Udo Kier und Christoph Schlingensief, 1989, Foto: Ekko von Schwichow

Udo Kler und Christoph Schlingensief, 1989
Foto: Ekko von Schwichow

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Jesus und Mohammed im Paternoster.
Zuhause beim Künstler der Beschmutzung: Christoph Schlingensief und wie er die Welt nach dem 11. September sah
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 6.10.2001:

Er wohnt ganz oben, im sechsten Stock, der dicke Kokosläufer riecht nach Kirche, und in der fünften Etage steht Judas auf dem Namensschild.

"Wanderschuhe anziehen", hatte Christoph Schlingensief per SMS empfohlen, doch auch Bibel und Koran sind nicht fehl am Platz, wenn man den 41-jährigen Film- und Theatermacher derzeit in seiner Berliner Wohnung besucht.

In seiner letzten Kolumne auf den Lokalseiten der FAZ erklärt er mit Bezug auf die Attentate in den USA: "Betrachtet man aber die Verursacher dieser Katastrophe, und damit meine ich Jesus und Mohammed, so versteht man den Wendepunkt unserer Zeit: Mohammed fiel im Kampf, Jesus am Kreuz. Mohammed im Akt der Beschmutzung, Jesus im Akt der Reinigung durch Läuterung. Beide kommen nach oben, wodurch diese verdammte Nackensteifheit unserer Zeit zu erklären ist."

Einer hoch, einer runter

Beschmutzung und Reinigung sind Leitmotive der Arbeit von Christoph Schlingensief, und das nicht erst seit dem 11. September. Wobei die Begriffe je nach Sichtweise austauschbar sind. Im Gespräch wollte er Mohammeds Heilige Kriege gerade umgekehrt als letztliche Reinigung verstanden wissen, und Jesu Gotteszweifel am Kreuz als Beschmutzung. Darauf kommt es eben nicht an. Es kommt überhaupt nicht auf Begriffe an, und schon gar nicht auf einzelne. "Wichtig ist, dass sich das Jesusprinzip und das Mohammed-Prinzip nur im Paternoster treffen, und da fährt dann immer einer hoch zum Himmel und der andere zur Hölle runter, aber aussteigen können beide weder unten noch oben, das ist ja das Tolle am Paternoster: dass man da warten muss."

Schlingensiefs größtes Talent ist die Rhetorik. Schnell und elegant pflegt er Herumliegendes aufzugreifen, auf seine Thesenfähigkeit hin zu überprüfen, und es, wenn es gut klingt, seinem aktuellen Thema als Argument einzuspeisen: Die Attentate. Karlheinz Stockhausens Wort vom "größten Kunstwerk aller Zeiten". Die Absage des Stockhausen-Konzerts in Hamburg durch die veranstaltende ZEIT-Stiftung. Beschmutzung eben. Die Angst davor, vor dem Verdrängten. Vor einer Kunst, die nicht aufbauend ist, nicht edel, nicht fair.

"Ich habe noch kein Kunstwerk gesehen, das man an die Wand hängen kann und das die Welt verändert. Es geht doch vielmehr darum, eine kurze Diagnose zu stellen und dann zu zeigen, wie krank die Welt im Augenblick ist. Wenn Stockhausen halbwegs tickt, und das glaube ich, dann geht es ihm ständig auch um die Frage, welches Verbot er in seiner Kunst bricht. Dann ist er von Obsessionen geleitet, und wenn eine davon darin besteht, sich einen Augenblick lang mit einer Täterposition zu identifizieren? Bitte. Das Einzige aber, was sich die Leute von der Zeit-Stiftung oder die Kultursenatorin Weiß vorstellen können, ist, in so einem Haus zu sitzen und mit Tausenden anonym in den Tod gerissen zu werden. Das ist ihnen unerträglich und der Anlass, sich selbst als etwas Besonderes darzustellen. Diese Leute haben extreme Angst, dass jemand rausbekommt, wie beschmutzt sie eigentlich sind."

Christoph Schlingensief hingegen ist ein Künstler der Beschmutzung. Er stellt Abgründe und Randzonen aus. Eigene, allgemein menschliche, soziale, gesellschaftliche, politische, geschichtliche. Eigentlich nimmt er alle. Seit er in seiner ersten Inszenierung an der Berliner Volksbühne, das war 1993 in 100 Jahre CDU, auf die Bühne sprang und öffentlich über den Tod seiner Großmutter weinte, gibt es nichts, was er sich und anderen in seiner Arbeit nicht zugemutet hätte. Müllfestspiele. Die Nazizeit. Die 68-er Debatte. Behinderte, Obdachlose, Arbeitslose. Eine Parteigründung. Zirkus. Asylbewerber. Eine entgleiste Talkshow auf MTV. Neonazis auf einer staatlich subventionierten Bühne. Und jetzt hat er gemeinsamen mit einem ehemaligen Musikfunktionär der rechtsextremen Szene, Torsten Lemmer, ein eigenes Aussteigerprojekt initiiert: Rein/Raus. Eine Schweizer Milliardärin unterstützt ihn dabei, und zum Theatertreffen wurde er auch eingeladen. Das alles ist nicht wenig für einen Jungen aus Oberhausen.

