und jetzt diesen ungeheuren Erfolg, da wundert man sich doch über dieses ganz junge, glatte Gesicht, da ist gar nichts zu sehen.
ZEIT: Ja, aber was heißt gar nichts?
Schmölders: Na, im Sinne der Problembeladenheit, das Gefühl, da ist etwas passiert. Im Hintergrund ist bei mir immer das Bild von Beckett, der Eindruck, jede Furche im Gesicht dieses Mannes ist ein erarbeiteter Gedanke, wie bei den Schwielen von Menschen, die mit ihren Händen arbeiten.
ZEIT: Wir möchten die Arbeit des Geistigen sehen? Nehmen wir im Suhrkamp-Prospekt das Bild von Peter Handke, da sehen wir doch einen Schriftsteller, der wie ein richtiger Schriftsteller aussieht.
Schmölders: Ich sehe als Erstes, dass er zu meiner Freude auf einem Rohrstuhl sitzt, nicht auf einem Bankgesellschaftsledersessel, er hat ein offenes Hemd, kein Jackett, sondern ein Pullöverchen.
ZEIT: Ich sehe als Erstes den genialischen Aufblick.
Schmölders: Er ist im Profil zu sehen, ganz wichtig. Das ist schon georgemäßig.
ZEIT: Aber es gibt doch Dutzende Schriftsteller, die im Profil fotografiert wurden.
Schmölders: Ja, aber George wollte aussehen wie Dante. Die frühe Ikonografie von Fürsten war eine Profilikonografie, weil Profile von Herrschern auf Münzen waren. Das ist die Pose der Herrschaft.
ZEIT: Das Profil ist erhabener.
Schmölders: Und ist nicht durch Mimik zu entstellen. Nun hat Peter Handke aber auch eine sehr schöne hohe Stirn, die im Profil besser zur Geltung kommt als en face. Es ist ein schönes Profil, sehr regelmäßig, und man sieht sein schönes großes Ohr, dazu eine zarte Brille.
ZEIT: Dann die langen Haare. Was sagen die aus?
Schmölders: Die sind nun ganz unbürgerlich. Aber der Pullover ist auch unbürgerlich, die Beinhaltung, die ganze Szene ist unbürgerlich.
ZEIT: Und das Bild zeigt einen Schriftsteller, der sagt: Das Fotografiertwerden ist mir ganz egal. Das Verhältnis zwischen Literatur und Fotografie wird doch mit diesem Blick zum Himmel eindeutig entschieden: für das Literarische, Idealische und gegen das technische Medium Fotografie.
Schmölders: Nun müssen Sie aber beachten, dieses Bild wurde vom Verlag gewählt, um Handkes neues Buch anzukündigen. Wie heißt es?
ZEIT: Kali. Eine Vorwintergeschichte
Schmölders: Das passt perfekt. Vorwintergeschichte, das Profil wird von hinten beleuchtet, es ist also noch sommerlich, noch hell, Handke trägt einen herbstlichen Vorwinterpullover. Und Kali – das ist entweder etwas Indisches oder Kalisalz im Gestein.
ZEIT: Ich glaube, darum geht es.
Schmölders: Dann assoziiert man eher Stifter. Die Botschaft des Bildes ist auf alle Fälle Besinnlichkeit, Introvertiertheit…
ZEIT: …Geistigkeit und insgesamt das Gegenteil des Bildes von Jonathan Franzen.
Schmölders: Absolut.
ZEIT: Nie im Leben ein Tennisspieler. Man könnte auch sagen: Handke zeigt seine Haltung als Dichter, seine gegenständliche Umgebung, aber er schaut dem Betrachter, also der Öffentlichkeit nicht ins Auge. Wenn wir diese beiden so verschiedenen Bilder, Franzen und Handke, nebeneinanderlegen, kann man dann überhaupt etwas sagen über die heutige Ikonografie des Literarischen?
Schmölders: Es gibt eine enorme Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, also Schriftstellerbilder in der Manier klassischer Introvertiertheit und Bilder von Schriftstellern, die damit überhaupt nichts zu schaffen haben, die fröhlich, sachlich, professionell in die Welt schauen. Aber der Unterschied zwischen Alter und Jugend ist ausschlaggebend. Handke ist ein älterer Mann, Franzen ein junger. Handke ist außerdem eine literarische Instanz, mit der der Verlag natürlich auch werben kann. Er gehört einer Schriftstellerriege an, die schon Leben auf sich gehäuft hat. Aber in ein Bild wie das von Franzen – da muss noch etwas hineinwachsen, da muss noch eine Ikonografie kommen.
ZEIT: Sind die männlichen Autoren nicht ein bisschen im Nachteil, seit die vielen jungen attraktiven Autorinnen auf der Bühne erschienen sind, bei denen das schöne Aussehen eine große Rolle spielt?
