Jerome David Salinger Foto: wikipedia (hf0110)Die Flinte im Roggen.
Amerikas Ein-Buch-Autor J. D. Salinger: Ein Phantom wird 85.
Hintergrundbericht von Jens Dirksen aus der NRZ vom 30.12.2003:

Er ist der klassische Ein-Buch-Autor, der wie Goethe einen stürmisch verkauften, stilbildenden Jugendroman hinbekommen hat - aber anders als Goethe danach nicht mehr viel. So muss sich J.D. Salinger am Neujahrstag einmal mehr als alter Mann feiern lassen, der als Autor mit seinem "Fänger im Roggen" auf ewig für den Trotz, das Aufbegehren, die Heftigkeit, Spätpubertät stehen wird. Vielleicht wird er deshalb auch an seinem 85. Geburtstag jeden, der versucht, ihm in seinem abgeschiedenen Haus in den Wäldern von New Hampshire zu gratulieren, mit einer Ladung Schrotkugeln drohen. Seit Jahrzehnten ist Jerome David Salinger für niemanden zu sprechen, neben Thomas Pynchon das große Phantom der US-amerikanischen Literatur.

Weitergehen streng verboten

Fänger im Roggen von Jerome D. Salinger, 2003, KiWi"The Catcher in the Rye" - erschienen 1951 nach zehnjähriger Arbeit - blieb Salingers einziger Roman. Ein paar Kurzgeschichten veröffentlichte er noch. Dann setzte er sich ins Auto, fuhr sechs Stunden Richtung Nordosten und igelte sich ein. "Weitergehen streng verboten", steht auf einem Schild an der Einfahrt des Salinger-Anwesens oberhalb der 1700-Seelen-Gemeinde Cornish. Aus allen Teilen der USA, ja aus fast allen Ecken der Welt, sind im Laufe der Jahrzehnte Salinger-Jünger hierher gepilgert - in der vergeblichen Hoffnung, den berühmtesten Einsiedler Amerikas zu erblicken.

Hartnäckig hält sich allerdings das Gerücht, dass der Autor auf seinem abgeschiedenen Hügel schreibt wie ein Besessener. Die Journalistin Joyce Maynard, die 19 war, als Salinger sie vor rund drei Jahrzehnten eine Weile bei sich leben ließ, berichtete das 1998 in ihrem Memoirenbuch "At Home in the World". In einem blauem Overall würde der Einsiedler täglich schreiben und meditieren und abends die Manuskripte wegschließen. "Ich kann die Gesellschaft da draußen nur ertragen, solange ich meine Gummihandschuhe anbehalte", habe Salinger ihr gesagt. Und er habe von dem "dringenden Wunsch" erzählt, "meine Ohren abzuschneiden und den nächsten Zug in die Antarktis zu nehmen".

Wenn es stimmt, dass Salinger schreibt, und wenn er nicht alle Seiten vernichten sollte, dann müsste spätestens nach seinem Tod aus den Hügeln von New Hampshire eine literarische Sensation kommen. Allerdings bliebe dann die Wunschvorstellung seines Romanhelden Holden Caulfield unerfüllt: "Am meisten halte ich davon, wenn man nach einem Buch ganz erledigt ist und sich wünscht, dass man mit dem Autor, der es geschrieben hat, nah befreundet wäre und dass man ihn antelefonieren könnte, wenn man dazu Lust hätte." (JD/NRZ)

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