Christoph Schlingensief schafft es, indem er immer nur den Anschub finanziert. Er rechnet die Sache hoch, zieht sich selbst beim Kassensturz aber wieder ab. Zählen kann man nicht auf ihn. Er ist derjenige, der die Dinge beim Namen nennt. Alles weitere ist Sache der Gesellschaft und der Politik. Schließlich muss er sich auch um sich selber kümmern.

Vier Liter Wasser täglich

Im Augenblick hat er eine persönliche Reinigungsphase abgeschlossen. Mit Hilfe einer Trennkost-Diät hat er fünf Kilo abgenommen, trinkt keinen Kaffee, dafür vier Liter Mineralwasser täglich und fühlt sich wunderbar. Auch sonst ist in Schlingensiefs Dachwohnung alles auf anheimelnde Produktivität ausgerichtet. Der Computer läuft und macht alle Viertelstunde mit einem Jingle auf sich aufmerksam, Torsten Lemmer lässt sich am Telefon auf einen Rückruf vertrösten, eine Ansichtskarte vom Griechenland-Urlaub ist noch griffbereit, und um ein Uhr kommt Gaby, die Mitarbeiterin bei Schlingensiefs Volksbühnen-Projekt Rosebud, das Mitte Dezember Premiere haben wird. Keine Show diesmal, sondern ein richtiges, eigenes Stück. Und da ist er dann schon wieder: Der Zwang. Das Zwanghafte. Die Kunst.

In der Nacht hat Schlingensief gerade eine Szene geschrieben, in der eine junge Reporterin die Frau des Bundeskanzlers entführt. In der jetzigen Fassung macht sie mit ihr Aufnahmen, die vortäuschen, sie befände sich in einem Camp in Afghanistan und würde die entführte Gattin exklusiv dort filmen. Und eines der dabei entstandenen Bilder schickt die Reporterin ein und gewinnt den Pulitzerpreis.

"Ich muss das machen", sagt Christoph Schlingensief. "Darin liegt ein großes Risiko, den Gedanken in die Welt zu setzen, dass die Frau des Kanzlers entführt und gequält wird, damit jemand den Pulitzerpreis bekommt. Aber ich meine es in keiner Weise zynisch." Das Äußerste. Schlingensief würde, wenn er sie bekommen könnte, auch die Blackbox aus der Pittsburgh-Maschine in seine Arbeit einbauen, den Ton in den letzten Minuten vor dem Absturz.

Dieser Such-und Sammeltrieb, dieses Wühlen und Kratzen, Insistieren und die-Decke-Wegreißen hat auch etwas Kindliches. Kindkaiser hieß es einmal in Theater heute. Anhand der Parteisimulation Scheitern als Chance vermaß Christoph Schlingensief 1998 die Grenzen seines Reiches außerhalb des Theaters. Mit dem Züricher Hamlet startete er im Frühjahr nicht nur die Nazis rein-Initiative, sondern auch eine Bestandsaufnahme des inneren Betriebs. Wie er das Geschehen hier entlang der Tonspur von Gründgens' Hamlet-Inszenierung von 1963 raffte und schnell abspulte, ist stilbildend für sein übernächstes Projekt, das ab Ende Januar in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Frankfurt entsteht. An sieben ostdeutschen Theatern wird er mit den dortigen Ensembles im Laufe von jeweils nur einer Woche Klassikerverschnitte in modernen Fassungen (etwa von Thomas Meinecke) einstudieren. Ein Stapel von CDs zu theatergeschichtlich bedeutenden Inszenierungen liegt zuhause bereits auf dem Tisch. Indes, nicht nur die Schlacken des Theateralltags sollen bei dieser Beschleunigungstour zum Vorschein kommen, sondern Teil der Arbeit ist auch, den Verfall des Künstlers selbst zu dokumentieren.

Hinterher gibt es das dann vielleicht als Video. Einen Schiller brüllenden, Schauspieler anflehenden Schlingensief, der dem Publikum von seiner eigenen Gage das Geld zurück gibt und Stadträte mit Situationen erpresst, in die er sie selbst gebracht hat, damit sie in die Vorstellung kommen. Das ist immer schon die doppelte Botschaft von Schlingensiefs Aktionen gewesen: Dass da einer ist, der sich haftbar macht. Dass noch das größte Chaos einen Ursprung hat. Schmerzensmann!, denkt man, wenn man sich auf der sicheren Seite wähnt.

Götterknabe!, wenn die Sache trifft.

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