Anfang war Raimundus
Der Lyriker
und Übersetzer Axel
Sanjosé über den bevorstehenden Auftritt der katalanischen Literatur auf
der Frankfurter Buchmesse
Das Gespräch führte Michael
Braun in freitag 37 vom 3.8.2007:
FREITAG: 130 katalanische Schriftsteller
werden in diesem Jahr nach Frankfurt zur Buchmesse kommen. Als Nicht-Kenner des
iberischen Raums gerät man da gleich ins Trudeln, denn es ist keinesfalls klar,
wer als katalanischer Autor gelten darf. Stellt sich hier einzig die Autonome
Gemeinschaft in Spanien vor mit ihrer Literaturhauptstadt Barcelona? Oder sind
auch Autoren von den Balearen eingeladen worden oder aus Andorra, in denen das
Katalanische offizielle Landessprache ist?
AXEL SANJOSÉ: Gast ist ausdrücklich die "Katalanische Kultur". Dazu
gehören in jedem Fall alle katalanischsprachigen Gebiete mit immerhin 13
Millionen Menschen. So stammen die eingeladenen Autorinnen und Autoren
keineswegs nur aus der autonomen Region Katalonien, sondern genauso aus den
Balearen und aus València sowie aus Andorra und aus dem Roussillon. Es gibt
außerdem noch eine kleine Katalanisch sprechende Gemeinschaft in L´Alguer/Alghero
auf Sardinien. Dieses Miteinander ist übrigens keine Inszenierung für die
Buchmesse: Auch in der Wirklichkeit der katalanischen Literatur spielt es keine
Rolle, ob eine Autorin oder ein Autor aus Barcelona, Palma oder Perpinyà kommt.
Josep Bargalló, Direktor des den Buchmessen-Auftritt organisierenden
Ramon-Llull-Instituts in Barcelona, hatte ursprünglich nur Autoren eingeladen,
die ihre Werke auf Katalanisch schreiben. Was ist von dieser Entscheidung zu
halten? Sind demnach Schriftsteller, die in Katalonien geboren wurden oder dort
leben, aber auf Spanisch schreiben, keine katalanischen Autoren? Ist hier in
dieser Trennung schon ein literarischer Separatismus verborgen?
Über den Einladungsmodus hat man schon in den letzten zwei Jahren, also
bereits vor Bargallós Amtsantritt, heftig debattiert. Allerdings wird
die Polemik hierzulande in den Feuilletons gewissermaßen nachträglich
geschürt; in vielen Artikeln ist nur noch davon die Rede, wer alles
nicht nach Frankfurt kommt. Dabei war von Beginn an klar, dass die
Autoren in katalanischer Sprache - im philologischen Sinne also: die
zeitgenössische katalanische Literatur - im Mittelpunkt stehen würden.
Darum geht es ja schließlich auf dieser Buchmesse, denn die Sprache ist
ein zentraler Aspekt einer Kultur. Dass man die spanischschreibenden
Größen aus der Region von Goytisolo,
Mendoza, Marsé,
Ruiz Zafón und so
weiter. mitberücksichtigen würde, hatte eigentlich auch niemand in
Frage gestellt. Doch am Ende hat sich alles zugespitzt, es gab
Empfindlichkeiten. Vielleicht wollten sich Bargalló und die
Organisatoren nicht von außen diktieren lassen, wen sie einladen, und
haben deshalb allzu sehr auf Geheimhaltung und Herauszögern gesetzt;
umgekehrt empfand wohl mancher von den berühmteren Autoren, dass er
nicht genug hofiert wurde. So sind dann die Absagen zustande gekommen.
Absagen, wohlgemerkt, denn eine Einladung ist an die auf Spanisch
schreibenden "Prominenten" sehr wohl ergangen.
Von einem nationalistischen Eifer der katalanischen Organisatoren zu
sprechen, wäre also unangemessen?
Das Institut Ramon Llull tut im Grunde nichts anderes als das, was etwa
das Goethe-Institut, das Institut Français oder das British Council
auch tun: die Bekanntheit und Anerkennung der eigenen Kultur im Ausland
zu fördern. In einer Situation der generellen Zweisprachigkeit vor Ort
und der medialen Dominanz des Spanischen ist es durchaus angebracht,
institutionell ein Gegengewicht zu setzen. Das hat per se nichts mit
Feindbildern zu tun, weder auf Spanien bezogen noch auf die
katalanischen Schriftsteller, die auf Spanisch schreiben. Natürlich
gibt es durchaus auch Eiferer, aber die gibt es überall. Im Großen und
Ganzen ist die Stimmung entspannt; in Katalonien lebt man schon immer
mit all diesen Differenzierungen und Komplexitäten, das ist eigentlich
wieder Teil der Kultur. Wie gesagt, manchmal habe ich den Eindruck, dass
die Angelegenheit hierzulande künstlich dramatisiert wird.
Wie ist nun aber ein Autor wie der berühmte Eduardo
Mendoza zu qualifizieren, der seine Romane auf Spanisch, seine
Theaterstücke aber auf Katalanisch schreibt? Als spanischer oder als
katalanischer Autor?
