
Der
Leser mag klinisch reine Leichen
Aber er bekommt sie nicht von
Andrea Maria Schenkel: Die
Schriftstellerin über Brutalität und Realismus und warum sie gern pedantisch
ist.
Interview von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau,
26.02.2009:
(Andrea Maria Schenkel, mit Blick auf das Aufnahmegerät) Ich überlege, ob ich mir so etwas zulege. Um meine Texte laut zu lesen und sie mir dann anzuhören. Um zu prüfen, wo Fehler sind. Der Kauf ist bisher immer daran gescheitert, dass ich dachte: Ah, da kommst du dir doch blöd vor (lacht).
Was meinen Sie mit "Fehler"? Den Rhythmus des Textes?
Bei
vielen Autoren hat man das Gefühl, sie hören nichts.
Ich glaube, das liegt daran, dass sie nicht laut lesen.
Ihre Romane fallen schon dadurch aus dem Rahmen, dass sie schmal sind, ganz
entschlackt.
Mein Entwurf ist meist dicker, aber auch nicht sehr viel. Beim Überarbeiten bin
ich dann relativ unbarmherzig. Beim ersten Durchgang schreibe ich immer alles
auf, ich schreib und schreib und lösche nichts. Beim nächsten Durchgang wird das
Buch schon dünner. Und beim letzten bin ich so rigoros, dass ich aufpassen muss,
dass ich überhaupt noch was drin lasse.
Ich
habe Ihr neues Buch mit dem Aufkleber bekommen: "Der neue Roman der "Tannöd"-Autorin".
Nach dem großen Erfolg Ihres Erstlings, was fiel Ihnen schwerer: das zweite Buch
oder jetzt das dritte?
Das dritte. Das zweite war praktisch fertig, ehe der Hype um "Tannöd" begann.
Wenn ich jetzt über "Tannöd" nachdenke, dann bewundere ich meine Naivität. Aber
als ich den Deutschen Krimipreis für "Tannöd" bekam, hatte ich zwei oder drei
Tage vorher das Manuskript von "Kalteis" abgegeben. Das dritte Buch war auf
jeden Fall schwieriger. Das heißt, eigentlich liegt es in Teilen auf dem
Schreibtisch, jetzt erscheint das vierte. Ich war so naiv zu glauben, ich könne
schreiben, wenn ich auf Lesereise bin. Ich hatte an die hundert Lesungen. Aber
es ist ein anderer Rhythmus. Manchmal ist es sogar so, dass ich auf Lesereisen
nicht einmal Lust habe, tagsüber andere Autoren zu lesen. Weil ich mich nicht
konzentrieren kann.
Aber nun gibt es ja ein drittes, jetzt erscheinendes Buch - auch wenn es
eigentlich das vierte ist.
In der Schule schreiben die Kinder so genannte Reizwortgeschichten. Nach dem
Prinzip: Ich mail dir was und du schaust, was du daraus machen kannst. Es ist
ein Spiel. Also eine vollkommen andere Vorgehensweise als bei meinen beiden
anderen Büchern und auch beim ursprünglich dritten, nun verschobenen. Aber es
ist spröde Liebe, am Anfang war ich mir nicht so ganz sicher. Man weiß bei
diesen Reizwortgeschichten ja anfangs nicht, wo sie hinführen. Eigentlich
arbeite ich nicht so, sondern weiß, wo ich hin will, habe die Geschichte
ziemlich fertig im Kopf.
War der Startpunkt also ein einziges Wort?
Nein, es waren zwei, drei Sätze. Witzigerweise kann ich mich nicht mehr genau
erinnern. Es war die Situation eines Überfalls, die Szene, in der sie vor ihm
kniet und er sie schlägt. Und die Aufforderung meines Mannes: jetzt mach mal.
Das war im April vergangenen Jahres.
Tun Sie sich schwer beim Schreiben, sind Ihre Bücher auch deswegen so dünn?
Nein, überhaupt nicht, ich schreibe sehr sehr gern. Aber es gibt so viele
Geschichten zu erzählen. Und ich bin ein Pedant. Ich habe zum Beispiel bei einer
Weihnachtsgeschichte den Anfang hunderttausendmal umgeschrieben. Aber dieses
Pedantische, es macht mir Spaß.
Die Zeitverzögerung bei der Rezeption von "Tannöd", die Sie vorhin
angesprochen haben, war bemerkenswert: Das Buch war ja schon ein Jahr auf dem
Markt, als es plötzlich auf der Bestsellerliste landete.
