Rafi Schami, 2004, Foto: Ekko von Schwichow

Rafik Schami,
Foto: Ekko von Schwichow

www.schwichow.de
„Grenzen sind nichts Schlimmes“
Ein nostalgisches Flair zeichnet seine Romane aus, Sehnsucht nach den Gerüchen, den Geräuschen in den Straßen des alten Damaskus. Hier wurde Rafik Schami als Suheil Fadél 1946 geboren, doch 1970 verließ er die Heimat, kam über den Libanon nach Deutschland. Er kehrte nie zurück.
Gespräch
mit Britta Heidemann
in der WAZ vom 31.10.2015:

Ihr neuer Roman „Sophia“ erzählt von einer Rückkehr nach Syrien.

Sophia von Rafi Schami, 2015, HanserRafik Schami: Das Thema hat mich sehr beschäftigt. Welche Gefahren gehe ich ein, was passiert, wenn ich zurückkehre? Das Buch zu schreiben war eine Art Therapie für mich. Ich habe, ebenso wie mein Protagonist, im Jahr 2010 eine Amnestie bekommen. Davon aber habe ich keinen Gebrauch gemacht.

Was wurde Ihnen vorgeworfen?

Ich bin damals sehr aktiv gegen die Regierung vorgegangen. Das verzeihen sie nicht.

Was müsste passieren, damit Sie zurückkehren?

Die Diktatur müsste gestürzt werden. Es muss zudem eine gewisse Sicherheit geben. Wenn das Land ins Chaos stürzt, wäre es für mich noch gefährlicher. Und ich möchte mit meiner Rückkehr verbinden, dass wir lernen, einander die Hand zu reichen. Dann würde ich zurückkehren – aber nur zu Besuch. Meine Heimat ist Deutschland, ich habe meine Familie hier, mein Sohn ist hier geboren.

Welche Chance haben die Syrer auf ein Leben in Freiheit und Demokratie, was müsste geschehen?

Der Westen müsste aufhören zu heucheln. Seit Jahrzehnten arbeiten westliche Regierungen mit arabischen Diktaturen zusammen, mit allen Diktaturen. Die Russen marschieren, bombardieren, machen was sie wollen. Und europäische Politiker verwandeln sich in schlechte Journalisten, indem sie nur beschreiben, was jetzt passiert. Die Politiker müssen ihrer eigenen Demokratie würdig werden.

Die vielen Menschen, die jetzt ins Land kommen – was denken Sie, wenn Sie die Bilder sehen?

Ich habe großen Respekt vor der deutschen Bevölkerung. Diese Opferbereitschaft: Wie die Deutschen die Flüchtlinge an den Bahnhöfen empfangen haben – seit ich das gesehen habe, verbitte ich mir jeden Kommentar den Deutschen gegenüber.

Es gibt aber auch Stimmen in der Bevölkerung, die stärkere Grenzkontrollen fordern.

Grenzen sind nichts Schlimmes. Sondern eine Möglichkeit, zu definieren, was innerhalb und außerhalb liegt. Deutschland soll nicht den Musterschüler spielen. Die Europäer sind ohnehin geknickt, dass Deutschland in so vielem führend ist – und jetzt auch noch führend in Hilfsbereitschaft. Wie Mutter Theresa! Und kein Wort darf man mehr gegen Flüchtlinge sagen. Wichtiger ist die Gemeinschaft in Europa. Schauen Sie sich dieses Chaos an: Der eine macht die Türen weit auf, der andere sperrt Grenzen, errichtet Stacheldrahtzäune. Eigentlich müsste gerade Frankreich helfen, der französische Kolonialismus hat in den arabischen Ländern sehr viel zerstört. Aber Hollande zieht sich aus der Affäre und sagt, ich nehme nur tausend Flüchtlinge.

Sie haben eine eigene Flüchtlingshilfe ins Leben gerufen.

Ja, Schams heißt der Verein. Wir haben drei Schulprojekte in der Türkei, in Jordanien und im Libanon. Wir bezahlen die Lehrer, die Materialen, auch Lebensmittel. Und Psychotherapeuten: Denn viele Kinder sind traumatisiert vom Krieg. Diese Art von Hilfe verhindert, dass die IS an die Kinder herankommt. Diese Kinder erhalten Hilfe aus Europa!

In Deutschland ist Ihr Verein aber nicht aktiv?

Nein. Weil ich denke, jeder Flüchtling, der hier angekommen ist, der hat doch das Paradies erreicht. Der braucht mich nicht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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