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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Er sah, was wir nicht zu sehen vermochten, wagten. „Wer schauen kann, der sehe. Wer sehen kann, der betrachte”, dieses Bonmot stellte der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago seinem wohl bekanntesten Werk „Stadt der Blinden” voran. Gestern starb der so überzeugte Moralist wie Kommunist im Alter von 87 Jahren auf Lanzarote; unsere Trauer gilt einem, der uns seine Augen lieh. Der unseren Blick richtete auf sein kleines Land am Rande Europas. Der viele mögliche Welten erdachte neben dieser einen, von ihm oft als unmöglich empfundenen Welt.
Dabei glaubte er, der Meister der verschachtelten Dialoge und der seitenlangen Sätze, unbedingt an die Macht des Einzelnen und des einzelnen Wortes. Ein einziges „nicht” genügte ihm, „Die Geschichte der Belagerung der Stadt Lissabon” neu schreiben zu lassen von einem kleinen Korrektor, Rädchen im Getriebe: Die Mauren werden nicht vertrieben aus Lissabon, und nun?
Ein einziger Riss genügte Saramago, Portugal von Europa zu trennen: Es treibt „Das steinerne Floß”, und nun?
Saramagos tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat und deren
wechsel- wie qualvoller Geschichte traf dabei ja oft auf seine Freude am
ironischen Verwirrspiel mit Identitäten; so brachte er den Dichter
Pessoa ins
Gespräch mit seinem Alter Ego, Ricardo Reis. Stets verneigten seine Werke sich
vor dem, was wir „einfache Leute” nennen; der Roman „Hoffnung im Alentejo” ist
das kämpferischste Beispiel. José Saramago, 1922 in Azinhaga geboren, am Ufer
des Tejo, auf dem Dorf, in Armut, blieb seinem Land im wahrsten Sinne verbunden
– diesem „mal schlammigen, mal trockenen wandelbaren Grund unter dem weiten
Ozean der Lüfte”.
Und er blieb streitbar bis ins Alter. Der Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus” führte zum Zerwürfnis mit der katholischen Kirche; der Autor siedelte mit seiner Frau, der Journalistin Pilar del Rio, Anfang der 90er Jahre nach Lanzarote um. Sein dort im Internet verfasstes Blog „Cadernos de Lanzarote“, polemische Abrechnung mit der westlichen Welt, provozierte die Trennung von seinem deutschen Verlag: Rowohlt wollte das Tagebuch nur bereinigt veröffentlichen. Saramago wechselte darauf mit seinem Gesamtwerk zu Hoffmann & Campe, dort werden auch seine beiden letzten Romane erscheinen: „Kain” im Herbst 2011, „Die Reise des Elefanten” vorgezogen auf Ende Juni. Auch diesen Roman um eine historische Reise von Lissabon nach Wien im Jahr 1551 eröffnet ein Zitat: „Wir gelangen stets an den Ort, an dem man uns erwartet”.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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