Silke Scheuermann, 2002, Foto: Ekko von Schwichow

Silke Scheuermann
Foto: Ekko von Schwichow

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Das Böse, das in allen steckt
Interview mit Silke Scheuermann
Von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 27.2.2007:

Frankfurter Rundschau: Ihr neuer Roman wurde als Porträt einer Generation gefeiert. Freut Sie das?

Silke Scheuermann: Sagen wir so - es stört mich nicht unbedingt, weil das ja heißt, dass sich viele in dem Buch wiedererkennen beziehungsweise etwas darin sehen, das zeitgemäß ist. Andererseits ist Die Stunde zwischen Hund und Wolf natürlich keine soziologische Studie und war auch nicht als Generationenroman gemeint. Vielmehr ging es mir um Identität und um das Problem des Identitätsverlustes. Der Ausgangspunkt war ein ganz persönlicher - der Besuch einer Ausstellung von Francis Bacon, der in seinen Porträts das Unheimliche im Menschen, das Tierische zeigt; den Augenblick, in dem der Mensch sich verliert und nur noch Instinkte da sind.

Sie erzählen eine relativ emotionale Geschichte mit vergleichsweise großer sprachlicher Kühle und Distanziertheit. Warum halten Sie sich Ihre Figuren so fern?

Das finde ich eigentlich gar nicht, den Eindruck hatte ich auch beim Schreiben nicht. Ich wollte schon, dass es Situationen von großer Nähe gibt, wenn sich die beiden Schwester nach einigen Jahren neu kennenlernen und die Ich-Erzählerin mehr und mehr an Ines interessiert ist, obwohl sie es gar nicht will. Und es ist ja auch der Beginn einer Liebe, der da geschildert wird, zugegebenermaßen in einer sehr unpassenden Konstellation, weil es sich um Ines' Freund handelt. Aber so passiert Liebe eben oft: Wenn sie nicht sein soll, quasi als das Gegenteil einer Kontaktanzeige. Aber es stimmt schon, dass mich das kühle, distanzierte Beschreiben sehr interessiert. Ich lese gerne Bücher von Vertretern des so genannten Nouveau Roman, etwa Jean-Philippe Toussaint oder Jean Echenoz, und an einigen Stellen schien es mir passend, sehr präzise zu sein, das wirkt dann wohl eher kalt als heiß.

Eine der Schwestern, Ines, die plötzlich im Leben der Ich-Erzählerin wieder auftaucht, ist Alkoholikerin. Wie wichtig ist dieser Moment des Rauschhaften für das Buch?

Er ist sehr wichtig als ein Ausdruck von Entgrenzung. Ich empfinde die beiden Schwestern da als Gegenpole. Die Ich-Erzählerin ist sehr kontrolliert, was ja nicht unbedingt immer positiv sein muss. In einer rückblickend erzählten Tanzszene im Roman hat sie etwa Drogen genommen und empfindet sich als gelöst, aber es ergibt sich nichts Schlechtes daraus, keine Abhängigkeit wie bei ihrer Schwester, die in der Regression eben auf ein tierisches Niveau zurückfällt. Ich finde es übrigens interessant, dass die Verwandlung in ein Tier nur in unserem Kulturkreis mit großem Übel in Zusammenhang gebracht und als Strafe empfunden wird, ganz in der Tradition der alten Griechen, während es für die Ägypter eine Erhöhung, etwas Erstrebenswertes bedeutet, im nächsten Leben beispielsweise ein Hund zu sein.

Beide Charaktere sind in Abneigung und Abhängigkeit miteinander verbunden. Was reizte Sie an dieser Konstellation?

Ich fand es reizvoll, gerade zwei Schwestern als Protagonistinnen und Gegenspielerinnen zu wählen, weil man ja in der Familie am ehesten glaubt, sich gründlich zu kennen. Aber in Wahrheit kennt man auch sich selbst oft nicht, und das kann sehr erschreckend sein, dieses Unheimliche, das Böse oder zumindest Bedrohliche, das in jedem steckt.

Sie haben als Lyrikerin begonnen, mit großem Erfolg, und nun zwei Prosabände veröffentlicht? Was macht Ihnen mehr Spaß - Lyrik oder Prosa?

Es macht beides Spaß, aber beides ist auch sehr schwer. Ich finde, dass immer das letzte, nun fertige Buch das schwierigste war, weil ich weiß und noch genau in Erinnerung habe, welche Probleme ich lösen musste. Der Anfang von etwas Neuem ist dagegen oft ganz leicht, weil man noch gar nicht daran denkt, was alles auf einen zukommt. Zurzeit jedenfalls arbeite ich wieder an einem Lyrikband.

Wann immer von Prosa die Rede ist, die von jungen Autorinnen geschrieben wurde, fällt der Name Judith Hermann. Auch im Zusammenhang mit Ihnen. Nervt Sie das oder können Sie das verstehen?

Ich habe die beiden Bücher von Judith Hermann gerne gelesen, glaube aber, dass ich in eine ganz andere Richtung arbeite - eine Richtung, die ich nicht unbedingt ausgerechnet gegen Judith Hermanns Literatur abgrenzen will, weil mir das willkürlich vorkäme. Meine literarischen Vorbilder allerdings sind fast alle schon tot. Andererseits würde ich so langsam Judith Hermann gerne mal treffen.

Sie kommen gerade von einer Indienreise zurück. Wie ist es dazu gekommen und wie sind Ihre Eindrücke?

Hier ist zum ersten Mal ein Literaturfestival organisiert worden, das ähnlich dem Internationalen Literaturfestival Berlin sein soll und dessen Leiter Ulrich Schreiber auch als Berater vor Ort ist. Es ist alles etwas chaotisch, aber sehr spannend. Weil in Indien in sehr vielen Sprachen geschrieben und gesprochen werden, tragen immer wieder Lyriker etwas im Original vor, das man dann zwar nicht versteht, aber es ist ein Statement. Es ist alles sehr politisch. Nach der Lesung wird man in Gesprächen gebeten, etwas zur zeitgenössischen Literatur in seinem Heimatland im Allgemeinen zu sagen, mir kommt dann aus der Distanz alles sehr überschaubar vor. Als öffnete man eine kleine Schublade und ließe die anderen hereinsehen, während die Inder einem im Vergleich dazu ihr ganzes Möbelhaus zeigen.

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