Es war eigentlich damals schon ein altes Buch. Meist ist ja ein Buch, das im
Frühjahr rauskommt, im Herbst Schnee von gestern. Bei, glaube ich, 80 000
Neuerscheinungen im Jahr auch kein Wunder. "Tannöd" ist nicht schlecht gelaufen,
aber dass es dann so explodierte, das hat mich und den Verlag wirklich
überrascht. Plötzlich musste ich über ein Buch reden, das für mich schon
Ewigkeiten zurück lag. Komisch war es auch, als ich dann in der
Theateraufführung war. Manche Sachen darin haben mir gefallen, andere nicht.
Nicht gefallen hat mir zum Beispiel, dass die Darstellerin der Marianne beim
Verlassen der Bühne geschrien hat. Das fand ich furchtbar, ich habe mir die
Ohren zugehalten. Außerdem hätte ich das Bühnenbild ein bisschen karger gemacht.
Aber das liegt sicher daran, dass es mir gefällt, wenn die Dinge reduziert sind.
Es soll ja eigene Bilder im Kopf geben, es ist tausendmal interessanter: Was
macht der Leser, der Zuhörer damit?
War es möglicherweise nicht nur ein Segen, dass Sie für "Tannöd" viele
Krimipreise erhalten haben? Ein typischer Krimileser wird von Ihren Büchern ja
enttäuscht.
Ein typischer Krimileser ist, glaube ich, ein sehr ordentlicher Mensch. Der will
am Anfang das Chaos, und dann will er jemanden, der sagt (verstellt ihre
Stimme): "Ich räume auf! Ich räume auf!" Vielleicht ist das eine Erinnerung an
die Studentenzeit, wenn die Mutter zum Aufräumen kam und hinterher alles in
Ordnung war. So ein Leser ist bei mir natürlich enttäuscht, denn da ist
hinterher nichts aufgeräumt, ist es eigentlich noch schlimmer, als es vorher
war. Aber das Aufräumen interessiert mich nicht. Vielleicht bin ich auch zu
frustriert, denn in den Zimmern meiner Kinder herrschte jeden Tag wieder das
gleiche Chaos (lacht kräftig). Ich denke, dass vielen Krimiautoren der Plot
unheimlich wichtig ist, das Rätsel und wie man es löst. Mir ist die Sprache
wesentlich wichtiger.
Und, wie es scheint, die Leerstellen, die
unbeantworteten Fragen. Entscheiden Sie trotzdem für sich, wie es gewesen ist,
oder lassen Sie auch für sich selbst Leerstellen?
Für mich ist schon klar, was passiert ist.
Auch im neuen Buch, "Bunker", gibt es Dinge, über die sich der Leser
keineswegs sicher sein kann.
Es ist ein Spiel. Und es ist eine Momentaufnahme, ein Ausschnitt, es sind genau
diese paar Tage, von denen ich erzähle. Was vorher war, das kann sich jeder
selbst überlegen. Und was hinterher passiert, darüber könnte man eine ganz
andere Geschichte schreiben. Ich habe als Kind immer das gern gemacht: Wenn ich
einen Film gesehen oder ein Buch gelesen hatte, mir überlegt, wie es weitergeht,
mir selbst eine Folge ausgedacht. Da hab ich dann auch neue Figuren erfunden und
Dialoge für sie, die ich wieder verworfen habe, wenn ich sie zu blöd oder
kitschig fand. Ich möchte eine Geschichte gar nicht zu Ende erzählt haben. Bei
jeder meiner Lesungen kommt übrigens mindestens einer und sagt: Ich bin
eigentlich kein Krimileser, aber Ihre Krimis lese ich.
Ihr Verlag, Nautilus, schreibt schlicht "Roman" auf das Cover.
Es fängt ja schon damit an: Was ist ein Krimi? Doch nicht nur ein Whodunit.
Krimi ist auch keine B-Literatur. Es ist ein wunderbares Genre, in dem man
alles, einfach alles tun kann.
Und dessen Grenzen mittlerweile sehr weit sind.
Nehmen Sie Sjöwall/Wahlöö. Sie haben noch das klassische Ermittlerteam, aber sie
haben das Genre revolutioniert, indem sie die Figur des Martin Beck eingeführt
haben, den es so - mit seinem tragischen Privatleben - vorher nicht gegeben hat.
Gut, inzwischen kann man's nicht mehr hören und lesen, überall ermitteln
depressive, Alkohol abhängige Kommissare. Auf der anderen Seite ist auch
Dürrenmatt Krimi.
Würden Sie denn auch einen Roman schreiben, der nicht einmal entfernt ein
Krimi ist, in dem niemand getötet wird?
Das kann ich mir schon vorstellen. Obwohl ... ich weiß nicht. Ich fühle mich
eigentlich ganz wohl in der Krimiecke. Solange ich schreiben kann, wie ich
schreiben will, ist das in Ordnung.
Eine andere häufige Reaktion auf Ihre Romane ist: Oh, die sind so brutal.
