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| Udo Kler und Christoph Schlingensief,
1989 Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Das war gnadenlos real
Christoph Schlingensief über seine
Krebserkrankung, Katholizismus, Künstler und Gott.
Das Gespräch führte Wilfried Mommert aus dem Münchner
Merkur, 4.9.2008:
Sie bauen in der Duisburger Halle die Kirche Ihrer
Kindheit in Oberhausen nach. „Kirche der Angst” war auch schon ein früheres
Projekt von Ihnen. Ist das jetzt die Fortsetzung und mit welchem Ziel?
Es ist mir ein altvertrautes Gelände, wo ich auch schon 1990 „Das deutsche
Kettensägenmassaker” gedreht habe. Aber ich präsentiere nicht meine Memoiren
auf der Bühne, sondern kehre mit dieser Arbeit an den Altar zurück, an dem
ich als sechsjähriger Messdiener gescheitert bin. Es ist also die
Rekonstruktion der ersten Angst, wenn man so will. Und ich will auch wissen,
ob ich mit meiner Krebserkrankung noch mal gescheitert bin oder ob
Scheitern, wie ich früher gerne gesagt habe, eben auch eine Chance bedeutet.
Zum Beispiel für einen Neuanfang.
Ich fange sozusagen das Spiel noch einmal an. Es macht mir große Freude
wieder zu arbeiten, und ich habe eine große Lebensfreude, auch wenn mich
noch immer sehr viele Dinge bedrängen und viele Fragen an Gott, ans Leben,
an das Leidwesen unseres Menschsein entstanden sind, die ich mir sonst nie
gestellt hätte.
Haben Sie heute also andere Ängste als früher, und ist
die „Kirche der Angst” heute eine andere für Sie?
Die „Kirche der Angst” entstand zurzeit der New Yorker Terroranschläge vom
11. September 2001, wo jeder jeden verdächtigt hat. Hier auf der
RuhrTriennale geht es um viel individuellere Fragen. Eine ganz persönliche
Angstkirche. Eine Weiterentwicklung des Gottesdienstes, wo nicht mehr nur
noch nachgebetet wird und jede persönliche Haftung ausgespart bleibt. Ich
lebe wie alle Menschen in meiner eigenen Angst, die niemand nachempfinden
kann, und ich habe eine große Angst vor der Welt, die ich aber gleichzeitig
auch liebe. Mir geht es wieder gut, ich kann wieder arbeiten, ich habe Spaß
am Leben und der Arbeit, auch wenn ich manchmal noch Ängste habe, kalte Füße
sozusagen. Ich denke viel nach und bin manchmal auch melancholisch, aber ich
liebe das Leben.
Ihr Leben hat sich aber stark verändert, Ihre
Einstellung zum Leben?
Natürlich, ich musste erst einmal lernen, mit so einer Krankheit umzugehen.
Ich war ja praktisch mit meiner Arbeit bis dahin quasi in einem
Hochgeschwindigkeitsrausch und wurde plötzlich angehalten, mit einem Fleck
auf einem Röntgenbild. Man kann es erst einmal nicht fassen und denkt an
Tuberkulose oder Lungenentzündung oder eine Pilzinfektion aus dem
brasilianischen Urwald, wo ich im vergangenen Jahr auch gearbeitet habe. Da
knallt es plötzlich im Leben und alle Sicherungsmaßnahmen sind erst mal
außer Kraft gesetzt, auch das Verhältnis zu mir und darüber hinaus zu meinen
Freunden, meiner Lebensgefährtin, meinem verstorbenen Vater und meiner
kränkelnden Mutter, da ging es nicht mehr um eine direkte Auswertung wie bei
manchen Arbeiten im Film, auf der Bühne, der Oper oder in der Kunst; nicht
alles ist Kunst.
Das da war gnadenlos real, und viele Simulationen unserer Gesellschaft bis
hin zu Teilen der eigenen Arbeit waren kaum noch zu ertragen. Und dann die
Diagnose, Lungenkrebs, es ist kein Raucherkrebs, ich gelte als Nichtraucher
- und auch in der Familie kein Lungenkrebs. Es nennt sich Adenokarzinom.
Basta. Das ist alles. Weitere Daten des unwillkommenen Schmarotzers gab es
nicht.
Wie hat der Katholik Schlingensief das verarbeitet?