Schmölders: Klar. Wenn wir darüber sprechen, muss natürlich das berühmte Bild von Judith Hermann erwähnt werden, das war Ende der neunziger Jahre, und zwischen dem Erfolg dieses einen Fotos und dem Erfolg des Debüts von Judith Hermann gab es kaum mehr einen Unterschied.
ZEIT: Es ist ein erstaunliches Bild, weil es alle anachronistischen Attribute des Literarischen versammelt, Melancholie, Geheimnis, Introvertiertheit, Verhangenheit. Es gehört in die Tradition der weiblichen schönen Schmerzensfrau von Woolf bis Ingeborg Bachmann, erschien aber als Frontbild des selbstbewussten, handfesten, sehr weltlichen Fräuleinwunders. Viele junge Autorinnen könnten mit ihren Fotos auch Werbung für L’Oréal machen. Das könnte Judith Hermann mit diesem Bild nicht.
Schmölders: Ich würde sagen, sie sieht auch ein bisschen aus wie Pina Bausch, der Ballerinentyp. Auch Virginia Woolf hatte etwas von diesem Ballerinentyp. Die Haare zurück, die Schatten unter den Augen, das Ephebische. Aber das Besondere ist die vortreffliche Übereinstimmung mit der Melancholie ihrer Erzählungen.
ZEIT: Das Bild war so erfolgreich, weil es einen altmodischen Touch hat, der das Literarische, das vergleichsweise alte Medium, stark betont.
Schmölders: Man kann alles Mögliche hineininterpretieren, wie in jedes Schriftstellerbild. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass es sich um unsere Projektionen handelt.
ZEIT: Das heißt, wenn wir nicht wüssten, dass Walter Benjamin Walter Benjamin ist, könnte auf dem berühmten Bild mit der aufgestützten Hand auch ein Lokomotivführer zu sehen sein, der von der Arbeit heimgekommen und ein bisschen müde ist? Es gibt ja den Ausdruck »belesenes Gesicht«. Ist das auch nur eine Projektion?
Schmölders: Ja, ich halte es für eine Projektion. Es ist vielleicht so, dass wir uns im Laufe unseres Lebens ein Archiv in unserem Gedächtnis zulegen, wer wie aussieht. Wir steigen in den Bus, sehen jemanden und denken: Der sieht dem oder jenem ähnlich. Ich glaube, dass die Verschaltungen dieser Assoziationen sehr stabil sind. Wir haben eine Erfahrung, wie jemand aussieht, der schreibt oder malt oder komponiert. Das bleibt dann. Um unsere vielen Wahrnehmungen zu vereinfachen, bilden wir Erwartungen. Wir sagen dann, ein Dichter muss so oder so aussehen. Diese Erwartungen sind wie Schienen, auf denen ein Zug auf einen Bahnhof zufährt. Dieser Bahnhof heißt dann: Literatur.
ZEIT: Auf welchem Bahnhof kommen wir denn mit diesem Foto an? Auch aus einem neuen Verlagsprospekt, Fischer Verlag. Die junge Frau heißt Marisha Pessl, Amerikanerin.
Schmölders: Außerordentlich attraktiv, jung, leicht geöffneter Mund, mit Rückenlicht fotografiert, sodass die langen Haare besser zur Geltung kommt. Undefinierbar zwischen Film und public life.
ZEIT: Könnte also auch ein Modelfoto sein? Oder ein Foto, mit dem eine junge Frau sich casten lässt?
Schmölders: Ja, ein frühes, noch nicht ganz perfektes Model. Auf alle Fälle ist dieses Foto ein absoluter Ausweis des visuellen Zeitalters. Die Botschaft dieses Foto lautet: Komm in meine Lesung. Lerne mich leibhaftig kennen. Und das ist für die Literatur schon ein problematischer Aspekt. Sie soll ja gelesen werden, wir suchen im Bild des Autors vielleicht auch die Situation des Lesers. Die Botschaft des Bildes ist rein biologisch und kosmetisch. Das hat mit Text gar nichts zu tun. Wie heißt denn das Buch der jungen Amerikanerin? Ist das ein Sachbuch?
ZEIT: Nein, ein Roman, Die alltägliche Physik des Unglücks.
Schmölders: Ach du Schreck! Was ist denn auf dem Buchumschlag abgebildet?
ZEIT: Eine große aufblühende Rose, passt zum Foto der Autorin eigentlich.
Schmölders: Eine Rose, eine schöne Frau und dann so ein Titel. Als ehemalige Lektorin finde ich das Produkt ein Monstrum.
ZEIT: Oder einfach auf der Höhe der Zeit. Ein verführerisches Foto, das alles Mögliche, aber nicht unbedingt Literatur verspricht. Dazu ein Titel, der nach existenziell schwerer Literaturkost riecht. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
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Leseprobe I Buchbestellung 0207 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März