Ein Treffen zu Einar Schleefs 60.
Geburtstag...
am Geburtsort von Einar
Schleef.
Besprechung von Frank Keil in der Frankfurter Rundschau, 20.01.2004:
Wie soll man sich am Grab von jemandem verhalten, den man zwar schätzt, aber
denn man selbst nie kennen gelernt hat? Es ist früh und kalt und es regnet
nicht. Zum Glück ist da die städtische Fremdenführerin, die mit der
Beherztheit der Praktikerin die verunsicherte Schar vom Grabe Einar Schleefs weg
in die Stadt lotst. Manchmal stehen bleibt, auf das eine und andere Haus zeigt
und stets sagt: "Wenn Sie das Buch Gertrud gelesen haben, werden Sie
wissen, dass ...". So fortführt bis ins legendäre Cafe Kolditz, wo man
auf den ersten Redner wartet, der schon in der Stadt weilt, aber das Cafe nicht
findet. Philosoph halt.
Sangerhausen, Hauptperson auf 900 Seiten "Gertrud"; Schleefstadt, ohne
dass sich irgendwo ein amtlicher Hinweis findet. Austragungsortes eines dreitägigem
Symposiums wie eines kleinen Festivals, anlässlich Schleefs Sechzigstem. Seiner
Geburtsstadt geht es nicht gut. Die Arbeitslosenquote liegt weit jenseits der
zwanzig Prozent und daran wird sich nichts ändern, auch wenn hier wie
beabsichtigt eine Motorradfabrik errichtet werden wird. Neulich fanden sich die
Sangerhauser zu später Stunde in den Tagesthemen wieder, als Hauptstadt
der Arbeitslosigkeit im Osten tituliert. Von Ulrich Wickert mehrmals
schmallippig Wolfgang Clement vorgehalten, der noch schmallippiger antwortete,
man müsse eben da hin gehen, wo die Arbeit sei. Das haben die Leute schon
getan. Die Stadt steht zur Hälfte leer. Desolate Altbauten, fensterlos neben Trümmergrundstücken
wie auf den S/W-Fotos von Schleef aus den frühen Sechzigern. Im Gegenzug warten
komplett renovierte Plattenbauten auf Bewohner, mit Bedarf an einer
Mehrraumwohnung und für Mieten, für die man auf dem Prenzelberg oder im
Schanzenviertel vielleicht noch ein WG-Zimmer erhascht. Dafür kennen die Geschäfte
keine verlängerten Öffnungszeiten und das Cafe am Markt öffnet Samstags erst
gar nicht.
Drückeberger und Fahnenflüchtiger
Emsig tätig dagegen der "Einar-Schleef-Arbeitskreis Sangerhausen",
getragen von den örtlichen Bewunderern gegen die Ablehner, die sich sogleich
fanden, als Anfang der Achtziger ein Exemplar der Gertrud heimlich von
Hand zu Hand ging und für viel Aufregung sorgte: Die einen fanden sich zu mies
beschrieben, die anderen gar nicht erwähnt. Erst neulich hat man dem
Freundeskreis jenes zerlesene Buch überreicht, das nun als Mix aus Dokument und
Reliquie darauf wartet, ausgestellt zu werden. Lebendig die Vorhaltungen - wie
der Radiokollege berichten kann: Ganz harmlos hatte der während einer Pause
eine Gaststube betreten und fand sich sogleich von Einheimischen umringt, die
ihm ihre Meinung geigten: Ein Drückeberger sei der Schleef gewesen, ein
Fahnenflüchtiger.
Sie hier inmitten all des Schlamassels sitzen zu lassen, in den Westen
abzuhauen, es sich dort bequem zu machen und über sie auch noch unverständliches
Zeugs zu schreiben, wer wollte das denn lesen. So spaltet Schleef weiterhin die
Sangerhauser Gemeinde in die, die andere Sorgen haben und in die, denen er
hilft, das ihre Stadt und ihr Leben mehr war, ist und sein wird als eine
Ansiedlungsstätte für Drogeriemärkte, die scheinbar überall überleben: die
Lehrer, den Architekten, den Arzt und den grauhaarigen Buchhändler, der
aufgeregt wie ein kleiner Junge mit seinem Schleef-Büchertisch von
Veranstaltung zu Veranstaltung eilte, unendlich stolz auf die druckfrischen
Exemplare des ersten Bandes der Tagebücher, den Sangerhauser Jahren. Sonntag
aber wollte er ruhen, zum Entsetzen der Symposiums-Crew. "Hier sind fünfzig
Leute und alle wollen kaufen", wie einer von ihnen ins Handy bellte.
Ein Sack voll Flöhe
Da wurde sie kurz sichtbar: die Bruchstelle zwischen Heimatforschern und sich
kühl gebenden Wissenschaftlern. Dabei sind beide aufeinander angewiesen: Die
einen brauchen die Segnungen durch Publikationen, Ausstellungen, Forschungen, um
dem Sumpf des Kleinstädtischen zu entfliehen; die anderen, deren Orts- und
Namenkenntnisse, um all die Hin- und Querverweise im Werk zu dechiffrieren, denn
wenn Schleef etwas war, dann Sammler, Horter, Materialist. Weshalb man dann doch
immer wieder einträchtig nebeneinander saß, in der alten Schulaula etwa, wo
Schleef noch als Schüler seine - sagen wir es ruhig - erste Theaterarbeit
ablieferte und die heute keine Aula mehr ist, sondern als Mehrzweckraum eines
Freizeitzentrums sich über die Runden zu retten sucht. Hier spätestens hätte
man gemeinsam auf die Pathospauke hauen können; hätte eine Urszene kreieren
und daran naschen können. Man tat es nicht.
Man gab die Totentrompeten I oder IV; man gab die dramatisierte Gertrud.
Man lies dazu Schleef in der Schwebe zwischen Welterfahrer und Chronist pendeln,
man suchte die Begegnung, denn am Ende wird der Einar doch einfach der Einar,
ein "Menschenklotz" als den ihn Günther Rühle als einstiger
Intendant vom Frankfurter Schauspiel beschrieb. Als er erzählte, wie es damals
war, als man den Schleef von der Bühne und aus dem Theater brüllen wollte, da
wurde es im Kolditz so still, dass es einem in den Ohren rauschte. Man braucht
halt Geschichten, Fleisch und Stoff, Kontextualität hin, Dekonstruktion her.
So werden immer wieder Germanisten, Doktoranten wie schlichte Fans nach
Sangerhausen reisen, werden das Grab aufsuchen und den Fußweg entlang der Gonna
gehen, den Einars Mutter Gertrud immer ging, wenn sie nicht mehr oder noch nicht
schlafen konnte. Und irgendwann stehen sie vor dem heute unverputzten Haus in
der Mogkstrasse 24, das Willy Schleef einst für seine Familie baute und in dem
heute ganz normale Leute wohnen, die sich wundern, dass immer wieder Fremde vor
ihrem Heim verharren, auf der Suche nach verlorenen Zeiten. Dabei ist die Zeit
ein Monstrum; ein Witz, eine Illusion, ein Abgrund, ein Sack voll Flöhe und
nicht zu greifen, wie spätestens jeder weiß, wenn er das Buch Gertrud
gelesen hat.
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