Da tauchte wieder die alte Angst des sechsjährigen Messdieners vor dem Altar
auf mit der Frage: „Was habe ich denn falsch gemacht?” Man sucht als Christ
und erst recht als Katholik die Schuld doch zuerst bei sich selbst,
Krankheit als Bestrafung. Natürlich habe ich in meinem bisherigen Leben
extrem um Anerkennung gekämpft. Mir war wahnsinnig wichtig, dass ich geliebt
werde, auch von meinen Eltern, dass sie sehen, aus ihrem Jungen ist doch was
geworden. Der große Junge ist sich aber innerlich noch immer fremd. Ich
konnte nie im Leben sagen, ob ich ein guter oder ein böser Mensch bin, das
weiß ich immer noch nicht, das ist mir auch durch die Krankheit nicht klarer
geworden.
Da kann Ihnen auch die Kirche nicht helfen?
Ich bin als Christ erzogen worden, aber Gott und auch Jesus waren mir immer
wieder fremd, und die Kirche viel zu seicht, viel zu weinerlich, ein
Riesenproblem. Ich kann mit dem katholischen Kram eigentlich nicht mehr im
angelernten Sinne umgehen, auch wenn mir der Katholizismus noch immer näher
ist, er ist greifbarer, archaischer, unangenehmer, er stinkt und fasziniert
mehr als mancher Calvinismus oder trockengelegte Sektenkram. Aber wenn ich
das große Leid auf der ganzen Welt und in vielen persönlichen Tragödien auf
den Krankenhausstationen oder Chemo- und Strahlen-Wartezimmern sehe, dann
geht mir das jetzt noch stärker unter die Haut. Das war derart stark, dass
ich dadurch meine zunächst lebensbedrohende Erkrankung doch relativieren
konnte. Es gibt immer Schlimmeres, aber was ich erlebt habe, kam mir wie
eine Art Vorhölle vor. Und ich hoffe, dass mir das im Fegefeuer angerechnet
wird, auch wenn der Papst da anderen Unfug verbreitet.
Kann die Kunst eine Rettung sein so wie die Religion?
Vielleicht ist Gott doch ein gescheiterter Künstler. Wenn ich jetzt etwas
länger hinschaue, Gefühle nicht mehr nur oberflächlich abperlen lasse, dann
frage ich mich, ob ein Schöpfer wie Gott als Künstler versagt hat. Sein Werk
ist unvollkommen, es gammelt vor sich hin. Gott hat aufgegeben. Er will
nicht mehr korrigieren. Die Kunst aber akzeptiert das Scheitern, und genau
da hilft sie Gott. Der gescheiterte Künstler Gott bekommt Hilfe! Die Kunst
wird zur Religion. Ich bin nicht Gott, und Gott kann nicht malen! Gott sei
Dank! Und trotzdem habe ich Angst, so etwas zu denken.
Welche Rolle hat dann Richard Wagners
christlich-mythisches Werk „Parsifal”, das Sie für die Bayreuther Festspiele
inszeniert haben, gespielt?
Ich bin damit in eine gewisse Todesnähe gerutscht, die mich stark
angegriffen hat! Die andauernde Beschäftigung über Jahre mit dieser
Todesnähe im Parsifal-Stoff, das wurde fast zu viel. Wenn man permanent auf
eine Stelle haut, dann wird sie wund und bricht irgendwann mal auf. Ich habe
mir in den Jahren in Bayreuth, als der Krebs schon zu wachsen begann, ein
paar Dinge erlaubt, die nicht zu meinem Naturell gehören. Dagegen lehnt sich
auch der Körper auf. Man fährt wahrscheinlich sehr oft nach Bayreuth nicht
um zu leben, sondern um zu sterben.
Es gibt ja Dirigenten, die „Tristan und Isolde” nicht dirigieren wollen,
weil sie meinen, dass sie danach sterben würden. Ich würde diese Oper gerne
inszenieren. Und nicht, um zu sterben, sondern um der Liebe ein Denkmal zu
setzen! Und um zu sehen, wie weit man in der Kunst bei lebendigem Leibe
kommen kann. Wagner hat ja in diesen Werken die Liebe und den Tod sozusagen
an die Kunst delegiert, um selbst zu überleben. Andererseits überlebt die
Macht der Liebe, die ja im Leben sehr flüchtig sein kann. In der Musik aber
wird sie zeitlos, ewig und im besten Falle unsterblich. An solchen Fragen zu
arbeiten ist toll. Und deshalb bin ich auch trotz allem froh, dass ich den
„Parsifal” gemacht habe, es war letztlich ein großer Schritt zur Kunst und
wie Joseph Beuys sagen würde: zur Ich-Erkenntnis.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
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