Pharaonen leben länger
Die Ägypter sind berühmt für ihren Humor. So traurig oder
verzweifelt das Leben manchmal auch sein mag, es findet sich immer eine Pointe.
Witze werden nebenbei ins Gespräch eingestreut, oft nur angedeutet, manchmal
ausgeschmückt.
Das Gespräch führte
Susanne Schanda unter
www.susanneschanda.ch, 2009:
Im Kairoer Literatentreff Grillon spreche ich mit dem Autor
und Verleger Mekkawi Said über
Literatur, Gott und die Welt. Als ich auch noch die Politik ins Spiel bringen
will, verzieht er das Gesicht. Das ist kein beliebtes Thema in Ägypten.
Einerseits weil hier niemand glaubt, dass er auch nur den kleinsten Einfluss auf
das Geschehen hat. Andrerseits weil kritische Kommentare über den Präsidenten
schmerzhafte Konsequenzen haben können. So landete der Chefredaktor der
unabhängigen Tageszeitung «Al-Dostour» im Gefängnis, als er den
Gesundheitszustand des 81-jährigen Mubarak, der seit 28 Jahren regiert, infrage
stellte und in der Zeitung etwas polemisch formulierte, dass der Präsident so
gut wie tot sei.
Abschied von Mubarak
Das erinnert Mekkawi Said an einen Witz: «Hosni Mubarak liegt
schwer krank in seinem Bett im Präsidentenpalast, umsorgt von einer
Krankenschwester. Offensichtlich geht es zu Ende mit ihm. Hunderttausende von
Ägyptern haben sich wehklagend vor dem Palast versammelt, um ihrem Rais in
seiner letzten Stunde beizustehen. Irritiert fragt Mubarak die Krankenschwester,
was für ein Lärm das sei auf der Strasse. Sie antwortet ihm voller Mitgefühl,
dass seine Untertanen gekommen seien, um sich von ihm zu verabschieden. Worauf
er fragt: ,Warum? Wo gehen sie denn hin?‘»
Der Präsident hat nicht vor abzutreten. Das macht er immer wieder deutlich.
Deshalb hat er bis jetzt keinen Vizepräsidenten ernannt. Deshalb wischt er jede
Spekulation, er baue seinen Sohn Gamal zum Nachfolger auf, vom Tisch. Der Pharao
braucht keinen Nachfolger. Dazu fällt Mekkawi Said wieder ein Witz ein: «Gamal
Mubarak stirbt. Hosni verkündet seinem Volk die traurige Nachricht und fügt
gleich an: ,Ich habe immer gesagt, es sei eine Lüge, zu behaupten, mein Sohn
würde einmal mein Nachfolger.‘» Übrigens soll Mubaraks Mutter über 100 Jahre alt
geworden sein. Solchen Aussichten begegnet man besser mit Humor.
Vom Aktivisten zum Islamisten
Es stimmt nur teilweise, dass Ägypter unpolitische Menschen
seien. Sie sehen die Welt einfach in grösseren Dimensionen. Da hat auch ein Gott
Platz, ein Teufel, Sünde, Lust, Schönheit und Selbstironie. Said Mekkawi hält
nichts von Ideologien. «Für meine Generation war es eine Art Mode, Nasserist und
Linker zu sein. Unter dieser Engstirnigkeit haben wir gelitten.» Politik
entsteht für den 54-jährigen Autor in Kairos Strassencafés und im World Wide
Web. Seine Bücher erzählen von den verschiedenen Welten, die sich in Downtown
Kairo überlappen, von den Strassenkindern, Ausländern, Künstlern und
Intellektuellen. Und von einem linken Politaktivisten, der sich unter der
Erfahrung der staatlichen Repression zum Islamisten wandelt. Als ich Mekkawi
Said am Ende unseres Gesprächs fotografieren will, setzt er seinen bebrillten
Glatzkopf ins richtige Licht und verweist auf seine Ähnlichkeit mit Gandhi: «Ben
Kingsley hat mir die Filmrolle weggeschnappt. Sonst wäre ich heute berühmt.»
Ein letzter Witz zur Lage der Nation: «Jemand will dem Präsidenten eine
Schildkröte schenken. ,Das Tier kann bis zu 500 Jahre alt werden‘, sagt der
Mann. Mubarak antwortet: ,Wir werden ja sehen.‘»
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1009 LYRIKwelt © Susanne Schanda