Andrea Maria Schenkel, Foto: edition-nautilus.de (hf0307)Mama, die Bestsellerautorin
Es ist eine Botschaft für sich, dass man Andrea Maria Schenkel in diesen Tagen immer noch daheim findet, wenn man sie sucht.

Besprechung von Lars L. von der Gönna in der WAZ vom 14.8.2007:

Es ist eine Botschaft für sich, dass man Andrea Maria Schenkel in diesen Tagen immer noch daheim findet, wenn man sie sucht. Freilich, auch hier, im Pollenrieder Einfamilienhaus, werden die Plätze, an denen Sie Zeit für ein Interview hat, nicht mehr. "Ich sitz' auf einem Badehocker!", sagt sie ins Telefon. Mit einem Handtuch auf dem Kopf, "wegen der Packung." Und: Ins Bad kämen die Kinder halt nicht ganz so schnell hinterher. Die Schenkelsche These hält drei Minuten, dann ist Linda im Bad. Linda ist acht und kann sich keinen besseren Ort denken, um sich die Hände zu waschen, als den, an dem Mama Interviews gibt. "Naa, abtrocknen musst dich jetzt aber nicht noch hier, bitte, Linda, Liiindaa, biiiiitte!"

Wer das Klischee von der schreibenden Hausfrau hasst, könnte hier das Lesen einstellen. Denn es lebt. Es gab diese kleine Ewigkeit im Leben der Frau Schenkel, in der tags die drei Kinder riefen, in der sie dem Mann, einem HNO-Arzt, zur Seite stand und in der sie, wenn es irgend ging, am Abend schrieb. Für sich - und damit "fürs Altpapier".

Aber sie hört nicht auf. Obwohl sie Angst hat wegen ihrer Rechtschreibung, Angst, Fehler zu machen: Frucht einer Schulzeit, die "schrecklich" war. Da kämpfte ihre Mutter für Andrea Maria: die erste Linkshänderin an dieser Schule, die nicht umerzogen werden sollte, "ein dorniger Weg". "Ich kann es bis heute nicht ertragen. wenn mir jemand beim Schreiben zusieht", sagt sie, die nach der Zehnten abging. Es gibt bessere Ausgangspositionen, um Bestseller zu landen.

All das kann den Coup nicht verhindern. Eine alte Geschichte, von der sie liest, erzählt Andrea Maria Schenkel 2005 neu. Es ist ein ungeklärtes Massaker aus der süddeutschen Provinz, "Tannöd".

Tannöd von Andrea Maria Schenkel, 2007, Edition NautilusDen Tag, als ihr Mann den Brief vom Verlag aus dem Kasten gefischt hat, weiß sie noch heute. Dann geht es los. Leise anfangs. Kleine Auflage, zarte Nachfrage. Plötzlich schreiben große Feuilletons. Und es kracht richtig, als - später - der "Spiegel" kommt und Elke Heidenreich über "Tannöd" ihren liebsten Imperativ hinaustrompetet: "Lesen!"

Der Erfolg hat das Leben der Andrea Maria Schenkel weniger verändert als befürchtet. Nein, es gibt in ihrem 360-Seelen-Dorf noch keinen Mitschüler, der die Kinder hänselt, weil ihre Mutter solche Mörderg'schichten schreibt. Vielleicht auch, weil die, die sie kennen, wissen, dass der Mord an sich ihr "gar net so wichtig is". Die kleinen Leute, sagt sie, über die möchte sie schreiben, was mit denen ist, und warum es so wird in ihren Leben, und warum manches eben nicht so wird.

Die Namen ihrer Helden erfindet sie nicht, sie findet sie, manche gar auf Friedhöfen ihrer Heimat: "Das sind spannende Orte, man lernt viel." Für ihr neues Buch hat sie sich eine Auszeit genommen, Irland, Cottage, Musenstille. "Ich hätt' mich nicht getraut und hab gedacht, na des geht net", sagt Andrea Maria Schenkel, aber die Familie hat sie ziehen lassen. Die Mama, das wusste ja auch die Linda, die kommt scho' wieder.

Als sie heut früh in der Stadt gewesen sei, sagt sie, und in der Buchhandlung den Riesenstapel mit ihrem eben erschienenen Zweitling "Kalteis" sah, da habe sie nur gedacht: "Wer soll's kaufen? Ich weiß, es is' blöd, ich kann's mir immer net vorstellen." Vielleicht, weil ihr eigener Mann "Tannöd" bis heute nicht gelesen hat. Und weil sie selbst dieses raffiniert gebaute Erzähl-Kunststück "nie für die ganz, ganz große Idee" gehalten hat. "Tannöd war eher die Übung, ich wollt' a anderes Buch schreiben, das war mir aber zu schwierig."

Die "Übung" hat sich bislang 300 000-mal verkauft. Und es dürfte so weitergehen. Dass "Kalteis" die Bestenliste hinaufklettert, ist nur eine Frage der Zeit. Eine Erfolgsstory, ohne Schreibseminar, ohne Literaturstudium. Frau Schenkel, ist das nicht alles ein bisschen zu kitschig, um wahr zu sein? Ja, sagt sie. Ihr Leben sei "eher eine dieser Geschichten, die ich höchstwahrscheinlich nicht schreiben würde." 

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