Das verstehe ich nicht, denn es fließt ja nicht im Übermaß Blut. Es gibt Krimis,
da klatscht das Hirn gegen die Scheiben und rinnt runter ...
Es hat, denke ich, damit zu tun, wie Sie die Dinge beschreiben. Nehmen Sie in
"Bunker" die Passagen über die Bauch-OP ...
Das wird genauso beschrieben, wie es ist. Ja, man hat gern die klinisch reinen
Leichen. Bei mir ist es wie unterm Mikroskop. Das Setzen der Infusionsnadel
könnte man als Anleitung nehmen für: Wie setze ich eine Infusionsnadel. Bei "Kalteis"
ist es so, dass Männer das Buch weitaus öfter extrem brutal finden (es erzählt
von einem Vergewaltiger und Serienmörder, d. Red.). Und zwar so brutal, dass sie
sagen: Ich konnte nicht weiterlesen. Aber Frauen kommen auf mich zu und sagen:
Ich habe es gleich nochmal gelesen.
Nun, ich finde: Da spricht jemand aus, wie furchtbar hässlich Gewalt gegen
Frauen ist.
Bei männlichen Lesern ist es vermutlich so: Mit den Bildern, die da entstehen,
möchten sie gar nichts zu tun haben. Aber sexuelle Gewalt ist nicht sauber, sie
ist furchtbar. Auch wenn die Frau überlebt, ist sie für ihr Leben gezeichnet.
Und egal, was sie zum Beispiel anzieht, sie ist nie selbst schuld, nie.
Der japanische Autor Haruki Murakami
hat ein Buch über sein Laufen geschrieben, darüber, wie er das Schlechte, das
Dunkle, das sich beim Schreiben ansammle, ausschwitze. Machen Sie etwas
Ähnliches?
Ich gehe, um anständig arbeiten zu können, in der Früh einmal um die ganze
Innenstadt (von Regensburg, d. Red.). Bringe zuerst die Kinder in die Schule,
gehe, dusche, fange an zu arbeiten. Ich brauche dieses Gehen. Ich fange das Buch
sozusagen vorher in Gedanken auf, um hinterher daran arbeiten zu können. Und
nach Lesungen finde ich es entspannend, im Auto lange Strecken zu fahren. 300
Kilometer in der Nacht sind überhaupt kein Problem.
Haben Sie Vorbilder? Ich sehe im Regal
Dürrenmatt, James Ellroy, James Sallis,
Coetzee ...
Ganz bestimmte Vorbilder habe ich nicht. Mich beeindrucken einzelne Passagen.
Aber ich bin ganz schlecht darin, mir Autorennamen oder Titel zu merken. Das ist
so peinlich, wenn mich jemand fragt .... Derjenige müsste mir eine Passage
vorlesen, dann wüsste ich's. Zum Beispiel Max
Frisch, "Homo Faber", die Stelle, als er in Mittelamerika in der Hängematte
liegt: Man hört die Fliegen, spürt die Hitze, den Schweiß, der runterrinnt, den
Dreck, den Staub, man schmeckt ihn zwischen den Lippen .... Die Zeit bleibt hier
fast stehen. Das fasziniert mich am Schreiben: Dass man Zeit unheimlich schnell
fließen lassen kann, aber auch anhalten. Oder eben die Dinge wie unters
Mikroskop legen.
Ja, man merkt das Streben nach Präzision im Detail.
Mein Mann hat sich zum Beispiel aufgeregt über das Wort "Mäusepisse" in
"Bunker", er hat gesagt: Das kannst du nicht drinlassen. Und ich habe gesagt:
Aber stell dir vor, du krabbelst in einem stinkenden Keller unter ein Bett - was
findest du denn da? Und du denkst in dem Moment doch nicht: "Verdammte
Mäuseexkremente!"
Wenn wir schon beim Thema sind: Die Gefangene in "Bunker" verrichtet ihre
Notdurft in einer Plastiktüte. Das würde in einem anständigen Krimi auch nicht
stehen.
Das stimmt. Aber so ist es doch: Man muss aufs Klo, man hat Hunger. Man hat auch
in so einer Situation nicht permanent Angst, glaube ich. Je länger sie anhält,
desto besser ist man im Verdrängen. Es ist ein Selbstbetrug, aber man braucht
ihn. Wenn man eingesperrt ist genauso, wie wenn man in einer anderen schwierigen
Lage ist. Aber noch etwas, das in "Bunker" nicht den Gepflogenheiten des Genres
entspricht: Man mag das Opfer nicht, sie ist eine blöde Gans. Sie hat es drauf
angelegt, sie hat alles verdient. - So ein Krimi hat ja doch etwas Reinigendes
(lacht herzlich).
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