Mendoza ist Katalane, nach seinem eigenen und nach allgemeinem
Verständnis. Seine wichtigsten Werke, die Romane, sind allerdings auf
Spanisch geschrieben und damit Teil der spanischen Literatur, nicht der
katalanischen. Bei den - weniger erfolgreichen - Theaterstücken ist es
umgekehrt. Noch ein Beispiel: Pere Gimferrer schrieb seine ersten
Gedichtbände auf Spanisch; sie sorgten in den sechziger Jahren für
Aufsehen und sind unter dem Stichwort "Novísimos" in jeder
Geschichte der spanischen Literatur zu finden. Ab 1970 veröffentlichte
er auf Katalanisch, und auch diese Lyrik ist ein eminent bedeutendes
Werk der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch mit anderen
Anknüpfungspunkten und Resonanzen - katalanische Literaturgeschichte
eben. Jeder Fall liegt etwas anders, aber grundsätzlich herrscht ja
Einigkeit darüber, dass man die Literatur - wenn überhaupt- nach
Sprachen gliedert. Nabokovs
große Romane zählen definitiv zur englisch-amerikanischen Literatur,
nicht zur russischen.
Welche Bedeutung hat eigentlich der Philosoph und Mystiker Raimundus Lullus
beziehungsweise Ramon Llull für die katalanische Kultur und Sprache? Nach ihm
ist ja das verantwortliche Institut für den Buchmessen-Auftritt benannt. Führt
von seiner Ars Magna, dem Konzept des mechanischen Kombinierens von Begriffen
mit Hilfe einer logischen Maschine, ein Weg zur katalanischen Sprache?
Das Institut Ramon Llull ist ja, wie gesagt, nicht nur für die
Buchmesse zuständig, sondern hat eine ähnliche Funktion wie das
Goethe-Institut. Die Namenswahl ist insofern besonders gelungen, als
Llull oder Lullus nicht nur der erste Literat in katalanischer Sprache
ist, ein Klassiker mit europäischer Ausstrahlung, sondern auch weil
seine kosmopolitische und für die Zeit sehr tolerante Persönlichkeit
ihn auch zur Symbolfigur macht. Llull war Missionar, aber zugleich
Dichter und Philosoph, er arbeitete an einem umfassenden System der
Wissenschaften, beherrschte zahlreiche Sprachen und war ein Mittler zur
arabischen Welt, die er gut kannte, er verfasste auch Werke auf
Arabisch. Katalanisch ist aber natürlich kein Produkt der Llullschen
Kombinatorik, sondern eine aus dem Vulgärlatein hervorgegangene
romanische Sprache wie Französisch, Italienisch, Portugiesisch oder
Spanisch auch; aufgrund ihrer Geschichte zeichnet sie sich durch eine
eher hohe Zahl an Unregelmäßigkeiten aus.
Wie sieht das literarische Leben in Katalonien und den verwandten
Kulturregionen aus? Wieviele belletristische Bücher erscheinen jährlich in
katalanischer Sprache? Welche Auflage erzielt ein Roman von, sagen wir, Jaume
Cabré oder Quim Monzó?
Und gibt es katalanische Autoren, die im deutschsprachigen Raum bekannt sind?
Die Anzahl der belletristischen Neuerscheinungen auf Katalanisch dürfte
pro Jahr bei rund 2.000 Titeln liegen, bei einer Gesamtauflage von 8.577
Buchtiteln etwa im Jahre 2005. Die durchschnittliche Auflagenhöhe pro
Titel betrug zuletzt etwa 2.900 Exemplare. Erfolgsbücher wie die der
genannten Autoren erreichen schon mal eine Auflage von 200.000
Exemplaren. Sicher ist: Die Verlagsbranche in Katalonien spielt mit
einem Anteil von rund 28 Prozent eine führende Rolle innerhalb des
gesamten spanischen Buchmarkts, die rund 80 von 260 Verlagen, die
katalanische Literatur publizieren, bilden einen wichtigen Stützpfeiler
der katalanischen Kultur und Wirtschaft. Was den Bekanntheitsgrad der
katalanischen Literatur hierzulande angeht, so ist das natürlich eine
relative Angelegenheit. Aus der Vergangenheit dürfte vor allem
Mercè
Rodoreda (1909-1983) mit Auf
der Plaça del Diamant und weiteren Romanen als "bekannt" gelten,
von den zeitgenössischen Autoren sicherlich Quim
Monzó mit Der Grund der Dinge. In der Lyrik zählt Salvador
Espriu (1913-1985) zu den Großen aus der Kategorie etwa eines Montale,
Celan, Larkin
oder Brodsky,
aber da geht es den katalanischen Lyrikern nicht anders als ihren
Kollegen anderswo: Wieviel Bände von Paul
Celan werden im Jahr gekauft?
Was hat dieser Buchmessen-Auftritt in Bewegung gebracht? Bislang war die
katalanische Literatur im deutschsprachigen Raum eine kaum auffindbare Oase.
2005 wurden zum Beispiel nur fünf Titel übertragen, 2006 immerhin schon
zwölf. Das ist eher karg. Ändert sich das jetzt?
In der Tat ist die Anzahl der bislang übersetzten Werke äußerst
gering - im Grunde immer noch eine Folge der langjährigen Verleugnung
des Katalanischen. Aber nun sind gut 45 neue Titel angekündigt, einige
sind auch schon im Frühjahr erschienen, und das ist auf jeden Fall ein
erster Schritt. Zu hoffen bleibt, dass die Messe Impulse für die
nächsten Jahre und Jahrzehnte gibt - dass also die institutionelle
Begleitung ebenso erhalten bleibt wie die Bereitschaft der deutschen
Verlage, neben der Weltsprache Spanisch ebenso das Katalanische zu
berücksichtigen. Es gibt noch einiges zu entdecken, die Erzähler Joan
Sales und Manuel de Pedrolo, die Lyriker Carles
Riba, Maria Mercè Marçal. Das sind Meilensteine des 20. Jahrhunderts in der katalanischen
Literatur. Aber auch mancher Klassiker aus dem 19. und vor allem aus dem
Mittelalter wäre eine zeitgemäße Übersetzung wert.[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
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